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Die Luxemburger Edward-Steichen-Pioniere
Lokales 7 Min. 07.05.2013

Die Luxemburger Edward-Steichen-Pioniere

Die Luxemburger Edward-Steichen-Pioniere

Lokales 7 Min. 07.05.2013

Die Luxemburger Edward-Steichen-Pioniere

„Lëtzebuerg ass Steichen-Land“. Wenn dieser Spruch von Kulturministerin Octavie Modert stimmen sollte, so war dem jedenfalls nicht immer so. Wer waren die Leute, die seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Edward Steichen in seinem Geburtsland bekannt machten und sein Werk unterstützten?

„Lëtzebuerg ass Steichen-Land“. Wenn dieser Spruch von Kulturministerin Octavie Modert stimmen sollte, so war dem jedenfalls nicht immer so. Wer waren die Leute, die seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Edward Steichen in seinem Geburtsland bekannt machten und sein Werk unterstützten? Mit der Wiedereröffnung der renovierten Fotosammlung „The Family of Man“ im Schloss von Clerf rückt die Beziehung zwischen Edward Steichen und dem Land seiner Geburt wieder ins öffentliche Interesse, mit vielen Fragen, die seit 1950 offen stehen, Fragen, auf die allzu oft falsche Antworten veröffentlicht werden. Zum Beispiel die Behauptungen von Françoise Poos im 2. Band des Buches „Erinnerungsorte in Luxemburg“: „Das alte Schloss [von Clerf] hat Steichen selbst als permanentes Zuhause für seine Ausstellung ausgewählt. Als romantisches Andenken an eine Heimat, die er eigentlich nie gekannt hat“.

Beide Behauptungen sind falsch! Weder wählte Steichen das Clerfer Schloss für „The Family of Man“, noch stimmt es, dass er Luxemburg nie gekannt hätte! Umgekehrt aber ist es leider nur allzu richtig, dass Luxemburg den weltbekannten Künstler Steichen bis 1950 nicht kannte, geschweige denn anerkannte!

Steichen war als Kind von 18 Monaten mit seiner Mutter von Biwingen nach den USA ausgewandert (der Vater war vorausgefahren). Während seiner Kindheit und Jugend in Amerika hatte er kaum Kontakt mit seiner alten Heimat behalten. Nur einmal war er als 21-Jähriger im Jahre 1900 aus Paris auf dem Fahrrad „heim“ gekommen und wohnte bei seiner blinden Tante in Monnerich. Sie konnte nicht schreiben, weshalb auch – außer einem Brief Steichens an den Fotografen Stieglitz – keine Korrespondenz aus jener Zeit erhalten blieb (siehe: George Eastman House/Notes on Photographs/Steichen,Edward: The Edward Steichen Manuscript Collection. 21 archive boxes, given in 2000 by Joanna T. Steichen to the G. Eastman House.) 

In den USA fiel der junge Steichen zuerst als Maler, und dann schnell auch als Fotograf auf. Als Porträtist der Prominenz wurde er ab 1901 weltberühmt. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit gründete er eine Kunsthandlung in New York, suchte und bekam Kontakt mit weltbekannten Künstlern wie Pablo Picasso, Henri Matisse und andern, und führte deren Werke in die USA ein. 

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nochmals nach Monnerich zu seiner Tante zurück. Als Offizier des US-Expeditionskorps begegnete er in der Hauptstadt einem prominenten Namensvetter, Staatsrat Joseph Steichen, ein privates Treffen, das nicht an die Öffentlichkeit gelangte. 

Wegen einer vom amerikanischen Zollamt als Metallstück von unbekanntem Wert taxierten, fast ganz abstrakten Skulptur von Konstantin Brancusi geriet Steichen 1927 in einen kunsthistorisch bedeutsamen Prozess gegen den amerikanischen Staat, in dem die Essenz von Kunst zu bewerten war. In Luxemburg blieb dieses bedeutsame Ereignis unbekannt. 

