Die homosexuelle Ehe

Kritik der Pro-Argumente

Von Hubert Hausemer

Wie es scheint, gibt es neuerdings einen parteiübergreifenden Konsens darüber, dass und wie unsere Gesellschaft modernisiert werden soll. Und zu den vorgesehenen Maßnahmen gehört u.a. auch die Homo-Ehe. Nun gibt aber ein Konsens von sich aus keine Gewähr dafür, dass das, was da gemeinsam gedacht und gewollt wird, auch wahr und richtig ist. Ein Konsens schützt nicht vor Trugschlüssen und Denkirrtümern, sondern verführt eher dazu, Ausdruck von aktuellen Moden zu sein. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass 'Mode' und 'Modernisierung' sprachlich dieselbe Wurzel haben.

Im Folgenden soll aber die Homo-Ehe nicht billig als Trendeffekt abgetan werden, sondern es geht mir darum, die Argumente, welche auf den ersten Blick für sie zu sprechen scheinen, ernst zu nehmen und sie kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Homo-Ehe und Argumentation

Es hat schon etwas Kurioses, wenn nicht gar Paradoxes an sich, dass seit relativ kurzer Zeit von homosexueller Seite die Forderung erhoben wird, Zugang zur Ehe zu bekommen. Jahrelang wollten Homosexuelle von so etwas wie Ehe und Familie nichts hören, das kam ihnen völlig überholt vor. Hat nicht gerade ein homosexueller Schriftsteller früher einmal ausgerufen: “Familles, je vous hais“ (André Gide, Les Nourritures Terrestres)? Als dann aber vor kurzem das Partenariat eingeführt wurde, haben die Homosexuellen es größtenteils verschmäht: in allen Ländern, einschließlich Luxemburg, nahmen es überwiegend Heterosexuelle in Anspruch.

Weshalb nun plötzlich das Verlangen nach Ehe und Familie? Der Verdacht könnte aufkommen, es gehe nur um materielle Vorteile (Steuern, Kindergeld usw.). Manches davon wäre aber durch eine Revision des Partenariats ohne weiteres möglich. Jedoch das Schweigen im homosexuellen Wald in Sachen Partenariat ist unüberhörbar. Oder haben die Homosexuellen neuerdings ihre Liebe zu Kindern entdeckt, die sie nur über den Umweg über die Ehe haben können? Auch hier ließe sich zumindest die sog. 'adoption simple' meiner Meinung nach durchaus über ein verbessertes Partenariat erlangen.

Oder handelt es sich nur um die Verlängerung des ansonsten absolut berechtigten Kampfes der Homosexuellen gegen die zahlreichen Diskriminierungen, unter denen sie so lange zu leiden hatten?

Ist der Ausschluss von Ehe und Familie nicht die letzte die Homosexuellen betreffende Ungleichheit und Ungerechtigkeit, welche es noch auszumerzen gilt?

Wie dem auch sei, die Forderung nach der Homo-Ehe steht im Raum. Ich bin mir nun vollauf bewusst, dass der Trend heute dahin geht, den bloßen Wunsch, etwas zu besitzen, auch sofort für ein Anspruchsrecht zu halten. Wie die Diözesankommission für Familienpastoral zu Recht schreibt: “On peut estimer que ces revendications sont l'expression d'un libéralisme qui s'étend de plus en plus dans nos sociétés et qui a fait le choix de poser l'individu comme unité de mesure généralisée : Ce qui plaît à l'individu, ce qui satisfait l'individu dans l'immédiat devient le critère universel, alors que l'humanité repose depuis de longs siècles sur la conviction que l'unité de mesure serait l'humanité et le bien commun“2.

Trotzdem: als rational ausgebildeter und denkender Mensch bestehe ich darauf, dass gesellschaftspolitische Angelegenheiten, von denen die Forderung nach der Homo-Ehe eine ist, rational begründet werden müssen. Und die Homosexuellen haben ja auch etliche Argumente, die für ihr Anliegen sprechen. Ich will diese im Folgenden auf ihre Schlüssigkeit hin untersuchen. Ein solches Unterfangen mag weit entfernt von der existentiellen Situation der ehewilligen Homosexuellen scheinen, abstrakt und akademisch. Eine argumentative Klärung ist aber umso notwendiger, als einige dieser Argumente schon rein durch ihre ständige Wiederholung den Status von Evidenzen und Selbstverständlichkeiten erlangt haben, so dass kaum noch jemand sich bemüßigt fühlt, sie auch nur zu hinterfragen.

