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Ein Escher Unikum
Lokales 5 Min. 19.10.2018

Ein Escher Unikum

Künstler Théid Johanns in seinem Stammlokal Pitcher in Esch.

Ein Escher Unikum

Künstler Théid Johanns in seinem Stammlokal Pitcher in Esch.
Foto: Guy Jallay
Lokales 5 Min. 19.10.2018

Ein Escher Unikum

Anne Julie HEINTZ
Anne Julie HEINTZ
Künstler, Politiker, Pitcher-Gänger, Kollektiv Cueva oder früher auch Rouden Théid: Egal unter welcher Bezeichnung man ihn kennt, nach ein paar Schritten mit ihm durch die Uelzechtstrooss ist klar: In Esch gehört Théid Johanns zur Familie.

Esch 2022, der Ausgang der Landeswahlen, Luxemburger Künstlerprojekte, sein persönlicher Werdegang und der Blick auf die Gesellschaft – mit Théid Johanns lässt sich über vieles reden. Besonders gut aber über Kunst. Denn der authentische Escher hat ein Herz und eine Ader für Kultur. Heute vor zwei Wochen hat die Stadt Esch ihm den Mértite culturel überreicht. Ein Preis, den Théid Johanns – wie er selber sagt – darin bestätigt, dass man bei kommenden Projekten auf ihn setzen kann und dies, auf neuen und nicht konventionellen Wegen. Der 63-Jährige begrüßt es nämlich, dass die Preisverleihung in einer ehemaligen Industriehalle auf dem Gelände der Gemeindedienste, in der Hiel, stattfand und nicht auf einem namhaften Szeneplatz. In der Hiel konnte man zeigen, dass „nicht die Fassade wichtig ist, sondern das, was sich im Innern abspielt. Es wird einfach zu viel Wert auf die Fassade gelegt. Ein typisch Luxemburger Syndrom“, sagt er. Eine Haltung, die sich in vielen seiner Eigenschaften widerspiegelt.


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Seit sechs Jahren ist Théid Johanns im Ruhestand. Doch bis dahin war es ein langer Tag. Bereits im Kindesalter begann Théid Johanns mit der Malerei. Als er fünf Jahre alt war, schickte er seine Zeichnungen an Claude Robert, der zwischen 1955 und 1980 die Sendung Ecole Buissonnière auf RTL moderierte. „Jedes Mal, wenn eines meiner Bilder gezeigt wurde, bekam ich eine Tafel Schokolade.“ Nach dieser Etappe hat er aber bereits eine sehr lange Kunstpause eingelegt.

Auf dem Weg nach oben

Erst mit 33 Jahren brachte ihn der Entzug vom Alkohol und den Drogen wieder zurück zum künstlerischen Schaffen. „Fußball spielen konnte ich nicht, also entschied ich mich für die Kunst, denn die beherrschte ich.“

Das Abenteuer Kunst stand also in den Startlöchern. Im einstigen Café Artiste von Musiker Luke Haas gegenüber dem Escher Ratshaus hatte er seine erste Ausstellung. Es folgte eine weitere im Konschthaus beim Engel in Luxemburg-Stadt. 2001 eröffnete er in Bettemburg zusammen mit Jean-Pierre Seil die Kunstgalerie B/C2. Etwa 160 Künstler präsentierten dort bei 80 Ausstellungen ihre Werke. Jungen Künstlern ein Sprungbrett zu geben, steht beim Escher Künstler nämlich ganz oben auf der Liste. Auch mit dem Kollektiv Cueva, das er 2016 mit Sergio Sardelli, Jeff Keiser und Daisy Wagner gründete, verfolgt er unter anderem dieses Ziel. 2004 wurde er vom Cercle artistique du Luxembourg (CAL) mit dem Prix Pierre Werner ausgezeichnet. „Das war surreal, ich konnte nicht verstehen, warum ich den bekam.“ Mit dem Escher Kulturpreis nahm die Wertschätzung für seine Arbeit seine Fortsetzung.

