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Die Angst vor der Ghettoisierung
Lokales 2 Min. 20.09.2018

Die Angst vor der Ghettoisierung

Schon im kommenden Frühling sollen Flüchtlinge in den Wohnblocks wohnen. Manche Anwohner haben Sicherheitsbedenken.

Die Angst vor der Ghettoisierung

Schon im kommenden Frühling sollen Flüchtlinge in den Wohnblocks wohnen. Manche Anwohner haben Sicherheitsbedenken.
Foto: Volker Bingenheimer
Lokales 2 Min. 20.09.2018

Die Angst vor der Ghettoisierung

Volker BINGENHEIMER
Volker BINGENHEIMER
Das Familienministerium möchte in den ehemaligen Wohnblocks der Zollverwaltung in der Wasserbilliger Rue de Bocksberg Flüchtlinge unterbringen. Ministerin Cahen stellte sich den Fragen der Anwohner.

Für viele Bürger kam die Nachricht überraschend, dass bereits im Frühling die ersten Asylbewerber in Wasserbillig einziehen werden. Um den Anwohnern Informationen zu liefern und wohl auch, um die Wogen zu glätten, war Familienministerin Corinne Cahen (DP) mit einem Großaufgebot von Beamten verschiedener Ministerien und Verwaltungen ins Kulturzentrum gekommen.

Die drei Wohnblocks mit 16 Wohneinheiten, die die Zollverwaltung in den Jahren 1928 bis 1939 bauen ließ, gehören dem Staat. Elf Einheiten sind frei, sie sollen demnächst renoviert werden. Das Ministerium plant, je zwei Wohneinheiten durch Mauerdurchbrüche zusammenzulegen und mit jeweils zwölf Personen zu belegen. Insgesamt sind 62 Betten vorgesehen.

Gesunde Mischung

„Erfahrungsgemäß werden wahrscheinlich nicht alle Betten permanent belegt sein, weil wir zum Beispiel nicht Familien und alleinstehende Männer im gleichen Zimmer unterbringen können“, sagte Ministerin Cahen. Aus der Vergangenheit habe das Ministerium gelernt, dass mehrere kleinere Kücheneinheiten besser seien als eine zentrale Großküche. Zudem sind in den Zollhäusern auch Speisesäle vorgesehen, in denen die Flüchtlinge gemeinsam essen und dabei Kontakt aufnehmen sollen.

Auf die Art der Belegung angesprochen, versprach die Ministerin, in den Häusern werde es einen Mix von Studenten, Alleinerziehenden und Familien geben. „Da es sich um eine kleine Struktur handelt, werden wir hier Leute unterbringen, die Ruhe brauchen“, unterstrich sie.

Zollhäuser als Ghetto?

Bürgermeister Jérôme Laurent (LSAP) stellte in seiner einleitenden Rede eine Reihe Fragen, von denen sich viele auf die Zukunft bezogen und wohl nicht direkt an die Adresse der Ministerin gerichtet waren. Eine seiner Überlegungen richtete sich auf das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Asylbewerbern: „Schaffen es die Flüchtlinge, sich hier zu integrieren, oder riskieren wir, dass die Zollhäuser zum Ghetto werden?“

Die über 100 Zuhörer im Kulturzentrum diskutierten in einer zwar emotionalen, aber über lange Strecken sachlichen Atmosphäre mit der Ministerin.

Mehrere Bürger äußerten ihre Sorgen um die Sicherheit in Wasserbillig. Cahen entgegnete, dass das künftige Flüchtlingsheim von einer karitativen Organisation geleitet werde und auch nachts ein Mitarbeiter vor Ort sein wird.

Die Politikerin verwies außerdem auf Beispiele, wo sich Anwohner gut mit Flüchtlingsheimen arrangiert hätten. So sei in Monnerich nach anfänglicher Kritik kein Unmut mehr über Asylbewerber in der früheren Ediff-Schule zu spüren.

Ein Bürger wandte ein, dass die 62 vorgesehenen Plätze für eine Gemeinde wie Mertert schon viel seien. Dies sei ein ganz anderes Verhältnis als die 150 Plätze in einer Stadt wie Esch/Alzette.

Corinne Cahen bat die Anwohner um Verständnis für die Bedürfnisse der Flüchtlinge: „Wir haben es mit Menschen zu tun, nicht mit Schreckgespenstern.“

„Dat geet op keng Kouhaut“

Am Ende des Informationsabends eskalierte die Diskussion, als ein Zuhörer sich zu Wort meldete und vor einer bestimmten Gruppe von Immigranten warnte. Die Ministerin reagierte heftig und lautstark. Nach Abschluss der Veranstaltung ging die Diskussion auf Facebook weiter. Dort beschwerte sich die Ministerin über rassistische Ausfälle, unter anderem mit den Worten: „Wat ech den Owend op enger Informatiounsversammlung hu mussen héieren, geet op keng Kouhaut. A wéi enger Welt liewe mir?“

Einige Teilnehmer der Veranstaltung hatten offenbar den Gedanken im Hinterkopf, was das Immigrationsministerium nach dem Abschluss des Projekts sonst noch in Wasserbillig vorhat.

Im „Moor“ (Val Fleuri) und der Rue Duchscher stehen weitere ehemalige Zoll- und Polizeikasernen, die eines Tages vielleicht ebenfalls als Flüchtlingsunterkünfte ins Gespräch kommen. Dazu gab es am Mittwoch keine Antworten.


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