Zwar könnte ich mir diese Mühe eigentlich sparen. Das meiste ist nämlich schon gesagt im 'Avis séparé du Conseil d'Etat' vom 27. November 2012 (N° 48.972A).Aber leider scheint dieser Text dem breiten Publikum völlig unbekannt zu sein(hier bliebe den Medien eine wichtige Aufgabe zu erfüllen). Außerdem ist er sehr dicht und komprimiert, so dass mein Unternehmen hier nicht überflüssig ist.

Es geht mir um Argumente; deshalb werde ich mich auch nicht mit demagogischen Slogans abgeben, wie z.B. die Homo-Ehe gehöre zur „Modernität unserer Gesellschaft“ (Präsident Hollande) oder sie sei sogar ein „Zeichen der Zeit“ (M. Angel in „Pluspunkt“ LSAP, Mee 2013).Dass eine kleine Minorität von Homosexuellen die Ehe in Anspruch nehmen will, ist mitnichten ein Zeichen der Zeit; und vieles, was als modern angesehen wird, wäre besser nie in Erscheinung getreten : Modernität ist kein Beweis für Qualität und Fortschritt.

Das Diskriminierungsargument

Von allen in letzter Zeit zugunsten der Homo-Ehe vorgebrachten Argumenten ist das populärste und, auf den ersten Blick zumindest, überzeugendste dasjenige, welches die Verweigerung von Ehe und Familie für Homosexuelle als den Ausschluss von einem Recht darstellt, welcher diesen Menschen somit die Gleichberechtigung vorenthält und sie damit diskriminiert. Ist es denn nicht in der Tat so, dass ihnen allein auf Grund ihrer sexuellen Orientierung ein Recht abgesprochen wird, was eine mit Rassismus und Sexismus durchaus vergleichbare Ungerechtigkeit ist? Heißt es doch in der UNO-Menschenrechtserklärung von 1948 im 1.Artikel :“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“? Und in Artikel 7 lesen wir: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ (Hervorhebungen durch H.H.).Müssen demnach Homosexuelle nicht auch, was Ehe und Familie anbelangt, mit den Heterosexuellen endlich gleichgestellt werden?

So evident und selbstverständlich das auch klingen mag, das Argument gilt nicht, es beruht auf einem logischen Fehler, der nur deshalb nicht bemerkt wird, weil das Argument gewöhnlich in einer verkürzten Form vorgestellt wird. Eine entscheidende Vorbedingung wird dabei unterschlagen : Alle Menschen sind in der Tat vor dem Gesetz gleich, vorausgesetzt aber, sie befinden sich in der gleichen Situation. Nehmen wir ein einfaches Beispiel, über das immer noch viel diskutiert wird und wo, leider in der Praxis, noch viel Handlungsbedarf bleibt : Männer und Frauen haben Recht auf den gleichen Lohn, aber nur bei gleicher Qualifikation und gleicher Arbeit. Demnach liegen keine Diskriminierung und kein Sexismus vor, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind und deshalb der betreffende Mann oder die betreffende Frau nicht den gleichen Lohn erhält.

So sieht es auch der Europäische Menschenrechtsgerichtshof, der sich mehrmals (25. Mai 1985,6.April 2000 und 15. März 2012) mit der Problematik der Gleichberechtigung beschäftigt und dazu geurteilt hat. Ich möchte nur seine letzte Äußerung zitieren : “Discriminer, c'est traiter différemment, sans aucune justification objective et raisonnable, des personnes se trouvant objectivement dans la même situation ou dans une situation similaire“ (Hervorhebung durch H.H.).

Wie steht es nun in dieser Hinsicht mit den Homosexuellen und der Ehe? Noch einmal : Die Verweigerung des Rechts auf Ehe bedeutet nicht ipso facto eine Diskriminierung, sonst würden z.B. auch heiratswillige Minderjährige unter 14. bzw. 16 Jahren diskriminiert.(Hier zeigt sich, wie unsinnig der französische Slogan 'Mariage pour tous' eigentlich ist).Entscheidend ist die Frage : sind Homosexuelle angesichts der Ehe in der gleichen oder einer ähnlichen Situation wie Heterosexuelle? Dem ist nun aber nicht so, zumindest nicht, was die in unserem Lande (noch) gängige Auffassung und Definition der Ehe anbelangt. Zwar wird in unserm Code Civil die Ehe nicht ausdrücklich definiert; es wird in dieser Sache aber bei uns auf den Code Napoléon zurückgegriffen, wo es klar und deutlich heißt: “Le mariage est l'institution par laquelle un homme et une femme s'unissent et fondent une famille“. Diese Definition enthält eine Bedingung, nämlich die unterschiedliche sexuelle Natur der Heiratswilligen, und diese Bedingung erfüllen homosexuelle Paare nun einmal nicht.

