Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ein Held unserer Zeit
Leitartikel Lokales 2 Min. 09.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Ein Held unserer Zeit

Leitartikel Lokales 2 Min. 09.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Ein Held unserer Zeit

Wolf von Leipzig
Wolf von Leipzig
Der Begriff „Held“ wird in unserer heutigen Zeit nur noch selten gebraucht. Und doch scheint er gelegentlich zutreffend – so ganz gewiss im Fall von Nelson Mandela.

Der Begriff „Held“ wird in unserer heutigen Zeit gescheut, meist nur noch ironisch gebraucht. Lieber wird von Vorbildern, Idolen gesprochen. Und doch scheint er gelegentlich zutreffend – so ganz gewiss im Fall von Nelson Mandela. Der Südafrikaner hat Geschichte gemacht. Wenigen anderen Menschen ist in unserer Zeit eine ähnliche uneingeschränkte Verehrung in der ganzen Welt zuteil geworden.

Unzählige Bücher, Filme und Lieder sind über ihn verfasst, gedreht bzw. komponiert worden. So hat die Symbolfigur des Kampfes gegen die Apartheid schon zu Lebzeiten ein Prestige genossen, an dem ihm kaum jemand gleichkommt. Autoritäten von vergleichbarem Ansehen sind sonst nur religiöse Führer wie Papst Franziskus oder der Dalai Lama. Mit ihm vergleichbar war allein Indiens Apostel der Gewaltlosigkeit: Mandela war der „Gandhi unserer Zeit“. Nun ist er – friedlich und hochbetagt – gestorben.

Tatsächlich war Gandhi anfangs ein Vorbild für Mandela im Kampf für die Emanzipation der Farbigen. Doch anders als „Mahatma („große Seele“) war Mandela kein Apostel absoluter Gewaltlosigkeit. Dennoch ist Mandela zum Vorbild unzähliger Menschen geworden. Weshalb?

Während die Kämpfer des „African National Congress“ einen Guerillakrieg gegen Südafrikas Apartheidregime führten, saß Mandela 27 Jahre im Gefängnis und wurde zur Galionsfigur des Widerstandes und Kampfes gegen Rassismus. Der „Gefangene von Robben Island“ wurde so – fast ohne sein eigens Zutun – zu einem gewaltlosen Kämpfer für Freiheit und Gleichheit aller Menschen in Südafrika, obwohl er den militärischen Widerstand ausdrücklich unterstützte.

Mandelas großer Augenblick kam, als er 1990 freikam und nicht Hass und Vergeltung gegen die weißen Südafrikaner predigte, sondern für Frieden und Aussöhnung eintrat. Seine menschliche Größe zeigte sich gerade im Moment des Triumphes, als Mandela seinem Gegenspieler Frederik de Klerk und zugleich allen Weißen Südafrikas die Hand zur Versöhnung reichte. Dabei war (und ist) ein friedliches Miteinander nicht ausgemacht. Was für ein Kontrast zu einem Guerillaführer wie Robert Mugabe im benachbarten Simbabwe, der sich nach dem Sieg über die Weißen zum Diktator aufschwang.

Helden sind unserer Zeit weitgehend abhanden gekommen – zumal in der Politik. Offensichtlich besteht eine Sehnsucht, ja geradezu ein Bedürfnis nach, wenn nicht „Helden“, so doch Vorbildern. Der Dramatiker und Marxist Bertolt Brecht hat im „Leben des Galilei“ seinem Helden den Ausspruch in den Mund gelegt: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Die Analyse ist wohl „politisch korrekt“, aber sie war vor allem didaktisch-propagandistisch gemeint. Doch im Umkehrschluss ließe sich sagen: Arm wäre die Welt ohne Vorbilder wie Mandela angesichts der Probleme und Konflikte. Gerade wo Politiker gemeinhin als Anti-Helden gelten und Sportler und Popstars eher als Projektionsflächen denn als Vorbilder taugen.

Mandela war klug genug, immer wieder zu betonen, dass er kein „Held“, sondern ein ganz normaler Mensch sei. Er wollte dies als Ermutigung verstanden wissen, dass in jedem das Potenzial zum „Helden“ steckt und viele Menschen „Helden des Alltags“ sind, indem sie sich für ihre Ideale einsetzen und diese leben. So hat das Vorbild Mandela den Glauben an das Gute in den Menschen gestärkt. Insofern lebt er weiter.