Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die Epidemie der hustenden Säuglinge
Lokales 5 Min. 18.11.2022
Kinderärzte schlagen Alarm

Die Epidemie der hustenden Säuglinge

In Luxemburg grassiert das RS-Virus unter den Kindern. Die Kinderärzte Julien Darmian, Serge Allard und Isabel De La Fuente schlagen Alarm.
Kinderärzte schlagen Alarm

Die Epidemie der hustenden Säuglinge

In Luxemburg grassiert das RS-Virus unter den Kindern. Die Kinderärzte Julien Darmian, Serge Allard und Isabel De La Fuente schlagen Alarm.
Foto: Chris Karaba
Lokales 5 Min. 18.11.2022
Kinderärzte schlagen Alarm

Die Epidemie der hustenden Säuglinge

Jean-Philippe SCHMIT
Jean-Philippe SCHMIT
Die Kannerklinik ist zurzeit überbelegt; zwei Drittel der jungen Patienten leiden unter der Bronchiolitis. Nun schlagen die Kinderärzte Alarm.

19 Uhr, das Baby ist eingeschlafen. Ein Hustenanfall reißt es aus dem Schlaf. Nach 20 Minuten beruhigt sich der Husten, das Kind schläft wieder ein. Gegen 20 Uhr ist ein pfeifendes Atemgeräusch aus dem Babyzimmer zu vernehmen. Es dauert nicht lange und ein weiterer Hustenanfall reißt das Kind erneut aus dem Schlaf. Solche Nächte gehören zunehmend bei vielen Familien zum Alltag, seit die Bronchiolitis-Epidemie das Großherzogtum erreicht hat. Die Kinderärzte schlagen nun Alarm.


25.11.2021, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Intensivpflegerin hält auf der Kinder-Intensivstation des Olgahospitals des Klinkums Stuttgart den Fuß eines am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankten Patienten, der beatmet wird, in der Hand. Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kinderklinik wegen Bronchiolitis ausgelastet
Luxemburg bereitet sich derzeit auf einen Anstieg der Bronchiolitis-Fälle vor, wie Paulette Lenert in einer parlamentarischen Antwort erklärt.

„Bei der Bronchiolitis handelt es sich um eine vom respiratorischen Synzytial-Virus hervorgerufene Infektion der ganz kleinen Bronchien, den Bronchiolen“, erklärt Kinderarzt Serge Allard am Freitag während der Pressekonferenz der Société Luxembourgeoise de Pédiatrie. Da die Bronchiolen beim Säugling noch sehr klein und eng sind, neigen sie dazu bei einer Infektion zu verstopfen

Fast jede Person hatte bereits Kontakt mit dem Virus

Die meisten Kinder kommen gut durch eine RSV-Infektion. „90 Prozent der Kinder weisen im Alter von zwei Jahren Antikörper gegen das Virus auf“, sagt der Arzt. Die Infektion klingt in der Regel nach einigen Tagen von alleine aus, bei schwereren Fällen kann es bis zu drei Wochen dauern. Auch Erwachsene können sich infizieren, allerdings verläuft die Krankheit bei ihnen aber in der Regel unbemerkt.

Bei Kindern stellt es sich anders dar. Je jünger der Patient ist, umso größer ist das Risiko für schwere Verläufe. „RSV überträgt sich auf die gleiche Art wie Covid“, erklärt Allard. Die RSV-Infektion beginnt mit einem Schnupfen und kann dann die Lungen befallen.

Schnelle Atmung und Apathie sind Warnzeichen

Wenn die Atmung des Kindes schneller wird, es weder trinken noch lachen will und es müde bis apathisch wirkt, muss es in die Notaufnahme“, sagt Serge Allard.  „Zwei bis drei Prozent der Kinder, die mit dem RS-Virus infiziert sind, brauchen Unterstützung beim Atmen“, sagt Kinderärztin Isabel De La Fuente. 

Bei Babys unter zwei Monaten ist besondere Vorsicht geboten. So sollte bei ihnen schon ein Schnupfen mit dem Kinderarzt abgeklärt werden. Eine Bronchiolitis kann auch Atemaussetzer verursachen. „Der Sauerstoffmangel muss behandelt werden“, so Allard. So könne eine RSV-Infektion das Leben des Babys bedrohen. „In Ländern ohne ausreichende medizinische Versorgung kommt es vor, dass RSV-Patienten sterben“, betont Isabel De La Fuente. In Luxemburg sei das in den vergangenen Jahren nicht der Fall gewesen, trotzdem gebe es keinen Grund für Entwarnung.

Die Kannerklinik ist überbelegt

„Die RSV-Virulenz hat sich in den vergangenen Wochen zugespitzt“, sagt Serge Allard. Bereits im vergangenen Jahr brachten die RSV-Patienten die Kannerklinik an ihre Kapazitätsgrenzen. In diesem Jahr habe die Epidemie außergewöhnlich früh begonnen und sorge für viele schwere Verläufe. Dies hat dazu geführt, dass die Kannerklinik schon seit Wochen an der Kapazitätsgrenze arbeitet.

