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"Dieses Virus nervt": Schülerinnen schreiben über ihr Leben in Zeiten von Corona

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"Dieses Virus nervt": Schülerinnen schreiben über ihr Leben in Zeiten von Corona

"Dieses Virus nervt": Schülerinnen schreiben über ihr Leben in Zeiten von Corona

"Dieses Virus nervt": Schülerinnen schreiben über ihr Leben in Zeiten von Corona


von Nicolas ANEN/ 04.04.2020

Sechs Schülerinnen aus dem Escher Lyzeum EPMC stellen dem "Luxemburger Wort" ihre Texte zur Verfügung.Fotos: Privat

Sechs Escher Schülerinnen aus der Deuxième schreiben in persönlichen Texten, wie sie das Leben, ohne Schule, aber auch ohne Ausgehmöglichkeiten, in den vergangenen Wochen erlebt haben.

Seit nunmehr drei Wochen sind alle Schüler wegen der Corona-Pandemie zu Hause. Wie viele ihrer Kollegen machte sich auch Französischlehrerin Laurence Goergen aus der Ecole privée Marie Consolatrice in Esch/Alzette (EPMC) Gedanken darüber, wie sie ihren Unterricht weiter abhalten könnte. 

Eine Aufgabe lag dabei auf der Hand: Sie forderte ihre Schülerinnen der 2e-Klasse auf, auf Papier festzuhalten, wie sie mit dieser neuen Situation umgehen. Die Schülerinnen verfassten ihre Texte am Ende der zweiten Woche daheim.

Die Escher Privatschule ist ausschließlich Mädchen vorenthalten.
Foto: Guy Wolff

Sechs von ihnen zeigten sich nun einverstanden, ihre Texte dem „Luxemburger Wort“ für eine Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Sie erzählen von glücklichen und traurigen Momenten. Von Langeweile, Solidarität oder aber vom unangebrachten Benehmen mancher Leute. 

Die persönlichen Texte bieten einen tiefen Einblick in den Alltag von sechs jungen Frauen in Pandemie-Zeiten. In einem scheinen sich alle sechs einig: Das Virus nervt.

1

Rachel
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Zwei Wochen Ausgangssperre sind vorüber, aber ich habe das Gefühl, seit Ewigkeiten in diesem Gefängnis zu sein. Es ist schwierig, die Tage zu unterscheiden, wenn sie doch alle gleich sind: aufwachen, arbeiten, essen, arbeiten, sich langweilen, schlafen … Umwerfend, oder? 

Rachel ist 18 Jahre alt.
Rachel ist 18 Jahre alt.
Foto: Privat

 Das Schlimmste an dem Ganzen ist nicht das Eingesperrtsein. Das Schlimmste ist die Trennung von Personen, die einem lieb sind: die Familie, der Allerliebste, die Freunde. 

Sicher, dank der Vielzahl neuer Technologien, kann man sich über Face Time sehen, aber das ist natürlich nicht das Gleiche … 

Sogar die Schule fehlt mir

Küsse und Zärtlichkeiten fehlen mir, meine Neffen, die mir um den Hals fallen, fehlen mir, das ausgelassene Lachen mit Freunden fehlt mir, das Leben fehlt mir. Ich bin an dem Punkt angekommen, wo sogar die Schule mir fehlt, können Sie sich den Ernst der Situation vorstellen? 

Angstzustände in der Nacht

Aber Spaß beiseite, seit einer Woche habe ich nicht eine Nacht durchgeschlafen, Angstzustände erwecken mich Nacht für Nacht. Es ist nicht die Angst, eingesperrt zu sein wie eine Gefangene. Es ist die Angst, nicht mehr Abschied nehmen zu können von allen, die mir lieb sind, sie nicht mehr sehen zu können, sie nicht umarmen zu können, sie nicht ein letztes Mal lachen zu sehen. Ich habe Angst … 

Wenn all dies vorüber ist, werde ich hinausgehen, nur hinausgehen und diesen schönen Planeten, den wir so oft missbrauchen, genießen. 

