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Der alternative Medizinmann
Fast ein Grüner: Hätten Déi Gréng Mitte der 90er-Jahre nicht so hohe Beiträge erhoben, dann wäre Jean Colombera eventuell bei ihnen Mitglied geworden.

Der alternative Medizinmann

Guy Jallay
Fast ein Grüner: Hätten Déi Gréng Mitte der 90er-Jahre nicht so hohe Beiträge erhoben, dann wäre Jean Colombera eventuell bei ihnen Mitglied geworden.
Lokales 5 Min. 15.03.2012

Der alternative Medizinmann

Nach fünfjähriger Zwangspause kehrt der ADR-Politiker Jean Colombera in die Abgeordnetenkammer zurück, der er bereits zwischen 1999 und 2004 angehörte. In die Politik geriet der 55-jährige Mediziner über Umwege.

Nach fünfjähriger Zwangspause kehrt der ADR-Politiker Jean Colombera in die Abgeordnetenkammer zurück, der er bereits zwischen 1999 und 2004 angehörte. In die Politik geriet der 55-jährige Mediziner über Umwege.

Als Jean Colombera sich für die Politik zu interessieren begann, stand er bereits mit beiden Beinen im Berufsleben. Über die Medien hielt er sich über das Tagesgeschehen auf dem Laufenden, und dabei kamen ihm hin und wieder Geschehnisse unter die Augen, mit denen er sich ganz und gar nicht einverstanden erklären konnte. Den „Pefferkär“, die Hauszeitung des damaligen ADR, las der studierte Mediziner zu jener Zeit, und mit den in diesem Blatt formulierten Standpunkten konnte er sich durchaus anfreunden.

Dass er seine politische Heimat in der späteren Reformpartei finden würde, war aber zunächst alles andere als ausgemacht. Lange Zeit habe er mit den Grünen sympathisiert, diese 1994 auch gewählt – allerdings nur bei den Europawahlen, was daran lag, dass Colombera damals noch die italienische Staatsbürgerschaft besaß. Er wurde zwar in Esch/Alzette geboren, doch seinen luxemburgischen Pass erhielt er erst gegen Ende der 90er-Jahre, gerade rechtzeitig zu den Landeswahlen 1999. Kurz ehe das ADR seine Listen schloss, habe er Jean-Pierre Koepp gefragt, ob dessen Partei im Norden nicht noch einen Kandidatenplatz frei habe. Das hatte sie, und so kam es, dass Jean Colombera am 13. Juli 1999 als frisch gebackener Abgeordneter ins Parlament einzog.

Dass er am Ende bei der Reformpartei und nicht bei den Grünen landete, hat mit Colomberas sozialer Herkunft zu tun. Die umwelt- und klimapolitischen Vorstellungen von Déi Gréng „kann ich mit beiden Händen unterschreiben“, und mit Jean Huss führt der Arzt mit den Spezialgebieten Homöopathie und Chiropraktik von Zeit zu Zeit angeregte Debatten über alternative Behandlungsmethoden („manchmal habe ich den Eindruck, er weiß besser Bescheid als ich“). Allein die grüne Klientel aus besser gestellten Akademikern habe ihn als Sohn eines Schmelzarbeiters Mitte der 90er-Jahre eher abgeschreckt. Und noch immer ist er der Meinung, dass grüne Vorschläge wie eine starke Erhöhung der Treibstoffpreise die sozial Schwachen zu sehr belasten.

"Alles nicht so einfach"

Für eben diese Bevölkerungsschichten setzt sich Colombera zufolge die ADR ein, die er zwischen 1999 und 2004 in der Abgeordnetenkammer vertrat. An diese Zeit denkt der heute 55-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück. „Am Anfang will man im Parlament Berge versetzen. Schnell wird man sich jedoch bewusst, dass das alles nicht so einfach ist.“ Als Oppositionspolitiker spiele man nämlich eine äußerst undankbare Rolle. Man reiche unentwegt parlamentarische Fragen oder reiche Gesetzesvorlagen ein, um dann festzustellen, dass diese in so mancher Schublade verschwinden würden. Colombera ist jedoch im Laufe der Zeit aufgefallen, dass diese Vorlagen manchmal wieder zum Vorschein kommen, und zwar in Form von Vorschlägen aus den Reihen der Mehrheitsparteien. „Das erfüllte mich dann doch mit einer gewissen Genugtuung“, sagt der ADR-Politiker.

