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"Des fautes gravissimes"
Lokales 4 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

"Des fautes gravissimes"

Von insgesamt 125 im Zusammenhang mit den Bombenattentaten sichergestellten materiellen Spuren fehlen heute 86.

"Des fautes gravissimes"

Von insgesamt 125 im Zusammenhang mit den Bombenattentaten sichergestellten materiellen Spuren fehlen heute 86.
Foto: Tessy Hansen
Lokales 4 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

"Des fautes gravissimes"

Als eher verblüffend bezeichnet Generalstaatsanwalt Robert Biever in der Anklageschrift „die schlimmen Fehler, die Missachtung der Grundregeln penaler Prozeduren und die Kompetenzüberschreitungen“ im Dossier „Bommeleeër“.

(str) - Als eher verblüffend bezeichnet Generalstaatsanwalt Robert Biever in der Anklageschrift „die schlimmen Fehler, die Missachtung der Grundregeln penaler Prozeduren und die Kompetenzüberschreitungen“ im Dossier „Bommeleeër“.

Wundern tut sich Biever etwa über die Aussage eines ranghohen Polizisten der IGP, der in einem Bericht an den Minister feststellte, die Ermittler hätten in der Zeit nach den Anschlägen mehr Befugnisse gehabt als heute und auch heute könnten sie noch weitgehend autonom arbeiten. „Das mindeste, das man sagen kann, ist dass er sich schwer getäuscht hat, wenn er nicht anderen Verpflichtungen folgte, als er diese Aussage machte.“

Es sei nämlich so, dass die Ermittler dem Untersuchungsrichter jederzeit Bericht über ihre Arbeit erstatten und ihn dabei sofort über eventuelle Schwierigkeiten und wichtige Erkenntnisse informieren müssen. Der Gendarmeriekommandant Aloyse Harpes habe da wohl eine andere Auffassung der Beweisaufnahme gehabt, meint Biever. Harpes sei der Ansicht gewesen, der Untersuchungsrichter könne den Ermittlern lediglich in Einzelfällen Aufträge erteilen. Daher seien auch nur sehr lückenhafte Informationen zum Magistraten durchgedrungen.

„Harpes schuld an Nichtaufklärung“

Einer der leitenden Ermittler erhebt der Anklageschrift zufolge dann auch schwere Vorwürfe gegen Harpes: „Ich bin der Meinung, dass Herr Harpes (unabhängig von den Disziplinarmaßnahmen, die er gegen mich eingeleitet hat) einen großen Teil Schuld an der Nichtaufklärung der Attentatsserie hat. Er hat versucht, mir zu erklären, die Ermittlungen seien polizeilicher Natur, deshalb müsste man den Gerichtsbehörden nicht alles mitteilen.“

Auch Prosper Klein berichtete gegenüber der Magistratin Woltz über Schwierigkeiten. „Ich hatte das Gefühl, dass das Gendarmeriekommando der oder die Schuldigen vor allen anderen schnappen wollte und das in flagranti“, sagte Klein aus.

„Ich hatte das Gefühl, dass die Mobilisierung der Ordnungshüter zum Nachteil regulärer polizeilicher Ermittlungsmethoden geschah.“

Es sei nicht darum gegangen etwas zu verheimlichen, sondern schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Der Gendarmeriestab habe in der Logik weitergemacht und dem Untersuchungsrichter kaum Bedeutung zugeordnet.

Die Arbeit einzelner Mitarbeiter der Sûrete Publique stuft er als ganz klar unzureichend ein. So habe ihm beispielsweise keine einzige Zeugenaussage vorgelegen. Man habe ihm stets gesagt, dass kein Zeuge gefunden werden konnte. Klein stellte die Ermittlereinheit deshalb 1988 neu zusammen und ließ den Fall von Grund auf neu aufrollen. „Dabei hatte ich den deutlichen Eindruck, dass die Ermittler Schons und Haan unter Druck gesetzt wurden, um nicht mehr an der neuen Ermittlereinheit teilzunehmen“, sagte er gegenüber Doris Woltz aus.