Zuerst versuchte er es mit Ölmalerei. Die fantasievollen Malereien von Salvador Dalí inspirierten ihn während der Hippie-Zeit. Nachdem er aber in der Kunstszene zunehmend Fuß gefasst, seine ersten Ausstellungen hinter sich gebracht und immer mehr Künstler kennengelernt hatte, interessierte er sich zunehmend für andere Kunstrichtungen. Dabei fiel ihm der Schweizer Künstler Hans Rudolf Giger, der unter anderem für seine geschaffenen Alien-Monster in Kinofilmen bekannt ist, ins Auge. Die Zusammenhänge zwischen Mensch, Industrie und Natur, die er in seiner Kunst entdeckte, faszinierten ihn und inspirierten ihn in seinen folgenden Werken.

Ein Escher Urgestein

Von anfangs einer übertriebenen Farbenpracht geprägt, erschienen seine Malereien dann nach und nach auch immer mehr in Schwarz-Weiß sowie sämtlichen Mitteltönen. „Höchstens eine Prise Grün ließ ich noch mit einfließen.“ Aber auch diese ist inzwischen Tempi passati.

Im Breedewee in Esch hat er seit 25 Jahren sein Atelier, zusammen mit seinem Artgenossen Sergio Sardelli. Fast täglich geht er nachmittags dort ans Werk. An seinem Stammlokal Pitcher führt in der Mittagsstunde aber kein Weg vorbei. Seine Verbundenheit mit der Stadt Esch ist unverkennbar. In der Rue Zénon Bernard ist er geboren. Es folgten zahlreiche weitere Adressen, aber immer nur in Esch. In 63 Jahren hat es ihn noch nie irgendwo sonst hingezogen und „ich glaube, ich komme auch hier nicht mehr weg.“


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Müsste er sich aber für eine internationale Stadt entscheiden, fiele seine Wahl auf Barcelona oder Berlin. „Ich glaube sogar eher noch Barcelona, denn dort ist es warm, nicht nur von der Temperatur her, sondern auch vom Lebensgefühl.“ Théid Johanns ist nämlich kein Freund der Kälte. „Es ist nicht mein erster Winter. Aber als Wikinger muss ich leider zugeben, dass ich die kalte Jahreszeit nicht mag, mehr noch wegen des Verlusts der Helligkeit als wegen der Temperatur, denn dafür gibt es ja Pullover.“

Politisches Engagement

Auch auf die politische Bühne hat sein Weg schon geführt. Seine Nähe zur Linken unterstrich er 2011, als er sich bei Déi Lénk für die Gemeindewahlen aufstellte. Prompt wurde er gewählt und saß drei Jahre in Esch auf der Oppositionsbank. 2013 ging er einen Schritt weiter. Er kandidierte bei den Landeswahlen und wurde im Süden hinter seinem Freund Marc Baum und Serge Urbany Drittgewählter. „Nach dem Rotationsprinzip bei den Linken hätte ich dann irgendwann in einer anderen Liga mitspielen müssen und wäre in der Chamber gelandet. Das wollte ich nicht. Dann hätte ich alles andere, was ich noch machen wollte, nicht mehr können. Ich dachte dabei auch an das Künstlerkollektiv Cueva. Ich wollte niemanden für politische Zwecke missbrauchen.“


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Ob er sich in Zukunft noch einmal politisch engagieren will, weiß er nicht. „Nichts ist ausgeschlossen, nur dass ich rechtsextrem werde.“ Dass die Piraten bei den Landeswahlen so gut abgeschnitten haben, findet er logisch. „Die Piraten sind clever. Sie wissen, wie man im Jahr 2018 an die Sache herangehen muss, um Erfolg zu haben. Das Resultat der Linken bestätigt meine Vermutungen. Sie haben gute Arbeit geleistet, aber es ist nun mal nicht der Moment, die Menschen mit sozialen Forderungen zu erreichen – was ich zutiefst bedauere, denn ich bin der Meinung, dass viele Menschen es brauchen.“

Esch 2022

In Bezug auf die Kulturhauptstadt Esch 2022 hat Théid Johanns Großes vor. Die Idee, das Projekt hier in der Südregion zu verwirklichen, findet er genial. „Es ist von großem Mehrwert für alle kreativen Köpfe, für die Menschen im Großen und Ganzen, für die Region, für die Wirtschaft und auch für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Ich bin voller Ideen für Esch 2022. Würde ich meine Ideen alle umsetzen wollen, müsste ich 50 Mal existieren. Es wird nur höchste Zeit, dass wir loslegen können.“ Wichtig ist ihm, dass Kunst nicht nur elitär ist. Sie soll zu den Menschen kommen und nicht umgekehrt.


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