Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Drogenhandel ist Privatsache“
Lokales 3 Min. 08.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Ehemaliger „Hells Angels“-Vize rudert zurück

„Drogenhandel ist Privatsache“

Der Antwerpener Hafen war Dreh- und Angelpunkt des Kokainhandels der „Hells Angels“.
Ehemaliger „Hells Angels“-Vize rudert zurück

„Drogenhandel ist Privatsache“

Der Antwerpener Hafen war Dreh- und Angelpunkt des Kokainhandels der „Hells Angels“.
Foto: Steve Remesch
Lokales 3 Min. 08.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Ehemaliger „Hells Angels“-Vize rudert zurück

„Drogenhandel ist Privatsache“

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Der Sinneswandel, der die Angeklagten im „Hells Angels“-Verfahren seit einem Vorfall zum Prozessauftakt befällt, scheint ansteckend. Am Mittwoch widerrief auch der mutmaßliche Antwerpener Großhändler alle seine vorherigen Aussagen.

(str) - „De Cargo“ ist der Code-Name, den die belgischen Behörden der Drogenbande um Feti P. gaben, die über den Antwerpener Hafen Kokain direkt aus Südamerika und über das Netzwerk der „Hells Angels“ durch ganz Europa verkauft haben soll. 508 Kilogramm wurden bei der Festnahme von 23 mutmaßlichen Beteiligten beschlagnahmt, dazu 606.709 Euro Bargeld.

Feti P., der damalige Vizepräsident der Antwerpener „Hells Angels“ steht aber auch in Luxemburg seit mehreren Wochen vor Gericht, da er auch hier hin große Mengen Kokain verkauft haben soll. Käufer soll Boban B. gewesen sein, der zu der Zeit Anwärter der Luxemburger „Hells Angels“ war.

Den umfangreichen Handel zwischen der belgischen Hafenstadt und dem Großherzogtum dokumentierten die Ermittlungsbehörden damals insbesondere über Telefonüberwachungsmaßnahmen und die Auswertung von GPS-Daten.

Übergabe vor dem Möbelhaus

Zudem observierten sie mutmaßliche Übergaben in Brüssel, in Arlon vor einem Bowling-Center und auf dem Parkplatz eines Möbelgeschäfts in Düdelingen. Des Weiteren dokumentierten sie anschließende Fahrten von Boban B. zu deutschen „Hells Angels“-Standorten unter anderem in Saarlouis, Köln und Mannheim.

Darüber hinaus hatten sich die zehn Angeklagten, denen auch ein umfangreicher Marihuanahandel angelastet wird, im Polizeiverhör und vor dem Untersuchungsrichter teilweise selbst und auch gegenseitig belastet. Vor der Strafkammer wurde allerdings seit Prozessbeginn ein Großteil der vorherigen Aussagen von den einzelnen Beschuldigten widerrufen.

Wahrheit „falsch aufgeschrieben“

So tat es am Mittwoch auch Feti P. vor Gericht. Mit vorherigen Angaben konfrontiert meinte er beispielsweise: „Ich habe damals eigentlich gesagt, dass ich gemeint habe, dass es so war. Nicht aber, dass es tatsächlich so war.“ Oder auch folgendes: „Ich habe immer die Wahrheit gesagt, alles hängt davon ab, was von wem aufgeschrieben wurde.“ Zudem unterstrich er, er werde lediglich sich selber verteidigen, nicht aber mit dem Finger auf Andere zeigen.

Hinter den Kulissen wird der Sinneswandel, den Feti P. überraschend zu Prozessbeginn offenbarte, übrigens auf einen Vorfall im Gerichtsaal zurückgeführt. Am ersten Verhandlungstag hatte nämlich der „Sergeant at arms“ der Antwerpener „Hells Angels“ durch seinen demonstrativen Auftritt, bei dem er überdeutlich seine Kutte zur Schau stellte, klar gemacht, nach welchen Regeln zu spielen ist. Und, dass deren Einhaltung aus dem Ausland mit Argusaugen beobachtet wird.

6.000 Euro unter Preis

Zu seinem Umgang mit Boban B. erklärte Feti P., der habe niemals Drogen bei ihm gekauft. Man sei sich niemals beim Preis einig geworden. Boban B., der mit den Luxemburger „Hells Angels“ nach Antwerpen gekommen sei, habe lediglich 25.000 Euro pro Kilo Kokain bezahlen wollen, obwohl der Marktpreis damals bei 31.000 Euro gelegen habe. Auf die Telefongespräche angesprochen, aus denen deutlich hervorgeht, dass es wohl doch zu Geschäften kam, verwies Feti P. knapp darauf, dass diese von korrupten Polizisten aufgezeichnet worden seien.