In andern Worten : das Diskriminierungs-bzw. Gleichberechtigungsargument, das vorgebracht wird, um Homosexuellen den Zugang zu Ehe und Familie zu erschließen, ist nicht stichhaltig. Zwar sind Homosexuelle von der Ehe ausgeschlossen, und deshalb verständlicherweise wohl enttäuscht und frustriert, aber sie sind nicht diskriminiert; das zu behaupten, hat nichts mit Homophobie zu tun, sondern mit reiner Logik. Es ist demnach nicht zulässig, die Homo-Ehe mit diesem Argument zu fordern, wie es umgekehrt nicht angebracht ist, wie es jetzt eben in Frankreich geschieht, die Einführung dieser Ehe als das Ende von Ungleichheit und Diskriminierung zu feiern. Sowieso, einmal angenommen die Homo-Ehe stellte die Aufhebung einer Diskriminierung dar, so wäre mit ihr noch längst nicht jede Diskriminierung verschwunden. Zwar halten die Befürworter der Homo-Ehe damit aus klaren Gründen hinter dem Berg, aber wenn die Homo-Ehe legalisiert würde, mit welchen Gründen könnte man dann noch die polygame Ehe verbieten? Wenn aus der „union d'un homme et d'une femme“eine „union d'un homme et d'un homme ou d'une femme et d'une femme“ geworden ist, weshalb dann nicht auch eine „union d'hommes et de femmes, d'hommes et d'hommes, de femmes et de femmes“?3 Und was würde man noch der Forderung nach inzestuösen Ehen entgegenhalten können, einmal der Einfachheit halber angenommen, beide Partner wären großjährig?

Das Umdefinition-der-Ehe-Argument

Man wird mir nun wohl entgegenhalten, man bräuchte ja nur die Ehe neu zu definieren, um so die vorhin prohibitive Vorbedingung auszuschalten. Das kann man durchaus wollen und tun. Aber einmal vorausgesetzt, auch diese gesellschaftspolitische Entscheidung sollte nicht voluntaristisch-dezisionistisch getroffen, sondern begründet werden, dann fiele natürlich das Diskriminierungsargument als Begründung weg, und es müssten andere Argumente angeführt werden.

Ehe und Familie kann man nun aber nicht so ohne Weiteres neu definieren, nur um dem Wunsch bestimmter Leute nachzukommen. Es handelt sich hier um Institutionen, deren Wesen durch eine Umdefinition automatisch mitverändert wird. Um sie für Homosexuelle zugänglich zu machen, muss man demnach ein neues Konzept, einen neuen Begriff davon erarbeiten. Der Staatsrat hat in diesem Sinne völlig recht, wenn er in seinem schon genannten 'Avis séparé' schreibt : “Le volet du texte sous avis ayant trait au mariage homosexuel apporte sans doute la réforme la plus fondamentale du mariage depuis son instauration en 1804 en tant qu'institution de droit civil par le Code civil. Le Conseil d'Etat constate qu'il s'agirait d'un changement fondamental des bases anthropologiques du mariage, confrontant notre société à un changement radical de paradigme qui doit nous interpeller“(Hervorhebung durch H.H.).

Auch wenn man also glaubt, sich mit einer Neudefinition auf die Schnelle begnügen zu können, indem man, wie in Luxemburg vorgesehen, einfach einzelne Sätze und Wörter in bestehenden Gesetzen austauscht, dann schafft man, ob man es will und weiß oder nicht, in Wirklichkeit, und auf fahrlässige Weise, neue Konzepte von Ehe und Familie; und deren möglicherweise ungewollte und unvorhergesehene Folgen gilt es dann auch zu bedenken(darüber später).

