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Ein Drogen-Drive-In im Dorf
Im beschaulichen Ort Fingig standen Drogenkonsumenten scheinbar für den Einkauf von Marihuana Schlange.

Ein Drogen-Drive-In im Dorf

Foto: Carlo Gira / LW-Archiv
Im beschaulichen Ort Fingig standen Drogenkonsumenten scheinbar für den Einkauf von Marihuana Schlange.
Lokales 3 Min. 11.12.2018

Ein Drogen-Drive-In im Dorf

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Peilsender, versteckte Kameras, Telefonüberwachung, Beschattungen und Daten direkt aus den USA von Snapchat. Die Polizei scheute keine Mittel, um einer Drogenbande, die von Fingig aus operierte und aus Thailand dirigiert wurde, auf die Schliche zu kommen.

Diese Drogenbande brachte den Drogenhandel in Luxemburg auf eine neue internationale Ebene: Dutzende Kilos Marihuana sollen zwei Männer binnen weniger Monate im Großherzogtum verkauft und ausgeliefert haben und das im Auftrag eines gemeinsamen Freundes, der nach Thailand ausgewandert war und die Geschäfte von dort aus führte – und das bis die Handschellen klickten offensichtlich sehr erfolgreich.

Der vorsitzende Richter sprach dann am Dienstag schon gleich zu Prozessbeginn von einem regelrechten Drogen-Drive-In in dem kleinen Ort Fingig im Südwesten des Landes. Hier hätten Autos teilweise Schlange gestanden, um Drogen zu kaufen.

Videos, Peilsender, Snapchat

Die Polizei dokumentierte das Schauspiel, nachdem sie von der Sache Wind bekommen hatte, dann auch mit einer versteckten Videokamera. Das war nur eines von vielen technischen Hilfsmitteln mit dem die Drogenfahnder aus Esch/Alzette am Werk waren. Ein anderes waren etwa Peilsender, mit denen Fahrzeugbewegungen der vor Gericht teils geständigen Drogendealer nachvollzogen werden konnten. Ein Rechtshilfeersuchen beim Firmensitz von Snapchat in den USA führte weitere Puzzleteile zusammen.

Yann B. legte dabei das umfangreichste Geständnis ab – er bestritt lediglich etwas mit Kokain zu tun zu haben und wich wiederholt Fragen des Richters zu Käufern und Verkäufern aus. Seine Antworten im Zusammenhang mit dem Kokain waren zudem weitaus wackliger als alle anderen.

Mehrere Dutzend Kilo Marihuana verkauft

Dem 24-Jährigen wird vorgeworfen, alleine und gemeinsam mit dem Mitangeklagten Ronny M. sehr große Mengen an Marihuana sowie eine nicht bestimmte Menge Kokain aus dem Ausland importiert und in Luxemburg in Umlauf gebracht zu haben. Den Ertrag soll er dann über Western Union Geldtransfer an Michel H. überwiesen haben, der zu diesem Zeitpunkt in Thailand lebte.

Yann B. führte aus, dass es seine Aufgabe gewesen sei, schwarze Tüten von einem Ort zum Anderen gefahren zu haben – als Drogenkurier. Dabei sei er via Snapchat zu den jeweiligen Orten gelotst worden. Zudem gab er zu, in geringeren Mengen selbst mit Drogen gehandelt zu haben.

Mittäter zeigt sich unwissend

Der mutmaßliche Komplize Ronny M. zeigte sich weit weniger geständig. Er wollte lediglich ein Paar Mal ohne jegliche Entlohnung Kurier gewesen sein. Er habe allerdings nichts von dem Drogenhandel gewusst und auch nicht so richtig, was sich in den Tüten befunden habe. Geld habe er nie bekommen. Doch die Indizien scheinen dem offensichtlich zu widersprechen. Der Richter ermahnte den 27-Jährigen deshalb auch mehrfach zu etwas mehr Ernsthaftigkeit. Er solle aufhören, das Offensichtliche zu bestreiten.

Michel H., der laut den Worten des Richters zufolge als „Chef de file“ angeklagt ist, betonte die Dreierclique kenne sich, weil man gemeinsam in Küntzig aufgewachsen sei und dort auch zusammen Fußball gespielt habe. Von einer kriminellen Organisation könne keine Rede sein. Er selbst habe auch lediglich Drogendealer untereinander vermittelt – über einen Bekannten mit dem Namen Sébastien, den er in Thailand kennengelernt habe.

„Ich frage mich, ob nicht sie selbst Sébastien sind“, meinte der Richter, nachdem er eine Weile zugehört hatte. „Aber juristisch ist es auch egal, ob es den überhaupt gibt. Wir sind hier, um aufgrund des Dossiers festzustellen, was sie getan haben“.

Anweisungen aus Thailand

Michel H. gilt als Anführer der Gruppe. Den Ermittlungen zufolge hat er von Thailand aus die Drogeneinkäufe und -verkäufe koordiniert. Zudem soll der 25-Jährige, der bereits vorbestraft ist, die Komplizen vor der Polizei gewarnt und auch ihre Flucht nach Rotterdam organisiert haben. Er soll auch versucht haben, einen Zeugen einzuschüchtern.

Den drei jungen Männern drohen für den umfangreichen Drogenhandel als kriminelle Vereinigung mit hierarchischer Struktur Haftstrafen zwischen 15 und 20 Jahren. Der Prozess wird am Mittwochnachmittag weitergeführt.


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