Feti P. beharrte zunächst darauf, dass es zwar wohl Gespräche mit Boban B. über Drogenverkäufe gegeben habe, nicht aber Verkäufe. Auf die Frage des Richters, ob er nun zugebe, außerhalb des Boban-Kontexts Drogen verkauft zu haben, antwortete er wie so oft zuvor mit einer Gegenfrage: „Wer sagt das?“ – „Ich“, entgegnete der Richter. „Tja“, antwortete Feti P., Diskussion abgeschlossen.

Drogenhandel als Privatsache

Zum Schluss stellte er darüber hinaus klar, dass die „Hells Angels“ nichts mit Drogendeals zu tun hätten. „Wir sind 'Onepercenter'“, führte er aus. „Jeder macht, was er will. Aber das ist dann eine Privatsache.“

Eine Gewinnbeteiligung von fünf bis zehn Prozent an den Club habe er lediglich freiwillig abgetreten. Genauso habe er aus freien Stücken den Club verlassen, und er sei nicht etwa hinausgeschmissen worden. Fortsetzung folgt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Prozess um Drogenhandel im "Hells Angels"-Umfeld
Die Suche nach der Wahrheit im Drogenprozess um Boban B. und neun weitere Angeklagte verlangte am Freitag viel Geduld und Ausdauer vom vorsitzenden Richter ab. Doch die Mühe zahlte sich aus.
Im Prozess um einen umfangreichen Marihuana- und Kokainhandel im Umfeld der Luxemburger "Hells Angels" haben nun die Angeklagten das Wort.
Drogenzulieferer gibt vor Gericht Lehrstunde
Im Prozess um einen umfangreichen Drogenhandel im Umfeld der „Hells Angels“ kam am Donnerstag der mutmaßliche Cannabiserzeuger Frank V. zu Wort. Und der ließ seinem Groll auf die Polizei freien Lauf.
Frank V. soll laut Anklage mehrere Cannabisplantagen betrieben haben.
"Hells Angels"-Prozess
Der Tatbestand der Bildung einer kriminellen Vereinigung könnte eines der Schlüsselelemente im Prozess um den Drogenhandel im Umfeld der „Hells Angels“ werden. Bei einem Nachweis könnte das die Haftstrafen im Falle eines Schuldspruchs verdreifachen.
Bis zu 20 Jahre Haft drohen den Angeklagten.
Prozess um Kokain- und Marihuanahandel im großen Stil
Zehn Personen, darunter mehrere Männer aus dem Umfeld der „Hells Angels“ müssen sich wegen Drogenhandels im großen Stil vor Gericht verantworten.
Drei der Angeklagten entstammen dem Umfeld der Luxemburger „Hells Angels“.
Illegaler Waffenbesitz und Diebstahl von Beweismitteln, Stalking und versuchte Erpressung : Am Freitag ist ein 31-jähriger Mann aus dem Umfeld der "Hells Angels" zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden.
17.02.2014 Bommeleeer Prozess, Gericht, Prozesssaal, Verhandlung, (Foto: Romain Schanck)
Verbindungen zu Luxemburg
Der Präsident der Hells Angels Gießen, Aygün Mucuk, ist offenbar am Freitag einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Der Boss des „Charter G-Town Luxembourg Turkey“ verfügte über exzellente Verbindungen zu Luxemburg.
Aygün Mucuk wurde "von zahlreichen Kugeln" niedergestreckt.
Networking mit der Schattenwelt
„Treffen Sie die Hells Angels“ wirbt eine Luxemburger Marketingagentur für eine Gala im November. Für Szenekenner ist das blanke Naivität - oder der plumpe Versuch, organisierte Kriminalität salonfähig zu machen.
Ob auch der Luxemburger „Hells Angels“-Präsident, Bordellbetreiber Eric B., unter den Ehrengästen ist, geht aus der Einladung nicht hervor.
Die Hintergründe der Razzia in Buschrodt
Dass Luxemburg im deutschen Rockerkrieg eine entscheidende Rolle als Rückzugsgebiet der "Hells Angels" spielt, hat sich bereits 2015 deutlich gezeigt. Zur Hausdurchsuchung am 10. August in Buschrodt kam es nach Hinweisen aus einem weitaus größeren Ermittlungsverfahren in Deutschland.
Eric B. bei einer Polizeikontrolle am Rande des „World Run 2016“ der Hells Angels im Juni 2016 in Polen.
Sechs örtliche „Hells Angels“-Gruppierungen aufgelöst
Nach Streitereien innerhalb der Luxemburger „Hells Angels“-Ableger wurden nun sechs einheimische „Charter“ aufgelöst. Dem Großherzogtum bleibt nur eine Gruppe mit knapp zehn Mitgliedern erhalten.
Abzug aus Wasserbillig: In der „Résidence Billiacum“ gibt es kein „Hells Angels“-Clublokal mehr.
Machtkampf unter deutschen „Hells Angels“
Luxemburg ist seit 2013 zu einem Hafen für gestrandete „Hells Angels“-Rocker geworden – könnte man meinen.
Überraschendes Bündnis: Luxemburger Hells Angels unterstützen türkische Gruppen bei Machtkämpfen in Deutschland.