Wenn also dieses Gesetzesvorhaben eine solche Revolution darstellt, dann kann man nur wiederum dem Staatsrat zustimmen und dessen Forderung im schon erwähnten Avis séparé bekräftigen : “[Ce changement radical de paradigme] devrait faire d'abord l'objet d'un débat démocratique de société large et approfondi. Car la nature profonde de cette réforme mérite, au-delà de toutes considérations politiques, sociales et sociologiques, qui en constituent la cause immédiate, que l'on s'interroge sur toutes les conséquences qu'implique l'ouverture de la forme du mariage actuelle aux couples de même sexe. Le Conseil d’État demande à ce que, avant tout vote au Parlement, le projet de loi soit soumis à un tel débat“. Und um eine solche Diskussion zu nähren, stellt der Staatsrat in seinem Avis séparé eine Fülle von Materialien bereit. Dass aber von unserer Abgeordnetenkammer keine solche öffentliche Debatte vorgesehen ist, stellt unserer Demokratie ein schlechtes Zeugnis aus.

Welche Argumente kämen denn nun in Frage, um das Wesen von Ehe und Familie umzudeuten?

Das Liebesargument

Ein mitunter vorgebrachter Grund ist die Liebe : weshalb sollen Homosexuelle ihre gegenseitige Liebe nicht durch einen öffentlichen Eheschließungsakt dokumentieren dürfen? Dass dieses Argument jedoch nicht trägt, liegt auf der Hand(einmal abgesehen von der Möglichkeit, eine solche öffentliche Liebeserklärung durch das Partenariat zu tun) : auch für den heterosexuellen Ehevertrag ist Liebe keine rechtliche Voraussetzung. Zwar darf man sie durchaus als äußerst wünschenswerte Ingredienz ansehen, die menschliche relationale Ebene ist nicht zu unterschätzen, aber sie spielt unter rechtlichem Standpunkt nun mal keine Rolle. Wäre das nämlich der Fall, müsste der Standesbeamte diese geforderte Liebe amtlich nachprüfen. Und müsste dann nicht auch geschwundene Liebe ipso facto die Auflösung des Ehebundes bewirken? Außerdem gibt es wohl viele Menschen, die sich lieben, aber nichtsdestotrotz nicht heiraten dürfen : Minderjährige, polygam veranlagte Menschen, Inzestuöse usw.

Das Non-Malefizienzargument

Diese etwas gelehrt klingende Bezeichnung stammt aus der medizinischen Ethik und verlangt, dass durch ärztliche Akte dem Patienten nicht geschadet werden darf. In unserm Zusammenhang hat es keine normative Bedeutung, sondern begegnet als Tatsachenbehauptung immer wieder in der französischen Diskussion, so z.B. bei der Justizministerin Christiane Taubira sowie bei Präsident Hollande: Die Homo-Ehe schadet niemandem, niemandem wird dadurch etwas weggenommen, die Heterosexuellen verlieren keines ihrer Rechte.

Dies ist in meinen Augen das wohl schäbigste Argument in der ganzen Debatte,und stimmig ist es zudem auch nicht. Weshalb schäbig? Nun, weil es den Gegnern der Homo-Ehe unterstellt, Besitzegoisten zu sein, denen es vor allem darauf ankomme, ihr wertvolles Kapital an Rechten nicht hergeben zu müssen und ihre angeblichen Vorrechte nicht zu verlieren. Das moralisch Bedenkliche an diesem Argument tritt klar hervor, wenn man seine Umkehrung betrachtet : Argumentiert man nämlich so auf der Ebene des Habens oder des nicht Hergeben-Wollens, dann hieße das, auf die Befürworter der Homo-Ehe angewandt, sie verlangten nach letzterer ihrerseits nur aus Besitzneid oder zumindest aus einfacher Gleichmacherei.

Aber das Argument stimmt darüber hinaus nicht : dass da tatsächlich Verluste zu befürchten sind, zeigt sich, wenn man die ultraliberal-individualistische Ebene verlässt und den Blick auf die Folgen der Homo-Ehe für die Gesamtgesellschaft richtet. (Auf spezifische Verluste für die betroffenen Kinder gehe ich später ein).Einmal angenommen, Gesetze, besonders gesellschaftspolitisch bedeutsame, hätten einen Einfluss auf das Verhalten sowie auf die Mentalität und Geisteshaltung der Menschen und bewirkten dadurch Veränderungen in der Gesellschaft, z. B. in deren Werthaltungen und ethischen Einstellungen, dann könnten solche Entwicklungen gegebenenfalls durchaus negativ eingeschätzt werden. Und das wäre für viele Menschen der Fall, wenn man einige vorhersehbare Konsequenzen der Homo-Ehe in Betracht zieht, wie z.B. die mögliche polygame und inzestuöse Ehe oder, worauf ich etwas später eingehen werde, die ärztlich assistierte Befruchtung außerhalb medizinischer Indikation und auch die Einführung der Leihmutterschaft.

