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Der Mann, nach dem eine Orchidee benannt wurde
Lokales 6 Min. 07.10.2018

Der Mann, nach dem eine Orchidee benannt wurde

Josy Cungs ist seit seiner Kindheit engagierter Naturschützer.

Der Mann, nach dem eine Orchidee benannt wurde

Josy Cungs ist seit seiner Kindheit engagierter Naturschützer.
Foto: Raymond Schmit
Lokales 6 Min. 07.10.2018

Der Mann, nach dem eine Orchidee benannt wurde

Sein ganzer Einsatz gilt den Trockenrasengebieten im Süden Luxemburgs. Wenn es um Naturschutz geht, dann ist Josy Cungs ein Mann der klaren Worte. Ein Mann, nach dem sogar eine Orchideenart benannt wurde.

VON RAYMOND SCHMIT

Eigentlich sollte er den Ruhestand genießen. Das aber wird er wohl nicht tun. Seit seiner Kindheit setzt sich der Düdelinger aktiv für den Naturschutz ein. Früh entdeckte er den Artenreichtum in den Trockenrasen im Süden Luxemburgs.

Wenn die ehemaligen Erzabbaugebiete zwischen Düdelingen und Rodange, die man auch gerne als Paradiese aus Menschenhand bezeichnet, zum Biosphärenreservat der Unesco ernannt werden, dann ist der engagierte Naturschützer Josy Cungs wohl nicht ganz unschuldig daran.

Schon als Kind begeistert

„Ich war von Kind an begeistert von der Natur“, sagt Josy Cungs.
„Ich war von Kind an begeistert von der Natur“, sagt Josy Cungs.
Foto: Raymond Schmit

Die Gene zum Naturschützer wurden ihm in die Wiege gelegt. „Ich war von Kind an begeistert von der Natur“, erzählt Josy Cungs. Das mag daran liegen, dass er im elterlichen Bauernbetrieb viel mit der natürlichen Umwelt in Kontakt kam.

Damals habe es noch viele bunte Blumenwiesen gegeben und Schmetterlinge in Hülle und Fülle, von denen manche heute nur noch Seltenheitswert haben. Und die vermisst der engagierte Naturschützer schmerzlich.

Früh für den Naturschutz engagiert

Aber vielleicht kann er durch seinen Einsatz einen Teil dazu beitragen, dass die Welt wieder halbwegs in Ordnung kommt. Schon früh engagierte sich Josy Cungs im Naturschutz. Mit acht oder neun Jahren trat er der damaligen Luxemburger Vogelschutzliga bei, aus der 1981 die Natur- und Vogelschutzliga und später natur & ëmwelt, die größte einheimische Naturschutzorganisation, wurde.

Jahrelang war er im Vorstand der Sektion Düdelingen und im Zentralvorstand. 1982 stand er an der Wiege der Stiftung „Hëllef fir d'Natur“, die im Casino in Düdelingen von engagierten Naturschützern gegründet wurde. Ihnen war damals die staatliche Naturschutzpolitik zu schwerfällig.

Sie beschlossen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und mit Hilfe von Spenden bedrohte und schützenswerte Gebiete zu kaufen, um sie vor Eingriffen zu schützen. Der Erfolg gibt den Gründern Recht. Die Stiftung ist längst als Einrichtung von öffentlichem Nutzen anerkannt und besitzt heute landesweit über 1 200 Hektar. Das erfüllt den Naturschützer Josy Cungs mit großer Genugtuung.

Unkonventionelle Methoden

Auch wenn er sich für den Artenschutz einsetzte und unter anderem aktiv an Hilfsmaßnahmen für Schleiereule und Steinkauz beteiligt war, so hatte Josy Cungs schon früh erkannt, dass bedrohte Tier- und Pflanzenarten ohne den Schutz ihres natürlichen Lebensraums nicht zu retten sind.

So wollte er bei der Wiederherstellung dieser Lebensräume selber Nägel mit Köpfen machen. Dabei ging es oft unkonventionell zu. Ab und zu bewegte er sich mit seinen Freunden von der Natur- und Vogelschutzliga an den Grenzen der Legalität, die manchmal auch überschritten wurden. Aber das ist längst verjährt. Im wahrsten Sinne des Wortes ist Gras drüber gewachsen.

Wiederaufforstung der früheren Düdelinger Mülldeponie

Ganz sicher unkonventionell war die Planierung und Wiederaufforstung der früheren Düdelinger Mülldeponie. Das geschah – natürlich – ohne Genehmigung. Wochenlang waren die Mitglieder der Sektion Düdelingen mit dem Pflanzen von Bäumen und Sträuchern beschäftigt. Unterhalb der Deponie entstand ein Feuchtgebiet. Dort siedelte sich zur Zufriedenheit von Josy Cungs unter anderem die Gelbbauchunke an.

Ob mit oder ohne Genehmigung, der Sektion Düdelingen der Natur- und Vogelschutzliga brachte die Aktion höchste Anerkennung ein. 1987 erhielt sie für das Naturschutzprojekt den Preis „Hëllef fir d'Natur“ von der gleichnamigen Stiftung.

