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Der Klimawandel ist schon da

Der Klimawandel ist schon da

Der Klimawandel ist schon da


von Jacques GANSER/ 09.11.2019

Hochwasser und Sturzfluten sollen laut den Vorhersagen der Klimaforscher zunehmen. Ben Majerus

Die Daten der Klimaforscher sind klar – jetzt gilt es, Anpassungsstrategien auszuarbeiten

Der Klimawandel macht auch vor Luxemburg nicht Halt. Auch ohne schmelzende Gletscher oder steigende Meeresspiegel zeigt sich dieser Wandel teils sehr diskret, teils aber auch bereits in stärkeren Ausmaßen. Die Wissenschaftler erkennen mittlerweile das gemeinsame Muster der Veränderungen.

Die Zahlen, die die Klimaforscher vorlegen, sind unumstößlich: So betrug die mittlere Temperatur im Zeitraum 1981 bis 2010 bereits 9,3 Grad Celsius, was um ein Grad wärmer ist als noch im Zeitraum 1961 bis 1990. In den letzten fünf Jahren lag sie sogar 1,6 Grad über diesem Schnitt. 16 der insgesamt 17 wärmsten Jahre seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen fallen in das 21. Jahrhundert. Der Klimawandel begann also mit dem Beginn der Industrialisierung, die Erwärmung der Erdatmosphäre läuft parallel zum vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Ausstoss.

Zugleich ging die Niederschlagsmenge in diesem Zeitraum um 5,6 Prozent zurück. Klimaprojektionen zeigen laut dem Luxembourg institute of science and technology (LIST) einen weiteren Anstieg der Lufttemperaturen, verbunden mit milderen Wintern und trockeneren Sommern. Parallel steigt die Hochwassergefährdung. Zudem lag die Zahl der heißen Tage mit mehr als 30 Grad Celsius seit 2013 regelmäßig über dem langjährigen Schnitt, 2015 waren es sogar 18 solcher Tage.

Die offizielle Lufttemperatur-Messreihe an der Wetterstation Findel mit den positiven und negativen Anomalien. Seit 1998 gab es permanent "zu warme" Jahre.
Die offizielle Lufttemperatur-Messreihe an der Wetterstation Findel mit den positiven und negativen Anomalien. Seit 1998 gab es permanent "zu warme" Jahre.
List/Meteolux


Bereits 2018 präsentierte das Umweltministerium eine Reihe von Empfehlungen in insgesamt 13 verschiedenen Bereichen, vom Bauwesen über die Biodiversität und die Landwirtschaft bis zum Tourismus und dem Wasserhaushalt. Die 41 Klimafolgen sollen durch spezifische Maßnahmen abgefedert werden.

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Herausforderung für Landwirtschaft
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Chris Karaba

Am ehesten und auch am stärksten wird die Landwirtschaft aufgrund ihrer existenziellen Abhängigkeit vom Wettergeschehen des Klimawandels betroffen sein. Mit steigenden Temperaturen und veränderten Niederschlagsmengen müssen Aussaat- und Erntezeiten angepasst werden. "Die Niederschlagsmengen übers ganze Jahr hinweg betrachtet blieben auch über einen längeren Zeitraum eher stabil", so Andrew Ferrone, Meteorologe bei den technischen Landwirtschaftsdiensten (ASTA). "Was sich aber verändert hat, ist der hohe Verdunstungsgrad und die damit einhergehende Austrocknung der Böden."

Auch die Verlängerung der Vegetationsperiode, die laut Experten von aktuell 244 Tagen auf 276 Tage ansteigen könnte, wird früher oder später eine Sortenumstellung nach sich ziehen. So leidet insbesondere der Mais unter den trocknen Frühlings- und Sommermonaten. Bereits jetzt wird in Capellen erfolgreich mit Soja experimentiert, obwohl diese Nutzpflanze eigentlich heißere Klimazonen bevorzugt. Biolandwirt Christian Wilhelm hat dort die Hälfte der für Ackerbohnen vorgesehenen Fläche in Sojafelder umgewandelt. Die sogenannte „Merlin“-Sorte hat sich gut an das lokale Klima angepasst, auf zwei Hektar Ackerfläche konnten insgesamt fünf Tonnen Bohnen geerntet werden. Feldversuche mit anderen Pflanzensorten sind geplant.