Das Erziehungsargument: Homosexuelle und Kinder

Dieses Argument ist die spezifische Form des Non-Malefizienzarguments, angewandt auf die Frage nach eventuellen Nachteilen der Homo-Ehe für Kinder. Es wird sogar oft zu einem Benefizienzargument umfunktioniert : manche Kinder haben nicht nur keine Nachteile, sondern geradezu Vorteile in einer Homo-Ehe, die ja die Adoption ermöglicht. So schreibt Norbert Campagna in einem lesenswerten Artikel „Le mariage homosexuel“ (FORUM November 2012): “J'aimerais poser une question très simple aux adversaires du mariage homosexuel : si vous aviez le choix, préféreriez-vous vivre dans une institution de l'assistance publique ou être adopté par deux personnes du même sexe qui vous apporteront amour, respect et attention?“

Diese Alternative ist jedoch tendenziös, weil sie andere mögliche Alternativen außer Acht lässt, wie z.B. die nächstliegende : „Würden Sie lieber in einem Waisenhaus aufwachsen oder nicht eher adoptiert werden von einem Paar bestehend aus einer Frau und einem Mann?“ Die Alternative ist noch aus einem andern Grunde nicht überzeugend, denn sie suggeriert, dass es nicht genug zweigeschlechtliche Paare gibt, die eine Adoption wünschen. In Wirklichkeit gibt es aber in keinem europäischen Land 'genug' adoptionsfähige Kinder, allein schon was die Nachfrage von Seiten heterosexueller Paare anbetrifft.

Würde die Adoption durch ein Homo-Ehepaar den Kindern schaden? Hier muss aufmerksam gemacht werden auf das, was das eigentliche Erziehungsargument behauptet. Es wird von Norbert Campagna im oben genannten Artikel folgendermaßen formuliert: “Le bien-être des enfants doit être prioritaire. Je ne le conteste pas, et j'en déduis que tout enfant a besoin d'amour, de respect, d'attention etc. Est-ce que ces choses essentielles ne peuvent être apportées que par un père et une mère? On est en droit d'en douter“.Auch ich bezweifle es. Und, wie Campagna weiter ausführt, es gibt genug klassische Familien, in denen umgekehrt den Kindern die oben genannten notwendigen Güter nicht zukommen.

Was aber Campagna allein aufzählt, sind erzieherische Prädikate, die gewiss wichtig und unverzichtbar sind. Eines aber fehlt dabei, und das ist zumindest genauso ausschlaggebend für die Ausbildung der Persönlichkeitsstruktur jedes Kindes : die Konfrontation mit verschiedengeschlechtlichen Eltern (ob biologischen oder Adoptionseltern).Man muss kein Psychoanalysefan zu sein, um das einzusehen. Und es genügt nicht, dass da manchmal eine Tante oder ein Onkel auftaucht, oder das Kind eine Lehrerin oder einen Lehrer hat. Worauf es ankommt, ist die tagtägliche Gegenwart einer Mutter und eines Vaters. Diese Präsenz aber wird den von Homosexuellen adoptierten Kindern prinzipiell vorenthalten. Hier geschieht eine wesentliche Diskriminierung, diese Kinder genießen keine Gleichberechtigung. Wie der Jurist Yan Thomas, der kurioserweise trotzdem für die Homoelternschaft eintritt, es treffend sagt: “Il ne sert à rien [...] de démontrer, enquêtes à l'appui, que deux adultes de même sexe peuvent très bien élever un enfant et le rendre heureux. Toutes les images d'enfants rieurs sur les épaules d'un père ou d'une mère tenant la main d'un homme ou d'une femme sont purement publicitaires et ne nous disent rien de la réalité qu'elles sont incapables de désigner, parce qu'une telle réalité ne peut se dire en images mais en mots : qu'est-ce qu'un enfant pour lequel un père tient lieu de mère, ou une mère de père? On pourra multiplier à l'infini les enquêtes sociales et les travaux psychologiques, on n'évitera pas le problème civil et politique : peut-on priver un enfant du droit reconnu à tous les autres d'avoir pour parents un père et une mère?(Hervorhebung durch H.H.)Peut-on fabriquer des cobayes heureux? La satisfaction d'un tel désir ne peut se justifier que par des arguments sentimentaux et psychologiques. Sur le terrain juridique, sur le terrain politique, elle suppose que l'on s'accommode d'une inégalité enracinée dans la naissance et dans l'origine” (Hervorhebung durch H.H.)“.4

