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Die Dschihadisten aus der Brillstraße
Lokales 5 Min. 07.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Luxemburgische Kämpfer in Syrien und ihr Hintergrund

Die Dschihadisten aus der Brillstraße

Der Gebetsraum der „Association multiculturelle de l’Ouest“ in der Brillstraße in Esch/Alzette gilt bei Sicherheitskräften als Treffpunkt radikaler Islamisten in Luxemburg.
Luxemburgische Kämpfer in Syrien und ihr Hintergrund

Die Dschihadisten aus der Brillstraße

Der Gebetsraum der „Association multiculturelle de l’Ouest“ in der Brillstraße in Esch/Alzette gilt bei Sicherheitskräften als Treffpunkt radikaler Islamisten in Luxemburg.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 5 Min. 07.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Luxemburgische Kämpfer in Syrien und ihr Hintergrund

Die Dschihadisten aus der Brillstraße

Mehrere Mitglieder einer radikal-islamistischen Gruppe in Esch/Alzette werden von den luxemburgischen Behörden als gefährlich eingestuft. Neben ihrer Weltanschauung haben sie eines gemeinsam: Sie besuchen alle denselben Gebetsraum in der Rue du Brill in Esch/Alzette.

Mehrere Mitglieder einer radikal-islamistischen Gruppe in Esch/Alzette werden von den luxemburgischen Behörden als gefährlich eingestuft. Neben ihrer Weltanschauung haben sie eines gemeinsam: Sie besuchen alle denselben Gebetsraum in der Rue du Brill in Esch/Alzette. Auch die beiden jungen Männer aus dem Großherzogtum, die wahrscheinlich in Syrien ums Leben kamen, verkehrten dort.

Von Michel Thiel und Steve Remesch

Zwei „Gotteskrieger“ aus Luxemburg sind im syrischen Bürgerkrieg bereits ums Leben gekommen. Das hatte Außenminister Jean Asselborn vor wenigen Wochen bekannt gegeben. Auch wenn der letzte Nachweis für ihren Tod fehlt, gehen die Behörden davon aus, dass der Sachverhalt der Wahrheit entspricht. Die beiden jungen Männer, S. und V., besuchten dieselbe Moschee in Esch/Alzette, obwohl sie eigentlich in Luxemburg-Stadt lebten. Für einen nahm der Kampfeinsatz bereits nach einem Monat ein jähes Ende, der zweite überlebte vier Monate im Kriegsgebiet.

Die Gemeinschaft mit dem Namen „Association multiculturelle de l’Ouest“ (AMCO) unterscheidet sich fundamental von allen anderen muslimischen Gemeinschaften und Moscheen im Land. Ihre Auslegung des Korans ist strikt wortgetreu, ihre Weltanschauung streng traditionalistisch – Sie steht somit im Widerspruch zu der gesamten restlichen muslimischen Gemeinschaft in Luxemburg.

Knotenpunkt internationaler Terrornetzwerke

Zu den regelmäßigen Besuchern des Gebetsorts der AMCO zählen auffallend viele junge Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. In der Moschee verkehren vorrangig bosnische und kosovarische Migranten sowie eine stetig wachsende Zahl von Konvertiten aus Luxemburg und der Grenzregion. Nach übereinstimmenden Informationen aus Sicherheitskreisen pflegen Mitglieder der Gemeinschaft aus Esch/Alzette enge Kontakte zu Extremisten aus dem europäischen Ausland – insbesondere zu „Sharia4Belgium“ und zu Salafisten in Deutschland sowie Ex-Jugoslawien. Hardliner aus der Gruppe machen keinen Hehl aus ihren Sympathien für Terrororganisationen wie „Isis“ oder „Boko Haram“.

Beim Versuch, einen Stand zur Koranverteilung in Luxemburg-Stadt zu beantragen, trugen junge Männer Kapuzenpullover mit der schwarzen Flagge des „Dschama'at al-Tauhid wa al-Dschihad“ (Gemeinschaft für Tauhid und Dschihad – Tauhid bedeutet „der Glaube an die Einheit Gottes“, Dschihad „der Kampf auf dem Weg Gottes“) – dem Vorgänger der dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (Isis).