Ohne künstliche Bewässerung

Allerdings steigt auch das Risiko, dass sich bisher unbekannte Schadorganismen oder Parasiten in Luxemburg niederlassen und zu Ausfällen führen können. Andere Klimafolgen sind eine verstärkte Erosion beziehungsweise Verdichtung der Böden. Die meisten Agrarsektoren werden laut den Experten des LIST künftig vor großen Problemen stehen, insbesondere weil wegen der zunehmenden Wasserknappheit im Sommer, mit Ausnahme des Gemüsebaus, nicht auf künstliche Bewässerung zurückgegriffen werden kann. Auf der anderen Seite sorgen Starkregenereignisse, wie sie in den letzten Jahren mehrfach beobachtet wurden, zu Ernteausfällen und zum Abschwemmen von Ackerböden.

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Weinbau als möglicher Gewinner
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Lex Kleren

Allenfalls dem Weinbau könnten die steigenden Temperaturen entgegen kommen. Im Zuge des 11. Lëtzebuerger Wäibaudag am 6. Februar dieses Jahres referierten die LIST-Wissenschaftler Jürgen Junk und Daniel Molitor vor interessierten Winzern über den Klimawandel. Hochwertigere Rebsorten, an die vor 30 Jahren noch niemand dachte, könnten in den besten Mosellagen gepflanzt werden. Allgemein könnten die höheren Temperaturen einen positiven Einfluss auf die Reife und die Qualität haben. Weißweinsorten an der Our sind dann sogar möglich. Zurzeit laufen Versuche mit der Sorte Cabernet Blanc in Vianden, Rivaner und Pinot Blanc könnten demnach dort durchaus schon reifen.

Dass der Wandel bereits eingesetzt hat, zeigt der Umstand, dass im 21. Jahrhundert noch kein schlechtes Weinjahr wegen zu wenig Wärme zu verzeichnen war. So kam es im 20. Jahrhundert noch vor, dass selbst Rivaner nicht ausreifte. Mittlerweile reifen Sorten wie Pinot und Riesling in fast allen Jahren aus. Die gemessenen Wärmewerte würden sogar ausreichen, um die typisch südfranzösischen Sorten Grenache oder Syrah anzubauen. "Die höheren Temperaturen bringen aber nicht nur Vorteile", so Andrew Ferrone. "Besonders Jungreben sind anfällig für trockene Phasen, zugleich nimmt die Gefahr des Sonnenbrandes zu. Dies war zum Beispiel in diesem Sommer der Fall." Ferrone warnt zudem vor neuen Schädlingen, die sich mit den höheren Temperaturen ansiedeln könnten.

Ankunft neuer Schädlinge

Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts haben die Winzer in Europa mit dem aus Kalifornien eingeschleppten Eipilz Falscher Mehltau (Plasmopara viticola) zu kämpfen.

Hinzu kommt die Gefahr durch einen möglichen Befall durch die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). Das in Südostasien beheimatete Insekt wurde 2014 zum ersten Mal in Luxemburg nachgewiesen. Trockenheit und Hitze wie im Jahr 2015 drücken die Überlebensrate des Schädlings und bremsen die Vermehrung des Insekts, das auch gesunde Früchte ansticht und seine Eier ablegt. Feuchte und gemäßigte Temperaturen wie in diesem Jahr bewirken das Gegenteil.

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Trockenheit und Sturzbäche
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Gerry Huberty

Zwar wurde im gesamten Beobachtungszeitraum von 1961 bis 2010 keine nennenswerte Abweichung bei den Jahresniederschlagssummen festgestellt, es gab aber durchaus Veränderungen bei der saisonalen Aufteilung. Künftig wird laut Projektionen mit einer Abnahme der Niederschläge in den Sommermonaten und einer Zunahme in den Wintermonaten zu rechnen sein.

Die höheren Lufttemperaturen werden die Wahrscheinlichkeit von Schneefällen im Winter verringern. Dadurch geht die Pufferwirkung als Wasserspeicher verloren, was wiederum die Hochwassergefahr steigen lässt. Besonders im vergangenen Sommer führte anhaltende Trockenheit zu einer sehr starken Belastung der Fließgewässer. Zwar lässt sich diese Trockenphase nicht notwendigerweise auf den Klimawandel zurückführen, sie ist aber in Übereinstimmung mit den Prognosen der Klimaforscher.