Angesichts dieser Sachlage kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass hier Adoption in ihr Gegenteil verkehrt wird : statt Waisenkindern eine Familie zu geben, verschafft man einem Paar Kinder. Wird durch die Homo-Ehe, und von da aus durch die Homo-Adoption, nicht etwas eingeführt, das ansonsten von jedermann hoch und heilig abgelehnt und geächtet wird, nämlich ein Recht auf Kinder? Man wird mir entgegenhalten, auch heterosexuelle, unfruchtbare Paare könnten durch Adoption Kinder als Mittel zum Zweck bekommen. Das ist in der Tat nicht auszuschließen,

übrigens auch nicht im Falle von biologisch eigenen Kindern. Immerhin aber bekommen alle diese Kinder verschiedengeschlechtliche Eltern. Hier zeigt sich, wie wir auch im nächsten Abschnitt noch sehen werden, dass das, worum es bei der Homo-Ehe geht, letztlich nicht angeblich diskriminierte Erwachsene sind, sondern das Wohl von Kindern. Hierzu schreibt Thibaud Collin: “Les parties en présence […] ne sont pas les couples hétérosexuels d'un côté et les couples homosexuels de l'autre, selon la logique de lutte contre les discriminations […].Les deux parties sont d'une part des enfants et de l'autre des adultes ayant une orientation sexuelle les poussant vers un partenaire de même sexe“(Hervorhebung durch den Autor).5

Und noch einmal das Diskriminierungsargument: medizinisch unterstützte Zeugung und Leihmutterschaft

Wie gesagt gibt es schon für Heterosexuelle bei weitem nicht genug adoptionsfreie Kinder. Deshalb wird es Homosexuellen nicht genügen, in Punkto Adoption mit Heterosexuellen gleichgestellt zu werden. Sie werden darüber hinaus die Forderung stellen, 'eigene' Kinder haben zu können. Und damit tauchen einige, in meinen Augen nicht nur bedenkliche, sondern ethisch geradezu unannehmbare Folgen der Zulassung der Homo-Ehe auf. Und wiederum ist hier auf den 'Avis séparé' des Staatsrats hinzuweisen, der es zu Recht als unlogisch beklagt, dass die Abgeordnetenkammer zuerst über die Homo-Ehe als solche befinden wollte und dann erst über Adoption und Techniken der künstlichen Befruchtung; denn, wie es so treffend im 'Avis' heißt: “Qui dit A dira aussi B“. Mit der Zulassung der Homo-Ehe sind nicht nur die Adoption, sondern auch künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft eigentlich schon abgesegnet. Beides zu trennen ist, von Seiten der Homosexuellen gesehen, sehr schlau, die Koppelung dagegen wäre für sie „ein fataler Fehler“(M. Angel) : mit der Homo-Ehe bekommen sie den Rest nämlich automatisch mit.

Weshalb ist dem so? Nun, wenn die Ehe den Homosexuellen offensteht, dann ipso facto auch die den Verheirateten zustehende Möglichkeit der medizinisch unterstützten Zeugung (im Folgenden abgekürzt : MUZ). Allerdings wird diese Technik, wie die Ehe selbst, dabei unter der Hand neu definiert. Ursprünglich ist die MUZ nämlich vorgesehen als Therapie für unfruchtbare Paare. Als solche stellt sie keine Diskriminierung der homosexuellen Paare dar, denn diese sind ja im Prinzip nicht unfruchtbar, und Homosexualität ist ja bekanntlich keine zu heilende Krankheit, sondern eine sexuelle Orientierung, welche eben keine 'natürliche' Zeugung kennt. Wird die MUZ nun aber den Homosexuellen zugänglich (und nach der Legalisierung der Homo-Ehe wäre ihre Verweigerung tatsächlich diskriminierend), wird sie, ob man es will oder nicht, von einer Therapie umfunktioniert zu der Befriedigung eines Kinderwunsches, und also des Rechts auf Kinder. Und um dann eine Diskriminierung der heterosexuellen fruchtbaren Paare zu vermeiden, müsste die Enttherapisierung der MUZ auch für diese gelten.