Erst nachdem Steichen 1947 Direktor der Fotoabteilung des Museum of Modern Art in New York geworden war, suchte ihn erstmals ein Luxemburger im Museum auf. Es war André Wolff, der spätere Bürgermeister von Bartringen, der im Krieg in New York unsere Exilregierung als Pressesprecher vertreten hatte. Auch diese Begegnung wurde in Luxemburg kaum bekannt.

Ab 1950 drang der Ruf von Steichens Berühmtheit dann doch ins Land seiner Geburt und rief die ersten Leute auf den Plan, die ihn hier bekannt machten. Das war als erster der Fotograf und Revue-Chefredakteur Pol Aschman, der Steichen 1950 als Amerika-Luxemburger entdeckte und unserm Land vorstellte (Revue. 8.7.1950). 

Als Steichen 1952 sein Konzept der Ausstellung „The Family of Man“ auszuarbeiten begann, kam er nach Europa, um Fotos für das große Werk zu suchen. Dabei kam er auch nach Luxemburg, weil er hier „The Family of Man“ sofort nach New York und Washington im Land seiner Geburt ausstellen wollte. Er wurde von Raymond Mehlen, dem damaligen Herausgeber der „Cahiers luxembourgeois“, und vom Maler Michel Stoffel in dessen Limpertsberger Wohnung empfangen. Theo Mey machte Fotos für die Illustrierte „Revue“.

Mehlen und Stoffel begleiteten den Amerikaner zuerst zu Außenminister Joseph Bech, der sie mit Steichens Anliegen an Kulturminister Pierre Frieden weiter empfahl. Von Frieden wurden sie ins Staatsmuseum verwiesen, wo der Kunstexperte Joseph-Emile Muller dem amerikanischen Foto-Pionier Edward Steichen ins Gesicht sagte: Fotografie, das wäre überhaupt keine Kunst. Beleidigt ging Steichen weg und schwor sich, nie wieder einen Fuß in sein undankbares Geburtsland zu setzen. Dieser Besuch wurde nur in Andeutungen in der Luxemburger Presse erwähnt. 

Im selben Jahre 1952 veröffentlichte der Herausgeber der „Cahiers luxembourgeois“, Nic Weber, den ersten kunstkundigen amerikanischen Artikel über Steichens Hauptwerk („Les Cahiers luxembourgeois“, 1-2, 1952). Danach erschien in der „Revue“ am 27. Juni 1953 ein illustrierter Beitrag über Steichen, vermutlich wieder von Nic Weber. 

Museumskonservateur Georges Schmitt war der erste, der sich mit einem Brief an den Luxemburger Botschafter in Brüssel mit der Bitte wandte, auf diplomatischem Weg Schritte zu unternehmen, um die Ausstellung „The Family of Man“ nach Luxemburg zu bringen.

Es folgte der Kunstkenner Robert Stumper mit einem kurzen Hinweis auf Steichens „The Family of Man“ in d'„Letzeburger Land“ (11.11.1955). Stumper drückte – wie schon Georges Schmitt – die Hoffnung aus, Steichens Meisterwerk einmal in dem Land sehen zu können, in dem der Kunstfotograf geboren war. Und nochmals veröffentlichte derselbe Robert Stumper im Land über Steichen einen anderthalbseitigen Artikel („Die Steichen-Story“, LL 6.4.1962).

Ich war damals „Land“-Redakteur. Bei dieser Gelegenheit hatte mir Robert Stumper den Rat gegeben, als erster Luxemburger nach dem Zweiten Weltkrieg Steichen in New York aufzusuchen und nach Luxemburg einzuladen. Im Frühjahr 1962 lernte ich Steichen in seinem MoMA-Büro kennen. Von ihm selbst erfuhr ich die für unser Land unrühmliche Geschichte seiner Abfuhr im Jahre 1952.