Aber ich bin mir sicher: wenn all dies vorüber ist, werden wir von Hypochondern und Verrückten umgeben sein. 

2

Daniela
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Seit Beginn dieser Ausgangssperre, hat sich mein Leben komplett verändert. Ich habe viele freudige Momente erlebt, aber auch genauso traurige. Ich telefoniere jeden Tag mit meinem Freundeskreis, um uns ein bisschen die Ideen abzuwechseln. Sie fehlen mir genauso sehr wie mein Freund und vor allem meine Familie. 

Daniela ist 19 Jahre alt.
Daniela ist 19 Jahre alt.
Foto: Privat

 Was die Schule betrifft, bin ich fast den ganzen Tag am Hausaufgaben machen und der einzige Moment am Tag, den ich mit meinen Eltern verbringe, ist bei den Mahlzeiten. Ich denke über alles Mögliche nach. 

Telefoniere jeden Tag

Ich habe ebenfalls Mitglieder in der Familie, die infiziert sind und das nimmt mich sehr mit. 

Da meine Familie das Wichtigste für mich im Leben ist, telefoniere ich zum Beispiel jeden Tag mit meinen Großeltern, um sie auf andere Gedanken zu bringen und weil ich mir sage, dass sie die Gefährdetsten in dieser aktuellen Situation sind und somit wahrscheinlich die meiste Angst haben, da jeder Tag ihr letzter sein könnte. 

Durch diese Erfahrung habe ich gelernt, jeden Moment, den ich mit den Menschen verbringe, die mir nahestehen, wertzuschätzen, da ich sie von einem Tag auf den anderen vielleicht für lange Zeit nicht mehr sehen kann – sie vielleicht nie wieder sehe. 

 Es hat mir gefallen diesen Text zu schreiben, da es gut tat alles rauszulassen, was sich in letzter Zeit in mir angesammelt hat, auch wenn ich verschiedene Sachen nicht erwähnt habe, weil sie persönlicher sind.

3

Nina
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Die Monate Februar und März sorgen für ein befremdliches Gefühl auf praktisch unserem ganzen Planeten. Ein Virus, Covid-19 genannt, hat einen Krieg gegen die Menschen weltweit angezettelt und der einzige Weg ihn zu stoppen, ist die Isolation: Keine sozialen Kontakte mehr und auf keinen Fall unnötig unterwegs sein. 

 In der jetzigen Zeit dürfen wir unsere Häuser nur verlassen, um lebensnotwendige Dinge zu erledigen und jedes Mal fragt man sich: „Ist es notwendig genug, um das Haus verlassen?“. 

Nina ist 19 Jahre alt.
Nina ist 19 Jahre alt.
Foto: Privat

Ich mache mir sehr viele Sorgen, da die Krankheit die Mehrheit meines Umkreises betrifft. Wir sind auch dazu aufgefordert, unsere Großeltern nicht mehr zu besuchen, was mir logisch erscheint, um sie zu schützen.

Das Gefühl, dass der Tag nicht endet

 Es fällt jedoch sehr schwer. Zu Hause hat man manchmal das Gefühl, dass der Tag nicht endet. Es fühlt sich nicht wie Ferien an, da wir unsere Schulaufgaben erledigen müssen. Dies funktioniert mithilfe von technischen Programmen, die schlussendlich immer funktionieren. 

Ansonsten kann man nicht viel tun. Man hätte Lust auf ein Eis oder einen Stadtbummel. Jedoch wird einem schnell wieder klar, dass dies nicht die richtige Einstellung ist und dass die Geschäfte sowieso geschlossen sind. 

Man bemerkt aber auch, dass durch das Fernbleiben der Menschen, die Tiere sich bemerkbarer machen. Bei mir zu Hause, wenn ich das Fenster öffne, höre ich nicht mehr nur die Motoren von Autos, sondern endlich wieder die Vögel singen. Der einzige Vorteil ist also, dass die Umwelt sich erholt und sogar dankbar ist. 

Ich hoffe, alles wird gut werden. Wir müssen Hoffnung, Verantwortung und Solidarität aufweisen, um diese schwere Zeit zu überwinden. Ein sehr großes Dankeschön an die Menschen, die für uns arbeiten und ihr Leben jeden Tag für uns riskieren. 