Weil nun aber die MUZ nur weiblichen Homosexuellen zugute kommen kann, würden in Punkto 'eigene' Kinder kriegen die männlichen Homosexuellen diskriminiert, und so wird es, um der Gleichstellung willen, zwangsläufig zur Legalisierung der Leihmutterschaft kommen, um so auch das Recht homosexueller Männer auf Kinder zu befriedigen. Während jedoch die Zulassung der MUZ 'nur' deren therapeutische Funktion wegdefiniert, ist Leihmutterschaft ethisch bei weitem bedenklicher : was auch immer in Einzelfällen etwas lyrisch dazu verkündet wird, so als wäre es in allen Fällen eine sublime Art von Nächstenliebe, muss nüchtern festgestellt werden, dass es sich bei der Leihmutterschaft um eine Form der Instrumentalisierung und Kommerzialisierung des weiblichen Körpers handelt. Man braucht sich nur bei den Organismen umzusehen, die als Zwischenhändler fungieren und die Preise, die dabei anfallen, zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht nur die Würde der Frau wird dabei missachtet, sondern auch die der Kinder wird missachtet: sie werden zu Waren degradiert, wobei natürlich hinzu kommt, dass sie das heute als sakrosankt angesehene Prinzip der freien Zustimmung (noch) nicht in Anspruch nehmen können.

Meine Frage an die Homosexuellen, aber auch an die heterosexuellen Befürworter der Homo-Ehe: wollt ihr das alles wirklich? Wollt ihr eine Gesellschaft, in der bestimmten Kindern Rechte verweigert werden und sie als Waren gehandelt werden, wo man Therapien zu Ersatzhandlungen umformt, wo Frauen ihre Mutterfähigkeit vermarkten? Mir soll jedenfalls niemand mehr weismachen wollen, bei der Homo-Ehe habe doch niemand etwas zu verlieren!

Das Neue-Familienformen-Argument

Dieses Argument hat in der französischen Diskussion eine gewisse Rolle gespielt, zusammen übrigens mit dem Argument, die Gesellschaft habe sich verändert und müsse deshalb auf modern getrimmt werden. Es findet sich auch u.a. in dem vorhin zitierten Text von Marc Angel: “Die Familiensituation vieler Kinder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch neue Familienformen (Patchworkfamilien, Alleinerzieher, gleichgeschlechtliche Eltern...) deutlich verändert. Dieser neuen Vielfalt muss der Gesetzgeber Rechnung tragen“.

Dieses Argument ist aber auf mehrfache Weise fehlerhaft. Patchworkfamilien und monoparentale Familien sind gewiss neue Formen von Familien, stellen aber für den Gesetzgeber insofern keine grundsätzlichen Probleme dar, als diese Situationen sich im Rahmen der bestehenden Gesetze regeln lassen. Gewiss muss der Gesetzgeber neuen Entwicklungen in der Gesellschaft Rechnung tragen, also auch z.B. der Tatsache, dass es gleichgeschlechtliche Paare gibt, in deren Haushalt Kinder leben. Aber 'Rechnung tragen' heißt nicht ipso facto 'gesetzlich fördern', und führt nicht automatisch dazu, Reformen und neue 'Paradigmen', wie der Staatsrat das nennt, einzuführen, welche bestehende und bewährte Institutionen über den Haufen werfen. Schließlich darf bei der Besprechung dieser Fragen das Partenariat als mögliche Lösung nicht vergessen werden, dessen Anpassung sich sowieso in manchen Punkten aufdrängt.

Das Umfrage-Argument

Ein kurzes Wort noch zu einem letzten Argument: sprechen die seit einiger Zeit unwiderlegbar hohen Umfragewerte zugunsten der Homo-Ehe nicht dafür, dass die Gesellschaft sowohl reif als auch bereit ist für die Einführung dieser Ehe? Was aber sagen solche Umfragen eigentlich aus? Gewiss geben sie uns kund, was Menschen zu einem gewissen Thema zu einem gewissen Moment 'meinen'. Nur, welchen Informationswert hat eine solche Meinung wirklich? Der Wert einer Meinungsumfrage hängt nämlich von einer Reihe von Faktoren ab, welche das Resultat der Umfrage auf die eine oder andere Weise beeinflussen, und damit auch deren Deutung.