Den Eifer, den der parlamentarische Neuling Colombera noch in der vorvergangenen Legislaturperiode angetrieben hatte, hat sich mittlerweile etwas gelegt. Die parlamentarische Erfahrung habe ihn „diplomatischer“ werden lassen. „Man muss einen Schritt nach dem anderen tun“. Von der Richtigkeit seiner Überzeugungen lässt sich der ADR-Mann dennoch nicht abbringen. So wird er sich auch die kommenden fünf Jahre für die Anerkennung von alternativen Behandlungsmethoden wie der Akupunktur, der Chiropraktik, der Osteopathie und der Phytotherapie einsetzen. Dass in diesen Heilmethoden enormes Einsparpotenzial für die Sozialversicherungen steckt, steht für den Mediziner außer Frage. Von der Linderung, die diese Behandlungsmethoden den Patienten bringen können, ist Colombera natürlich auch überzeugt. Denn von der Suche nach mehr oder weniger orthodoxen alternativen Heilmethoden lässt er sich nicht abbringen, auch wenn solche Expeditionen nicht ganz ungefährlich seien. Denn dass man in die Fänge von Betrügern gerate, könne man von vorneherein nie ausschließen. „Mittlerweile lasse ich mich aber nicht mehr so schnell in die Irre führen“, sagt Colombera.

Schluss nach zwei Legislaturperioden?

Seinen Beruf als Arzt will Colombera auch die kommenden fünf Jahre über ausüben, wobei er sich der Doppelbelastung bewusst ist. Doch seine Patienten im Stich lassen, kommt für ihn nicht in Frage. Schon eher kann er sich vorstellen, seiner politischen Laufbahn am Ende der Legislaturperiode den Rücken zu kehren. Dann hätte er sein Mandat insgesamt zehn Jahre lang ausgeübt, und dass ein politischer Entscheidungsträger nach zehn Jahren in Amt und Würden seinen Platz für den Nachwuchs frei machen soll, gehört auch zu den Überzeugungen von Jean Colombera. „In zehn Jahren hat man doch all seine Ideen auf den Tisch gelegt. Danach wiederholt man sich doch ohnehin nur noch.“

Bei den kommenden Wahlen müsste die Reformpartei sich demnach wieder einmal nach einem neuen Spitzenmann im Norden umsehen, nachdem sie diesmal auf ihr Zugpferd Jean-Pierre Koepp verzichten musste. Dass es ohne den langjährigen Abgeordneten für die Partei in dem Bezirk schwierig werden würde, dessen war sich Colombera im Vorfeld bewusst. Er selbst verbuchte am 7. Juni rund 1 800 Stimmen weniger als noch vor fünf Jahren. Dass die ADR landesweit so schlecht abschnitt, erklärt sich der Bezirksvorsitzende mit einer nicht gerade exzellenten Wahlkampftaktik der Parteizentrale. „Die Allianz mit der AHL hat einige Wählerinnen abgeschreckt.“ Erklärungsversuche über das Eigenverständnis des Männervereins hätten nicht gefruchtet.

"Personaldecke nicht so dicht"

Und dass die ADR auch noch drei Monate vor den Wahlen ihre Haltung zu den Staatsbeamten um 180 Grad revidierte, sei nicht gerade von Vorteil gewesen. Nicht dass Colombera mit den beiden Maßnahmen nicht einverstanden gewesen wäre. Zum einen sei aber der Zeitpunkt schlecht gewählt gewesen. Und um den Wähler nicht zu verprellen, hätte sich die Parteispitze zum anderen eine bessere Kommunikationsstrategie ausdenken müssen.

Dass es im Nachhinein nicht zu personellen Konsequenzen an der Parteispitze kam, damit kann Jean Colombera leben. „Unsere Personaldecke ist nicht so dicht, als dass wir auf viele Kräfte verzichten könnten.“