Damit begann mein Einsatz für Steichen. Ich bewunderte ihn – eher als für seine Fotokunst – als einen der wenigen erfolgreichen Luxemburger Auswanderer. Ich fühlte mich verpflichtet, Edward Steichen in seiner Geburtsheimat journalistisch zu verteidigen. Ich wechselte mit ihm mehrere Briefe und war auch der erste Luxemburger, dem er am 9. November 1964 brieflich mitteilte, „er habe Gerüchte gehört“, die Regierung in Washington wolle „The Family of Man“ seinem Geburtsland schenken. Das Ziel war erreicht! Es dauerte nur noch Wochen, bis der US-Botschafter in Luxemburg die Schenkung der Luxemburger Regierung bestätigte.

Kulturminister Pierre Gregoire entschied noch im selben Jahr 1964 auf den Rat seines Attachés Norbert Weber, die Fotosammlung endgültig im Schloss von Clerf unterzubringen. So also kam „The Family of Man“ nach Clerf (und nicht etwa durch Steichen selbst wie Françoise Poos in ihrem Artikel im Buch „Erinnerungsorte in Luxemburg – 2“ behauptete).

Last but not least war es der Fotograf Marcel Schroeder, der 1964 als Präsident der Friends of Edward Steichen Asbl eine Gruppe von an die dreißig Interessierten gründete, darunter namhafte Leute wie René van den Bulcke, Martin Gerges, Georges Hausemer, Lucien Thiel, Jochen Herling, Ben Fayot, Robert Krieps u. a. Marcel Schroeder beantragte für die Vereinigung die Schirmherrschaft von Großherzogin Charlotte, die er auch prompt erhielt.

1963 traf die Fürstin im Weißen Haus mit Steichen zusammen. Ihre Begegnung gab dem Luxemburger „Steichen-Mythos“ entscheidenden Auftrieb, während die Amerikareise des Luxemburger Bischofs Leo Lommel im Jahre 1966 – trotz dessen Kunstverständnis – keinerlei Folgen für „The Family of Man“ erbrachte.

Erst zwei Jahre nach der Ankunft der Fotosammlung in Luxemburg besuchte Steichen die Ardennenstadt und bestätigte die Wahl des „The Family of Man“-Standorts in Clerf, wo sie 1975 Minister Robert Krieps erstmals – wenn auch nur fragmentarisch – installieren ließ. In Clerf ist sie auch rechtens bis jetzt geblieben.

Seitdem traten verschiedene private, aber auch öffentliche Luxemburger Institute für Steichen und sein Werk ein. Der Fotograf Jochen Herling eröffnete in Luxemburg eine Kunstgalerie mit Werken Edward Steichens. Der den hauptstädtischen Kulturdienst leitende Filmspezialist Fred Junck kaufte als erster Luxemburger „Steichen-Kunde“ in New York 44 Fotos (für die bis dato noch kein Ausstellungsraum gefunden wurde). Der Präsident und Generaldirektor der Staatssparkasse BCEE widmete im „Konschttunnel“ einen „Espace Edward Steichen“ dem Werk des Künstlers. Er und der langjährige Leiter der BCEE-Kunstabteilung, Romain Schumann, wurden zu ausgesprochenen Steichen-Experten, nicht zuletzt durch die Leistungen ihrer Beraterin Marita Ruyter. Der ausgezeichnete Naturbild-Spezialist Raymond Clement begeisterte sich als junger Mensch an Steichens Vorbild derart, dass er den Beruf des Fotografen zum Lebensziel wählte. 

Zahlreiche Fotoamateure interessierten sich auf einmal für Steichen.

Als einer der wenigen Überlebenden der frühen Pioniere fühlte ich mich jetzt einmal mehr verpflichtet, vor der durch die Clerfer Wiedereröffnung neu entstehenden Interessewelle für Steichen und „The Family of Man“ an die Vorgeschichte und an die Pioniere der Luxemburger Steichenverehrung zu erinnern. Und zwar ohne für meinen Einsatz irgendwelchen Dank zu erwarten. 

Rosch Krieps