4

Joana
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Covid-19 ist das Wort, das niemand vergessen wird. Medien und soziale Netzwerke überhäufen uns mit Informationen über dieses neue Virus, das tötet. Was ist es für ein Virus? Welches sind mögliche Symptome? Was tun, wenn diese auftreten? Wie kann man sich schützen? Fragen über Fragen, überall liest man dieselben. 

Joana ist 19 Jahre alt.
Joana ist 19 Jahre alt.
Foto: Privat

Das Schlimmste sind die täglichen Updates zu der Anzahl von Infizierten und Todesfällen in den verschiedenen Ländern. TV-Sender in allen Sprachen sprechen Tag und Nacht über das Virus, als ob es sonst keine gravierenden Probleme auf der Welt gäbe. 

Mehrmals die Woche veröffentlichen Minister Pressemitteilungen mit neuen Maßnahmen. Es war die letzten Wochen so und es wird die nächsten Monate wohl so weitergehen. 

Seit 14 Tagen eingesperrt

 Heute bin ich seit 14 Tagen zu Hause eingesperrt. Diese zwei Wochen ohne Ausgang haben mir keine Schwierigkeiten bereitet, denn ich liebe es zu Hause zu bleiben. 

Aber das bedeutet nicht, dass ich mich darüber freue. Es gibt Tage, an denen ich sehr positiv gestimmt bin, ich sehe Hoffnung, dass die Spezialisten sehr schnell ein Mittel gegen das Virus finden und alles wieder wird wie vorher. Und dass diese Krise der Gesellschaft zu mehr Einheit verholfen hat. 

Wenn ich aber Tag für Tag steigende Infektionszahlen sehe, empfinde ich Furcht für meine Familie und mich. Wann wird dieser Albtraum aufhören? Welche Konsequenzen wird er für mein Leben haben, insbesondere was die Schule anbelangt? Werde ich mein Schuljahr schaffen? Wird diese Phase meine Zukunft entscheidend beeinflussen? 

Jeder Tag bringt ein Wechselbad der Gefühle und wirft immer wieder neue Fragen auf.

5

Sabrina
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Gefangen zu sein ist schrecklich. Das Schlimmste ist, nicht ausgehen und meine Freunde treffen zu können. Nicht zur Schule gehen zu können, bedrückt mich, weil es unsere einzige Gelegenheit wäre, auszugehen. 

Zu Hause zu sein und unseren Computer zu beobachten und verzweifelt auf E-Mails zu warten, ist ziemlich traurig. Jetzt verbringen wir noch mehr Zeit in sozialen Medien als früher, dies ist ziemlich bedrückend. 

Sabrina ist 19 Jahre alt.
Sabrina ist 19 Jahre alt.
Foto: Privat

Ich vermisse das Gefühl der Sonne auf meiner Haut und die Hitze. Ich versuche immer, jeden Tag auszugehen, auch wenn es nur ein paar Minuten sind, weil es mich verrückt macht, die ganze Zeit in meinem Zimmer zu sein. 

Telefon als Barriere

Ich vermisse das Gefühl, mit meinen Freunden zu lachen. Ich mag es nicht, wenn das Telefon eine Barriere zwischen meinen Freunden und mir darstellt. 

Ich bin eher extrovertiert, deshalb ist es für mich so langweilig, die ganze Zeit drinnen zu sein. Ich vermisse es, ins Kino, in Restaurants und in Parks zu gehen.

 Ich gebe mein Bestes, um mich zu beschäftigen, aber am Ende befinde ich mich immer in den sozialen Medien, was ärgerlich ist. Dieses Virus nervt mich, ich möchte einfach wieder in meinen Alltag zurückkehren. 

Selbst wenn dieses Virus die Umweltverschmutzung verringert, wünschte ich mir, dass es niemals dort gewesen wäre, weil es alle unseren Pläne zerstört und weil schwache Menschen daran sterben.