So zeigten praktisch sämtliche luxemburgischen Fließgewässer Rekordniedrigstände. Flora und Fauna in den Bächen und Flüssen wurden geschädigt, schon kleinste Verschmutzungen führten zum kompletten Zusammenbruch des Ökosystems. Die Trockenheit brachte auch die Trinkwasserversorgung an ihre Grenzen, in mehreren Gemeinden mussten Aufrufe zum sparsamen Umgang veröffentlicht werden.

Risikokarten und Rückhaltebecken

Niedrige Pegel können in Extremjahren zudem die Schifffahrt auf der Mosel beeinträchtigen. Demgegenüber stehen Extremereignisse wie Starkregen oder Sturzfluten. Präzises Kartenwerk mit Risikoabschätzungen sowie lokale bauliche Maßnahmen wie Rückhaltebecken können hier entgegenwirken. Insgesamt sollen künftig jegliche Eingriffe in Fließgewässer wie Schifffahrt, Wasserkraft, Hochwasserschutz oder Wärmeeinleitungen auch unter dem Aspekt des Klimawandels neu bewertet werden.

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Biodiversität: Gewinner und Verlierer
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shutterstock

In besonderem Maße bedroht sind die Biodiversität und die Überlebensfähigkeit der natürlichen Ökosysteme. Auch wenn klimabedingte Ereignisse erst nach einer Beobachtungszeit von 30 Jahren als relevant betrachtet werden, so zeigt die Entwicklung der Wälder in Luxemburg doch eindeutig die Konsequenzen auf, vor denen die Klimaforscher warnen. Erstes Opfer dieses Wandels dürfte die Fichte sein. Das massive Absterben in diesem Sommer infolge von Trockenheit und spätem Borkenkäferbefall verdeutlicht, dass dieser Baum in mitteleuropäischen Regionen unterhalb von 800 Metern wohl keine Überlebenschance haben wird.

Ohnehin wurde die Fichte aus Nordeuropa beziehungsweise den Bergregionen nach Luxemburg importiert, um in relativ kurzer Zeit hohe Holzerträge zu erzielen. Künftig soll deshalb verstärkt auf Mischwälder gesetzt werden. Dieser kann sowohl den wegen der längeren Vegetationsperiode häufiger auftretenden Schädlingen als auch der Hitze und der Trockenheit der Sommermonate besser widerstehen. Aber auch Waldbrände, wie ebenfalls in diesem Jahr erlebt, werden bei trockeneren und heißeren Sommern zunehmend zur Bedrohung werden. Zu den weiteren negativen Faktoren gehören Naturereignisse wie Stürme oder Hochwasser.

Comeback der Gottesanbeterin

Dass sich die Klimazonen verschieben, zeigt aber auch die lokale Fauna: Einzelne Insekten wie die Gottesanbeterin werden wieder heimisch, aber auch Vogelarten, Libellen und Spinnen, die sonst in südlicheren Gefilden heimisch sind, werden des Öfteren in Luxemburg nachgewiesen. Verschiedene Zugvogelarten verschieben ihre Migration ins Winterquartier oder verzichten ganz darauf und bleiben hier. Andere kehren bereits jetzt zwei bis drei Wochen früher zurück als in den Vorjahren. Dadurch werden sie wiederum zu Fresskonkurrenten für andere Vogelarten. Wärme-liebende Brutvögel verdrängen seit Jahren bereits in Deutschland Kälte liebende Arten Richtung Norden.

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Anders wohnen und leben
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Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die verschiedenen Aspekte des Klimawandels haben ebenfalls direkte und indirekte Folgen für die Lebensweise der Bevölkerung. Insbesondere zunehmende Extremtemperaturen im Sommer werden das Sozial- und das Gesundheitssystem auf die Probe stellen. Die messbare Zunahme der Sterblichkeit während der vergangenen Hitzewellen sowie ein Ansteigen der Noteinsätze wird nicht ohne Folgen bleiben. Vorwarnsysteme müssen ausgebaut werden und die Rettungsdienste dementsprechend umorganisiert werden. Das gilt auch für Extremwetterereignisse wie Tornados und Sturzfluten sowie Waldbrände. Aber auch die Arbeitsbedingungen bei hohen Temperaturen, insbesondere im Freien, müssen dann umgestaltet werden.

Zugleich werden die Auswirkungen des Klimawandels aber auch unsere Art zu wohnen verändern. Baunormen, die bisher Bestand hatten, müssen dann angepasst werden, klimaresistentes Bauen wird zum Standard. Schließlich werden die Energiesysteme vor neue Anforderungen gestellt, da mit einer Zunahme von Klimageräten zu rechnen ist.


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