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Die Geschichte eines Luxemburgers in Algerien: 21 Tage Folter, fünf Jahre U-Haft
Lokales 2 Min. 17.04.2015 Aus unserem online-Archiv

Die Geschichte eines Luxemburgers in Algerien: 21 Tage Folter, fünf Jahre U-Haft

Margy Chani-Pesch kämpft für die Freiheit ihres Mannes.

Die Geschichte eines Luxemburgers in Algerien: 21 Tage Folter, fünf Jahre U-Haft

Margy Chani-Pesch kämpft für die Freiheit ihres Mannes.
Foto: Chris Karaba
Lokales 2 Min. 17.04.2015 Aus unserem online-Archiv

Die Geschichte eines Luxemburgers in Algerien: 21 Tage Folter, fünf Jahre U-Haft

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Vor fünf Jahren wurde ein Luxemburger vom algerischen Geheimdienst entführt. Seitdem sitzt er in Haft. Am Sonntag soll der 63-Jährige nun erstmals vor Gericht stehen. Seiner Familie nach ist er das Opfer eines Machtkampfs zwischen algerischen Clans.

Majdoub Chanis Albtraum beginnt am 17. September 2009. An jenem Donnerstag will er seine sterbende Mutter besuchen. Doch dazu kommt es nicht. Er wird von Unbekannten entführt, verbringt 21 Tage in einem geheimen Foltergefängnis des „Département du renseignement et de la sécurité“, dem algerischen Geheimdienst.

„Sie haben ihn gehindert zu schlafen, er durfte sich nicht waschen, war in Lumpen gekleidet und bekam fast nichts zu essen“, erzählt Margy Chani-Pesch. „Er hat in den drei Wochen elf bis zwölf Kilo abgenommen.“ Eine Kapuze habe man ihrem Mann über den Kopf gezogen. Geschlagen habe man ihn, sagt sie. Immer wieder, bis er das Geständnis unterzeichnet habe, das seine Häscher ihm ständig diktierten. 

Medi Chadi wartet seit 2009 auf seinen Prozess.
Medi Chadi wartet seit 2009 auf seinen Prozess.
Foto: Familie Chani

 Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem sitzt Majdoub Chani, genannt Medi, in Untersuchungshaft. Nur zweimal konnte seine Frau ihn besuchen. Das war 2012. Ihr wurde abgeraten, nach Algerien zurückzukehren. Zu groß sei die Gefahr auch für sie. Den beiden in Luxemburg lebenden Söhnen bleiben seit 2009 nur die Briefe ihres Vaters. Und die werden im Gefängnis streng gefiltert. 

Margy Chani-Pesch hatte ihren Mann 1984 an der Universität in Oran kennengelernt. Die Luxemburgerin war Dozentin, er der Finanzdirektor der Uni. 1988 verließen sie Algerien – aus Angst vor dem islamistischen Terror. Medi Majdoub nahm vier Jahre später die Luxemburger Staatsbürgerschaft an und arbeitete mehr als 25 Jahre lang als Finanzberater und Treuhänder im Großherzogtum.


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Er ist schwer einzuschätzen, der Strafprozess, der am Sonntag in der algerischen Hauptstadt beginnt. Angeklagt sind 19 Männer, darunter auch ein 63-jähriger Luxemburger Geschäftsmann mit algerischen Wurzeln, Majdoub Chani.

Bereits 2000 gründete er die algerische Vertretung eines schwedischen Kosmetikkonzerns – um die wirtschaftliche Entwicklung in seiner Heimat zu unterstützen, um Arbeitsplätze zu schaffen, heißt es. 2006 wird der erfolgreiche Geschäftsmann von einem chinesischen Unternehmen als Vermittler engagiert. Die Chinesen bauen die Ost-West-Autobahn, die durch den ganzen Norden des Landes führt – zu der Zeit das Prestigeprojekt von Präsident Abdelaziz Bouteflika. Damit beginnen die Probleme für den Luxemburger.

"Teil eines Machtkampfs"

„Die Entführung und Inhaftierung meines Mannes ist Teil eines Machtkampfs“, erklärt Margy Chani-Pesch. Denn die Macht im autoritären Algerien ist auf drei Pfeiler verteilt: der Clan um Präsident Bouteflika, die Armee und der Geheimdienst DRS. Dessen Chef, Mohamed Mediène, sei derart gefürchtet, dass die Menschen in Algerien sogar Angst hätten, auch nur dessen Namen auszusprechen.

„Aus dem Autobahnprojekt wurde eine Affäre gemacht“, erläutert die Luxemburgerin. „Es ging darum, Bouteflika zu schaden. Es wurde gesagt, es habe Korruption, Einflussnahme und Geldwäsche gegeben“. In der algerischen Presse wurde ein Geheimdienstbericht veröffentlicht. Im Mittelpunkt: ein Algero-Luxemburger Geschäftsmann.

Nach fünf Jahren Untersuchungshaft soll ihm und rund fünfzehn anderen Angeklagten ab kommenden Sonntag der Prozess gemacht werden.

Mit einem Hilferuf wendet sich Mary Chani-Pesch nun wenige Tage vor dem Prozessauftakt an die Öffentlichkeit. „Wir wollen gar nicht, dass Luxemburg bei der algerischen Justiz interveniert. Das wäre absurd“, betont sie. „Das Großherzogtum wird in Algerien von Belgien vertreten. Wir brauchen eine konsularische Unterstützung. Bislang wissen wir noch nicht einmal, ob es die geben wird. Wir wollen, dass die Belgier präsent sind. Sie sollen den Prozess beobachten, darauf achten, dass alles nach geltendem Recht verläuft.“ Beweise gegen ihren Mann gebe es nämlich keine.

Medi Chani sei sehr kämpferisch, unterstreicht seine Frau. Es habe in den fünf Jahren ganz sicher schwierige Momente gegeben. Er sei aber bereit, für seine Freiheit, seine Rückkehr zu seiner Familie in Luxemburg zu kämpfen. Das gebe ihm Kraft. In all den Jahren habe er nie aufgegeben.


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