6

Sophie
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Als ich zum ersten Mal vom Corona-Virus hörte, betraf es zu der Zeit nur China. Die Nachricht traf mich schon, aber zu dem Zeitpunkt konnte ich nichts dagegen tun. Auch hier waren wenige davon beeindruckt. Direkt betroffen hatte es nur wenige. So lebten wir hier in Luxemburg unsere Leben einfach weiter.

Beginn der Panik

Dann gab es aber immer mehr Infizierte in Europa und kurze Zeit später gab es dann den ersten Infizierten in Luxemburg. Das war der Startpunkt für viele Menschen hierzulande in Panik zu geraten. 

Viele Menschen, die ich selbst kannte, fingen an sich krankhaft die Hände zu waschen, sobald sie eine Tür berührt hatten und so wuschen sich dann manche Leute gefühlte 15 mal pro Stunde die Hände.

Sophie ist 20 Jahre alt.
Sophie ist 20 Jahre alt.
Foto: Privat

Ich persönlich habe schon etwas Angst vor dem Virus, aber was mich persönlich mehr schockiert, ist das Verhalten mancher Menschen. 

Menschen, die meine Mutter in Gefahr bringen

Meine Mutter arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt und wenn sie dann mal abends völlig erschöpft nach Hause kommt, erzählt sie mir oft von Menschen, über die ich nur den Kopf schütteln kann. 

 Menschen, die 50 Packungen Mehl kaufen, Menschen, die Essen für 1.000 Euro kaufen, Menschen, die sich bei meiner Mutter aufregen, dass das Blumengeschäft und das Café zu haben, obwohl sie selbst einer Risikogruppe angehören. 

Noch schlimmer sind Menschen, die meine Mutter in Gefahr bringen, da sie sich nicht an Regeln halten, wie zum Beispiel zwei Meter Abstand zur Kassierin zu halten. 


Corona-Virus, viele Menschen noch in der Fussgängerzone Alzettestrasse. Momentaufnahme 30.03.2020 17h 30. Esch Alzette, Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort
Schönes Wetter lockt Passanten ins Escher Zentrum
Viele Leute waren dieser Tage in der Escher Fußgängerzone unterwegs. Laut Bürgermeister Georges Mischo und der Polizei werden die Mindestdistanzen aber generell eingehalten.

 Wenn ich solche Geschichten hören, frage ich mich, was in den Köpfen von solchen Menschen vor sich geht, warum die so egoistisch und unsolidarisch handeln. Gerade jetzt sollten wir zusammenhalten. Aber der Virus zeigt uns, wie manche Menschen handeln und agieren, wenn sie so lange zu Hause bleiben müssen. 

In meinem Leben hat sich nicht so viel geändert  

Ich muss immer lächeln, wenn sich Freunde von mir aufregen, dass sie es nicht aushalten, so lange daheim bleiben zu müssen. Denn in meinem Leben hat sich nicht so viel geändert. Auch davor habe ich schon lieber Samstagsabend gemalt, als raus feiern zu gehen. So stört mich die Quarantäne nicht wirklich. 

Was ich den Leuten raten kann, ist, dass es keinen Sinn hat, in Panik zu verfallen. Ja, das Corona-Virus ist schlimm, aber wir haben schon viele schlimme Sachen überstanden und das Schaffen wir auch jetzt wieder, solange wir zusammenbleiben und solidarisch handeln und nachdenken. 


Die Schulen bleiben auch nach den Osterferien für die Schüler geschlossen.
Was die Schüler nach den Ferien erwartet
Das Corona-Virus stellt den Schul- und Unterrichtsablauf völlig auf den Kopf. Kein Schüler soll dadurch Nachteile haben, so der Bildungsminister am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

 Viel ändern können wir an der ganzen Lage nicht. Das einzige was wir tun können, ist Hände waschen, Desinfektionsmittel verwenden, möglicherweise Masken tragen, wenn man unbedingt raus muss, um seine Mitmenschen zu schützen, den Kontakt zu Risikogruppen vermeiden, einen kühlen Kopf behalten und hoffen, dass das ganze gleich sein Ende findet. Viel mehr kann man jetzt nicht wirklich tun. 

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