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Die Schulrentrée als Prüfstein für die neue Regierung: Reifeprüfung
Die Reformen wurden nur teilweise umgesetzt.

Die Schulrentrée als Prüfstein für die neue Regierung: Reifeprüfung

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Die Reformen wurden nur teilweise umgesetzt.
Lokales 4 Min. 12.09.2014

Die Schulrentrée als Prüfstein für die neue Regierung: Reifeprüfung

Die aktuelle „Rentrée“ ist die erste seit Mady Delvaux nicht mehr im Amt ist. Sie ging die Reformen im Schulsystem sehr mutig an, scheiterte aber zuletzt an ihren eigenen Ansprüchen.

(jag) - Die aktuelle „Rentrée“ ist die erste seit Mady Delvaux nicht mehr im Amt ist. Sie ging die Reformen im Schulsystem sehr mutig an, scheiterte aber zuletzt an ihren eigenen Ansprüchen. Ihr Nachfolger Claude Meisch will vor allem auf Dialog setzen.

Eine Lektion hat der neue Erziehungsminister Claude Meisch von seiner eher unglücklich agierenden Vorgängerin Mady Delvaux gelernt: Nichts geht in diesem sensiblen Bereich ohne eine gut funktionierende Kommunikationspolitik. Meisch spricht deshalb auch lieber von Schulentwicklung, anstatt das Reizwort Reform zu benutzen.

Heterogene Gesellschaft

Knapp ein Jahr nach dem Wahlerfolg der Dreier-Koalition bleibt die Bildungspolitik noch unscharf. Die Probleme sind mit dem Regierungswechsel aber nicht kleiner geworden. Luxemburg steht vor der Herausforderung, ein Schulsystem zu entwickeln, das der demografischen Entwicklung gerecht wird und zugleich die Erwartungen der Berufswelt erfüllt. Wenn in fast der Hälfte aller Haushalte kein Luxemburgisch mehr gesprochen wird und selbst Französisch und Portugiesisch mittlerweile von anderen Fremdsprachen verdrängt werden, wird einem die Schwierigkeit dieser Aufgaben bewusst. Hinzu kommt die Problematik einer heterogenen Bevölkerung, welche Kinder mit sehr unterschiedlichen Bildungshintergründen in das Schulsystem einbringt.

Kinder aus bildungsfernen Familien bleiben dabei hierzulande meist außen vor, der soziale Lift funktioniert nur noch in Einzelfällen. Nur jeder dritte Grundschüler wird bei dieser „Rentrée“ das Gymnasium besuchen, rund 18 Prozent finden sich im „régime préparatoire“ wieder, allzu oft eine Sackgasse ohne reelle Perspektiven.

Neue Vorschläge im Herbst

Claude Meisch will seine Karten erst in diesem Herbst auf den Tisch legen und ein Konzept zur unvollendeten Sekundarschulreform vorstellen. Dringende Probleme sollen dabei nach eigenen Aussagen zügig angegangen werden, dies aber im gepflegten Dialog. Meisch will den Lehrern, Gewerkschaften und Eltern zuhören und dann seine Schlüsse ziehen.

Während im technischen Sekundarunterricht die Promotionskriteren bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht wurden, wehrten sich die klassischen Gymnasien bisher hartnäckig gegen ein befürchtetes „nivellement vers le bas“. Dadurch konnte verhindert werden, dass Schüler mit gutem Leistungspotential, und die gibt es schließlich auch, in ausländische Privatschulen abwandern weil sie hier nicht mehr gefordert werden. Inwiefern Meisch die Kompetenzdebatte in diese Schulen hineintragen will, bleibt abzuwarten. Die Schwächeren mitzunehmen ohne die Stärkeren auszubremsen, dürfte aber im Sekundarunterricht die größte bildungspolitische Herausforderung sein.

Erster Teilerfolg

Einen Teilerfolg konnte der neue Mann im Bildungsministerium bei den leidigen „bilans intermédiaires“ bereits verbuchen, die heftige Kritik der Lehrer an den 
neuen Bewertungsinstrumenten wurde schließlich im Juni letzten Jahres von den Experten der Uni Luxemburg bestätigt. Eine überarbeitete Version wird noch bei dieser „Rentrée“ eingeführt, ab 2015/2016 soll dann eine definitive Variante folgen.

Mehr Autonomie

Meisch will sich zudem für die Autonomie der Schulen stark machen, sie sollen ihren Freiraum konstruktiv nutzen können. Andere Schwerpunkte sind der „plan de réussite scolaire“ in den Grundschulen, welcher zum zentralen Schulentwicklungsinstrument werden soll sowie neu zu schaffende Programmkommissionen für die Grundschule. Neben der „Agence pour le développement scolaire“ stehen dem Lehrpersonal sogenannte „instituteurs-ressources“ zur Seite um die didaktischen Methoden weiterzuentwickeln. Zudem soll der Betreuungsbereich so früh wie möglich einsetzen, um den Kindern soziale Kompetenzen durch Fachpersonal zu vermitteln.

Die Sprachenfrage

Zurückhaltender zeigt sich Meisch bei der Sprachenproblematik: Man wolle keine Experimente. Klar ist für Meisch aber, dass das „Précoce“ als Instrument zur Frühförderung der luxemburgischen Sprache versagt hat. Zur Debatte stehen eine seit Jahren diskutierte Alphabetisierung auf Französisch, eine zweisprachige (Luxemburgisch und Französisch) Kinderbetreuung oder aber Verbesserungen des bestehenden Systems. Inwiefern überhaupt am Erwerb von zwei respektive drei Fremdsprachen festgehalten werden soll, ließ der Erziehungsminister bisher noch nicht durchblicken.

Problem Berufsausbildung

Ein weiteres Problemfeld ist die Berufsausbildung mit ihren katastrophalen Durchfallquoten und mangelnden finanziellen Ressourcen, auch hier ist der neue Bildungsminister gefragt. Mit zum Teil weniger als 20 Prozent Schüler, die einen Berufsabschluss erreichen, riskiert das Land einen akuten Mangel an Lehrlingen und später auch an ausgebildeten Handwerkern. Allerdings wurde im Laufe dieses Jahres bereits eine leichte Verbesserung in dieser Hinsicht festgestellt.

Im Mai wandte sich Meisch per Rundschreiben an alle technischen Lyzeen, die Berufsausbildung anbieten. Alle Ausbildungsmodule, die eine Durchfallquote von mehr als 50 Prozent aufzeigten, sollten aufgelistet werden. Die Schulen sollten eine Eigenanalyse durchführen: Ist die hohe Versagensquote auf die Lehrmethode zurückzuführen oder aber auf das spezifische Modul?

In ersterem Fall soll die Schule selber reagieren, im zweiten Fall soll das Modul selber mit seinen Bewertungskriterien überarbeitet werden. Immerhin, das Problem wurde erkannt und es wird gehandelt.

Gut möglich, dass mit dem neuen Bildungsminister der Dialog mit denen, die tagtäglich mit den reellen Problemen konfrontiert werden, eine neue Qualität bekommt. Dann werden die Klassensäle auch nicht zur Spielwiese für experimentierfreudige Bildungswissenschaftler werden, die aus ihrem Elfenbeinturm heraus, fernab aller Praxis, an theoretischen Lösungen feilen.


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