„Naturschutz mit Axt und Säge“

Und schmunzelnd muss der Naturschützer noch an eine weitere Aktion zurückdenken. Die fand im ehemaligen Tagebaugebiet „Haardt“ statt, das damals noch nicht Naturreservat war. Um den Lebensraum für seltene Orchideen zu erhalten, wurde von der Natur- und Vogelschutzliga unter der Federführung von Josy Cungs eine Entbuschungsaktion durchgeführt – ohne Genehmigung, versteht sich.

Das fand sogar in einer Tageszeitung Beachtung. Der Artikel unter dem Titel „Naturschutz mit Axt und Säge“ trug nicht unbedingt dazu bei, Begeisterungsstürme bei der Forstverwaltung hervorzurufen. „Wir bewegten uns dicht an der Grenze des Legalen“, erinnert sich der engagierte Naturschützer.

Spezialist für Schmetterlinge

In den folgenden Jahren konzentrierte sich Josy Cungs hauptsächlich auf Insekten und Schmetterlinge in den ehemaligen Tagebaugebieten. „Sie haben mich schon immer fasziniert“, erklärt er. Der Autodidakt erfasste die Schmetterlinge mit Lebendlichtfallen.

Die Ergebnisse seiner Arbeit veröffentlichte er 1991 mit der Unterstützung des naturhistorischen Museums in Buchform. Die Veröffentlichung, an der er zehn Jahre gearbeitet hatte, war schnell vergriffen. Sie trug möglicherweise dazu bei, dass das ehemalige Tagebaugebiet „Haardt“ bei Düdelingen 1994 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Der Griff zur Tastatur

Überhaupt entwickelte sich der engagierte Naturschützer auch immer mehr zum Autor. 1997 veröffentlichte er „Einblick in die Tier- und Pflanzenwelt des Erzbeckens“. In den 1990er-Jahren erschien zudem eine Artikelserie über die Flora und Fauna in der Südregion in der Zeitschrift „Télécran“.

Eine weitere Veröffentlichung befasst sich mit der Gottesanbeterin, die Josy Cungs im Naturschutzgebiet „Haardt“ wiederentdeckte. Hinweise auf das Insekt hatte es aus den 1950er-Jahren aus Beles und Rümelingen gegeben, aber keine Bestätigung.

In Vorbereitung ist zurzeit das Buch „Pflege- und Gestaltungsmaßnahmen in den Erzabbaugebieten Luxemburgs“, das demnächst erscheinen wird. Inzwischen weiß auch die Universität Köln die Zusammenarbeit mit dem Düdelinger zu schätzen.

Hobby zum Beruf

2002 wurde die Natur- und Forstverwaltung auf den engagierten Naturschützer aufmerksam und bot ihm einen Posten als Biotopbetreuer für die Trockenrasengebiete im früheren Tagebau an. „Damit hatte ich nie gerechnet, aber es war immer ein Traum, Naturschutz zum Beruf zu machen“, erinnert sich Josy Cungs. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte er zu.

Bis heute hat Josy Cungs in den Trockenrasengebieten 950 Schmetterlingsarten, 900 Pflanzen und 450 Bienen- und Wespenarten nachgewiesen. Auf sein Konto gehen auch einige Erstnachweise für Luxemburg. Neben der Gottesanbeterin im Jahr 2004 stellte er 2000 den Brombeerperlmutterfalter fest, der sich dank Biotoppflegemaßnahmen verbreiten konnte. 2012 konnte im Naturschutzgebiet „Haardt“ definitiv der Karstweißling für Luxemburg nachgewiesen werden.

Die Cungs-Orchidee

Das Cungs-Knabenkraut wurde nach Josy Cungs benannt.
Das Cungs-Knabenkraut wurde nach Josy Cungs benannt.
Foto: Josy Cungs

Seine größte Entdeckung machte Josy Cungs möglicherweise im zukünftigen Naturschutzgebiet „Kiemerchen“ bei Differdingen. Dort beschrieb er 2015 erstmals für Luxemburg eine neue Orchideenart, eine Unterart des fleischfarbenen Knabenkrauts. Sie trägt heute den Namen Cungs-Knabenkraut (lat. Dactylorhizu incurnata subsp cungsi).

Weiterhin engagiert

Auch wenn Josy Cungs nicht mehr offiziell im Amt ist, so will er sich weiterhin für den Naturschutz einsetzen. Und da gibt es noch viel zu tun. Am meisten ärgern ihn die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen durch ungehemmte Bebauung, die Lichtverschmutzung und die massiven Baumfällungen in den vergangenen Jahren.

Von sogenannten Kompensierungsmaßnahmen hält er überhaupt nichts. Das sei eine Symptombekämpfung und habe ausschließlich eine Alibifunktion. Genauso wenig ist er von der Umsiedlung von geschützten Arten zu überzeugen: „Das ist nicht mehr ihr Lebensraum.“ Und auch zu Pestiziden spricht der überzeugte Naturschützer eine klare Sprache: „Die müssten strikt verboten werden, auch im privaten Bereich.“

Der Entwicklung in den vergangenen Jahren kann Josy Cungs aber auch etwas Positives abgewinnen, denn es wurden noch nie so viele Schutzgebiete ausgewiesen wie in jüngster Vergangenheit. Und einen Wunsch hat er auch noch: „Es müssten wieder mehr gute Faunisten ausgebildet werden, denn ohne Artenkenntnisse sind keine Schutzmaßnahmen möglich.“