Ermittler beklagten sich zudem zunehmend darüber, dass das Gendarmerie-Kommando die gesamte Informationshoheit an sich gerissen habe. Demnach sei verhindert worden, dass Informationen auf horizontaler Ebene zirkulierten. Alles sei fortan nur noch über die Kommandantur gelaufen. Die habe dann entschieden, welche Information an die anderen Ermittler weiter zu leiten seien und welche nicht.

Der Geheimdienst und die Realsatire

Untersuchungsrichter Klein hatte auch beim Geheimdienst angefragt, Einblick in dessen Informationen zum Fall zu erhalten. Doch das Schreiben an den SREL blieb ohne Antwort. Erst 2004 erfuhr Untersuchungsrichterin Doris Woltz von der Observierung Ben Geibens durch den SREL und im Auftrag von BMG-Chef Pierre Reuland. Auch Ermittler Schockweiler und Disewiscourt erfuhren erst 2005 aus der Presse von der Observierung Geibens und dessen Anwesenheit bei einem der Attentate in Luxemburg und seiner freundschaftlichen Beziehung zum Adjutanten der BMG Jos Steil.

Geiben galt eine Zeit lang als Hauptverdächtiger. In der Hypothese, dass sowohl Geiben wie Steil am Bommeleeër-Komplott beteiligt wären, ging der SREL davon aus, Steil habe absichtlich Fehlinformationen über Geiben geliefert. Zudem habe er ihn ständig über laufende Maßnahmen informiert.

Dann, am Tag als der SREL-Agent seinen Bericht über die Verbindung Steil-Geiben verfasst, wird er von Steil darüber informiert, dass die Gendarmerie die Spur Geiben aufgegeben hat und die Ermittlungen einzustellen seien. Biever spricht in seiner Anklagschrift in diesem Zusammenhang von einer Realsatire. Der Name Ben Geiben tauchte bis zur Neuauflage der Ermittlungen 1999 nie wieder im Ermittlungsdossier auf.

Nach dem siebten Erpresserbrief, der detallierte Hintergrundinformationen zur geplatzten Geldübergabe an der hauptstädtischen Place du Théâtre enthielt, war klar, dass die Täter über umfangreiches Insiderwissen aus der Gendarmerie verfügten. Generalstaatsanwalt Biever zufolge zufolge ist es unmöglich zu verstehen, warum es damals nicht zu internen Ermittlungen innerhalb des Sicherheitsapparats kam. Zudem habe man auch weiterhin vom „Bommeleeër“ gesprochen, obwohl inzwischen klar gewesen sei, dass es mindestens vier Täter gab.

Beweismittel verschwinden beim FBI

Einen weiterem groben Fehler deckt Biever im Zusammenhang mit einem FBI-Bericht im Jahr 1986 auf. Über den SREL hatten Ermittler den FBI-Mitarbeitern Spurenmaterial und Tatortbilder übergeben, die dann in den USA untersucht wurden. Dies geschah offenbar hinter dem Rücken des Untersuchungsrichters. Bis heute ist nicht bekannt, wieviele Beweismittel dem FBI übergeben wurden, worum es sich dabei handelte, wo sie sich befinden und ob sie überhaupt jemals wieder ins Großherzogtum zurück kamen. Von insgesamt 125 im Zusammenhang mit den Bombenattentaten sichergestellten Gegenständen fehlen heute 86. Nur noch 39 Artikel sind übrig.

Nachlässig wurde Biever zufolge auch bei der Auswahl der Verdächtigen vorgegangen. Zu keinem Zeitpunkt wurde etwa gegen militaristische Kreise in Luxemburg ermittelt. Dabei hatte nicht nur das FBI darauf hingewiesen, dass die Täter aus diesem Umfeld stammen könnten.

Bievers Schlussfolgerung spricht Bände: Selbst wenn alle Elemente in diesem Dossier einem Verantwortlichen der Ordnungshüter vorgelegen hätten, ist nicht sicher, dass der Untersuchungsrichter oder die Ermittler das je erfahren hätten.