Da sind zuerst einmal formale Aspekte zu berücksichtigen. So ist es z.B. nicht egal, welches die Formulierung der Frage(n) ist. Und auch nicht, ob sie auf der Straße gestellt werden, über Telefon oder in einem längeren Gespräch. Ebenso spielt es eine Rolle, wie lange Zeit der Befragte hat, um über die Frage(n) nachzudenken, eine Antwort zu erarbeiten und diese dann dem Befrager mitzuteilen auf eine Weise, die dem entspricht, was er genau meint.

Ausschlaggebender aber sind, besonders wenn es um Themen wie die Homo-Ehe geht, inhaltliche Faktoren, und darunter vor allem das (Un)Wissen der Befragten über die gestellte Problematik. Haben sie sich überhaupt schon damit befasst? Welche Erfahrungen haben sie diesbezüglich gemacht? Kennen sie die bestehende gesetzliche Sachlage? Kennen sie das anstehende Gesetzesvorhaben? Was meinen sie genau, wenn sie sich für (oder gegen) die Homo-Ehe aussprechen? Nicht unwichtig sind auch die mehr oder weniger unbewussten Einflüsse von Seiten der sozialen Trends und Klischees, vom Geist der Zeit, von konjunkturellen Entwicklungen und einschneidenden Ereignissen.

In einem Wort wie in vielen: Meinungsumfragen sind aus meiner Sicht im allgemeinen völlig wertlos, egal ob eine Mehrheit sich nun für oder gegen ein bestimmtes Thema entscheidet. Auch wenn die meisten unserer Mitbürger sich bei Umfragen gegen die Homo-Ehe aussprächen, wäre das für unsere Volksvertreter als solches noch kein Argument, dieser Meinung Folge zu leisten.

Abschließend

Marc Angel begrüßt es in seinem vorhin zitierten Beitrag, “dass im Gegensatz zu unserem Nachbarland Frankreich in Luxemburg die Diskussionen über die Homo-Ehe sachlich, fundiert und fair geführt werden“. Ja, es stimmt, es hat in unserem Land, zumindest bisher, noch keine größeren und deshalb auch glücklicherweise keine gewalttätigen Auseinandersetzungen und Demos gegeben. Aber dazu muss man bemerken, dass überhaupt noch keine Diskussionen, jedenfalls keine öffentlichen, stattgefunden haben. Das ist jedoch gerade, was der Staatsrat zu Recht anmahnt und fordert. Und wenn von der Zivilgesellschaft hierzu keine Initiativen kommen, dann ist es an der Abgeordnetenkammer, solche Debatten anzustoßen.

Statt dessen hat man den Eindruck, das Thema interessiere die Bevölkerung nicht eigentlich, und den direkt Beteiligten, nämlich den Homosexuellen und den Parteien, liege vor allem daran, die ganze Angelegenheit still und heimlich, möglichst schnell und geräuschlos, von der Öffentlichkeit unbemerkt, über die Bühne zu bekommen. Ist es das, was man in Luxemburg unter Demokratie versteht?

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1) Philosophielehrer i. R.

2) Les enfants et le mariage homosexuel Prise de position de la Commission Diocésaine pour la Pastorale Familiale, 15 mars 2013.

3) Dass dies keine zum Zweck der Ablehnung der Homo-Ehe erfundene Horrorgeschichte ist, kann man nachlesen im Internet (LifeSiteNews.com vom 13. März 2013),wo der niederländische „father of the political movement in favor of Dutch gay marriage“, Boris Dittrich, unumwunden zugibt, dass Polygamie von vorneherein miteingeplant und das eigentliche Ziel seines Einsatzes für die Homo-Ehe war. In diesem Text findet man zudem einen Link zu einem Interview auf YouTube mit Dittrich zu diesem Thema.

4) Zitiert S. 97 – 98 in : Thibaud Collin Les lendemains du mariage gay Ed. Salvator Paris 2012.

5) Ibid. S. 98.

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In der ursprünglichen Fassung dieses Textes wurde irrtümlicherweise Emile Angel zitiert, gemeint war allerdings Marc Angel.