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Differdingen : "Nein zur Giftmülldeponie"
Lokales 4 Min. 13.12.2017

Differdingen : "Nein zur Giftmülldeponie"

Das Gelände für die Industrieabfalldeponie befindet sich auf der früheren Schlackenhalde, auf dieser Luftaufnahme als graue Fläche hinter dem Differdinger Stahlwerk zu erkennen.

Differdingen : "Nein zur Giftmülldeponie"

Das Gelände für die Industrieabfalldeponie befindet sich auf der früheren Schlackenhalde, auf dieser Luftaufnahme als graue Fläche hinter dem Differdinger Stahlwerk zu erkennen.
Foto: Pierre Matgé
Lokales 4 Min. 13.12.2017

Differdingen : "Nein zur Giftmülldeponie"

Nicolas ANEN
Nicolas ANEN
Differdingen wehrt sich gegen Pläne für eine Mülldeponie der Stahlindustrie. „20 Jahre nach dem ,Ronne Bierg‘ sollen wir nun die Giftmülldeponie bekommen, die keiner will“, so ein Gemeinderatsmitglied.

(na) - „Dieser Bürgermeister unterschreibt die Baugenehmigung nicht“, stellte  Roberto Traversini („Déi Gréng“) am Mittwoch während der Gemeinderatssitzung klar. Gemeint war das Projekt von ArcelorMittal und der Firma Cloos, eine Deponie für Stahlindustriemüll in Differdingen einzurichten. Dies auf dem Gelände der Schlackenhalde („Crassier Differdange“) hinter dem Werk.

Klares "Nein"

„Wir stellen dem ein klares ,Nein‘ gegenüber“, hatte bereits zuvor Rat Fränz Schwachtgen („Déi Gréng“) betont, der von einer „Giftmülldeponie“ sprach.

Beim Standort handele es sich um die Schlackenhalde, auf der, von Ende des 19. Jahrhunderts an, Hochofenschlacke deponiert wurde. Nach der Inbetriebnahme der Elektrohochöfen in den neunziger Jahren mussten keine Schlacken, sondern weitaus problematischere Abfallstoffe entsorgt werden. Diese werden „Byproducts“ von der Stahlindustrie genannt.

Löcher die gefüllt werden wollen

Da die Schlacken für den Straßenbau nach und nach abgebaut wurden, hätten sich „die Löcher in der Halde angeboten, um gefüllt zu werden“, erklärte Schwachtgen weiter.

Dies bestätigte Rat Serge Goffinet (LSAP), der einst im Hüttenwerk arbeitete. „In unserer Werkstatt war es üblich, Kofferschlamm, Ölschlamm und Kupferisolationsmaterial auf den ,Crassier‘ zu führen“, erklärte er. Er selbst sei manchmal dazu angestellt worden.

Da es im Land keine Giftmülldeponie gab, wurden die sogenannten „Byproducts“, nicht nur vom Differdinger Werk, sondern auch von anderen Stahlwerken auf den Differdinger „Crassier“ gebracht, erklärte Fränz Schwachtgen weiter. Auch dies konnte Serge Goffinet bestätigen.

"Dreck" in Differdingen entsorgt

Der ganze „Dreck“ sei in Differdingen abgeladen worden, weil es keine andere Lösung im Land gab. Und diese Altdeponie sei heute immer noch in Betrieb, erklärte er.

 Wie Schöffe Georges Liesch („Déi Gréng“) zuvor erklärt hatte, plant Cloos auf dieser Altdeponie zwei neue Halden. Eine Inertdeponie und eben die Deponie für die „Byproducts“.

40 Jahre Betriebszeit

Letztere soll, laut Vorstellung der Auftraggeber, 40 Jahre in Betrieb bleiben. „40 Jahre dürfte dann das Regenwasser da durchsickern und das Grundwasser belasten“, sagte dazu Fränz Schwachtgen empört. Bodenproben hätten darauf hingewiesen, dass die Mergelschicht, die sich unter der Altdeponie befindet, doch nicht so undurchlässig sei, wie einst angenommen wurde. Auch in der Kalekerbach, ein Zufluss der Korn, seien Rückstände festgestellt worden, hieß es während der Sitzung.

Erinnerungen am „Ronne Bierg“

„20 Jahre nach dem ,Ronne Bierg‘ sollen wir nun die Giftmülldeponie bekommen, die keiner will“, so Schwachtgen noch. Er schlug vor, dass alle Beteiligten sich zusammensetzten, um den Widerstand zu organisieren. Weiter forderte er, dass die Gemeinde sich die notwendigen Mittel gebe, um auch juristisch gegen das Projekt vorzugehen zu können.

Umweltexperte eingeschaltet

Einen Experten hat die Stadtverwaltung in der Person von Jacques Mersch bereits beauftragt. Die Gemeinden Differdingen und Sassenheim, die auch vom Projekt betroffen ist, wurden vom Umweltministerium zu einer sogenannten „Scoping“-Sitzung eingeladen. Dabei geht es darum, die betroffenen Parteien, bereits im Vorfeld eines Genehmigungsverfahrens, zusammenzubringen.

Jacques Mersch präzisierte, dass die Deponie für inerte Stoffe eine Kapazität von 6,7 Millionen Kubikmetern erhalten und auf zehn Jahre ausgelegt werden soll. Die für Industrieabfälle soll dagegen einer Kapazität von 2,7 Millionen Kubikmetern entsprechen.

Erst das Gelände sanieren

Aus Sicht der Stadtverwaltung müsse erst ein Gesamtkonzept erstellt werden, inklusive Sanierung, ehe dort ein neues Projekt realisiert werden könne. Kritisieren tat er, dass ein Teil der historischen Deponie mit „einer Art Deckel“ überbaut werden soll. So dass kein Zugang zum problematischen Material mehr möglich sein werde. Es sei aber nicht auszuschließen, dass in Zukunft diese Materialien sauberer entsorgt werden könnten.

Ein neuer Berg

Auch wies er darauf hin, dass damit „ein neuer Berg“ entstehen würde. Die Deponie soll 54 Meter hoch werden, an einem Standort, der bereits 320 Meter über dem Meeresboden liegt. Dadurch könnten sich Luftströmungen im Korntal verändern. Bisher sei die Stadt Differdingen durch die freie Luftbewegung im Tal vor hoher Schadstoffemission aus dem Werk geschützt worden.

Weiter kritisierte er Ungenauigkeiten in den Unterlagen, die im Auftrag von Cloos erstellt wurden. Zum Beispiel sei für Analysen der Luftqualität mit Werten von 2005 in Esch/Alzette gearbeitet worden.

"Opposition formelle" des Gemeinderates

Alle Parteien sagten sich mit der Vorgehensweise des Schöffenrates einverstanden, der über eine „Opposition formelle“ für das Projekt abstimmen ließ. Diese wurde einstimmig angenommen.

Auf Nachfrage von Gary Diederich („Déi Lénk“) war aber auch zu erfahren, dass problematischer Boden, am Standort der aktuellen Baustelle des Lyzeums und des Hadir-Towers, kürzlich auf der Altdeponie entsorgt wurde.

Wie der frühere Schöffe Erny Muller (LSAP) erklärte, habe der Verkäufer des Geländes, ArcelorMittal, sich um die Entsorgung kümmern müssen. Allerdings habe die Stadt von der „Altdeponie“ Gebrauch gemacht, um verseuchten Boden unter dem früheren Recyclingpark zu entsorgen, weil man damals unter Zeitdruck stand, so Muller noch. Dort steht mittlerweile das erste definitive Gebäude der „Ecole internationale“.


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