Ein Umstand, der auch zu unzufriedenen Krankenhausbesuchern führt. So häufen sich etwa im Internet die wütenden Kommentare. „In der Nacht auf Mittwoch auf Donnerstag: fünf Monate altes Baby, 41 Grad Fieber, sieben Stunden Wartezeit. Diagnose: RS-Virus“, so eine Rezension auf Google aus der vergangenen Woche. „Sechs Stunden im Wartezimmer mit drei kleinen Kindern gewartet. Mein Kind atmete zu schnell und hatte über 39 Grad Fieber“, so eine andere Erfahrung.

Nur schwerwiegende Fälle sollen in die Notaufnahme

Die Kannerklinik des Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) sieht sich mit einem „sehr starken Ansturm mit pädiatrischen Notfällen“ konfrontiert, bestätigt Isabel De La Fuente. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen steige bereits seit vier Wochen rapide an. „Seit mehreren Tagen liegt die Belegungsquote über 100 Prozent“, erklärt sie weiter. Von 58 Betten seien alleine 37 mit RSV-Patienten belegt. 

Der Belegungsgrad der pädiatrischen Betten liegt über dem Belegungsgrad der normalen Krankenhausbetten während des Höhepunkts der Covid-Pandemie Anfang des Jahres 2020“, so De La Fuente. „Wir mussten bereits zwei Kleinkinder auf Intensivstationen ins Ausland bringen.“ Alle geplanten Eingriffe, die nicht lebensnotwendig sind, wurden abgesagt oder verschoben.

Situation droht unbeherrschbar zu werden

Die Situation sei bisher beherrschbar gewesen, betont De la Fuente. Doch jetzt droht das einzutreten, was während der Coronapandemie befürchtet wurde, nämlich, dass Patienten nicht die Behandlung bekommen, die sie benötigen.

„Das Personal hat schon sehr viel gearbeitet und könnten an ihre Grenzen stößen“, so Fuentes. Die Stimmung sei „extrem angespannt“. Demnach werde es eine Herausforderung, weiterhin die beste Behandlung für die Patienten zu gewährleisten. „Der Ärztemangel wird während einer Epidemie besonders deutlich“, bemerkt Julien Darmian von der Direction de la Santé in diesem Zusammenhang. 

Aus diesen Gründen rufen die Kinderärzte dazu auf, nur noch in Notfällen einen Arzt aufzusuchen. Bei Kindern ab fünf Jahren sei das Risiko einer RSV-Bronchiolitis geringer. „Vermeiden Sie in solchen Fällen sofort zum Pädiater zu gehen“, sagt Serge Allard. Bei Kindern, die älter als zwei Jahre sind, und unter Fieber, auch hohem, leiden, sei der Arztbesuch nicht unbedingt erforderlich. 

 „Je älter das Kind ist, umso weniger besorgniserregend ist das Fieber“, meint Isabel De La Fuente. Bei Fieber könne Paracetamol helfen. Hohes Fieber deute zudem eher auf eine virale und keine bakterielle Infektion hin. Anders sieht dies bei der Bronchiolitis aus: „Bei RSV gibt es kein spezifisches Medikament, Antibiotika zeigen keine Wirkung“, fügt Allard bei.

 „Was während Covid half, hilft auch bei RSV“  

Die Kinderärzte raten zu weiteren Maßnahmen, um das System vor Überlastung zu schützen. „Was während Covid half, hilft nun auch bei RSV“, sagt Serge Allard. Dazu gehören das Maskentragen und Kontaktbeschränkungen. Kinder sollten auf Besuche in anderen Haushalten verzichten, wenn möglich auch nicht die Kindertagesstätte besuchen.  Und: „Die Räumlichkeiten sollen regelmäßig gelüftet werden“, fügt Allard hinzu.

Von Babys sollte man sich am besten ganz weghalten“, betont De la Fuente. Küsschen sollte es auch keine geben.   Eine kleine Ausnahme des strikten Kontaktverbotes erlaubt Isabel De la Fuente dann doch: „Küsschen mit den Füßen sind erlaubt.

Diese Maßnahmen sollten beibehalten werden, bis der Höhepunkt der Epidemie überschritten ist. In Frankreich, wo die Epidemie schon seit längerem wütet, zeichne sich eine Stabilisierung ab. In Luxemburg ist aktuell aber noch kein Ende absehbar.  


Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Krankheitswelle im Winter 2022
Gleich eine Dreifach-Viruswelle mit Corona, RSV und Grippe-Viren fegt durch Luxemburg. Ein Gespräch mit Virologe Prof. Dr. Claude Muller.
Prof. Claude Muller (Arbeit von Lux Lab im Laos) - Foto: Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV)
Dr. Armand Biver, Chefarzt der pädiatrischen Abteilung des CHL im Interview über das anormale Verhalten eines altbekannten Virus.
25.11.2021, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Intensivpflegerin hält auf der Kinder-Intensivstation des Olgahospitals des Klinkums Stuttgart den Fuß eines am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankten Patienten, der beatmet wird, in der Hand. Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Kinderarzt gibt Antworten
Dr. Christian Jaeger erklärt im „Wort“-Interview, dass Kinder mit einer Covid-Erkrankung ganz unterschiedliche Symptome aufweisen können.
Bis heute konnte die Justiz nicht klären, wieso der Vierjährige in der Notaufnahme der Kannerklinik verstarb.