In der Hauptstadt ist bislang eine Koranverteilung untersagt worden. Nach einer Reihe von Beschwerden über das aggressive Auftreten der Glaubensvertreter wurde entschieden, keine derartigen Aktionen im Stadtzentrum zu genehmigen. Auf Nachfrage betonte die Pressestelle der Stadtverwaltung, dass religionsübergreifend keine Stände mehr im öffentlichen Raum erlaubt sind, an denen Werbung für eine Konfession gemacht wird. Die Da'wa, die Verteilung der heiligen Schrift, mutet unschuldig an. Extremismus-Experten zufolge ist sie aber ein einfacher Weg für radikale Kreise, mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen.

Die Rekrutierung junger Menschen für die „gute Sache“ und längerfristig für den Dschihad in Syrien wird einer gut unterrichteten Quelle zufolge aus dem Ausland gesteuert und organisiert. Ab diesem Punkt sind die europäischen Sicherheitsdienste in höchstem Maß gefordert, denn genau hier verläuft die Gratwanderung zwischen religiösem Fanatismus und internationalem Terrorismus.

Die Angst vor dem einsamen Täter

Die Sorge der Sicherheitsdienste geht weit über die Rekrutierung von Syrien-Kämpfern hinaus. Luxemburg steht Experten zufolge sicher nicht in der ersten Reihe der am meisten gefährdeten Länder. Auch das Großherzogtum ist in Afghanistan militärisch präsent und der Finanzplatz kann zum Feindbild für radikale Islamisten werden. Luxemburger haben zudem einen Lebensstil, der von Salafisten abgelehnt wird. „Das könnten alles Ursachen dafür sein, dass es auch hier einmal zu einem Anschlag kommt“, meint ein Terrorexperte gegenüber dem „Luxemburger Wort“. „Es reicht aber auch, dass einmal jemand einen schlechten Tag hat und das dann politisch oder religiös motiviert.“

Genau das ist die größte Angst der Sicherheitskräfte: der „Lone Actor“, der Alleintäter, der aus dem Nichts auftaucht und maximalen Schaden anrichtet. In dieser Hinsicht geht eine besonders große Gefahr von Syrien-Rückkehrern aus. Sie haben womöglich in Ausbildungslagern den Umgang mit Waffen, Munition und Sprengstoff gelernt und beherrschen Taktiken der Guerillakriegsführung. Zudem sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach gewaltbereit und haben Tötungserfahrung. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dürfte auch ihre Hemmschwelle entsprechend niedrig sein.

Fünf Syrienkämpfer aus Luxemburg?

Die dschihadistische Propagandamaschinerie machte sich den Tod eines der beiden jungen Männer V. und S. für ihre Zwecke zunutze. Auf Twitter wurde im vergangenen November ein Bild des Verstorbenen V. mit dem Kampfnamen „Abu Huthaifa“ veröffentlicht. Es wurde verlautet, dass er als Kämpfer für die „Jaish-e-Mohammed“-Brigade in Al Safira bei Aleppo gefallen sei. Mitte Juni tauchte das Foto erneut auf Twitter auf. Diesmal hieß es, der junge Mann sei „der erste Isis-Märtyrer aus dem reichsten Land der Welt, Luxemburg“.

Einem dritten Syrienrückkehrer aus dem Großherzogtum schreiben die Sicherheitsdienste eine starke Einbindung in das Schleusernetzwerk der Dschihadisten zu. Von einem vierten jungen Mann wissen die Behörden, dass er in Syrien war, bevor der Bürgerkrieg seine heutige Dimension annahm. Ein fünfter Mann aus Luxemburg, der sich offiziell längere Zeit in der Türkei aufhielt, steht ebenfalls im Verdacht, in Syrien gewesen zu sein. Wie viele Personen aus Luxemburg tatsächlich am syrischen Bürgerkrieg teilgenommen haben oder sich zurzeit noch immer in der Krisenregion aufhalten, ist kaum zu überprüfen.

Es wird deutlich, dass Terrorismus in Luxemburg weit mehr als nur ein abstrakter Begriff ist. Klar ist auch, dass weder Geheimdienst noch Kriminalpolizei dem Phänomen tatenlos zusehen.