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Déjà-vu im Gerichtssaal

Déjà-vu im Gerichtssaal

Foto: Steve Remesch
Lokales 2 Min. 24.04.2018

Déjà-vu im Gerichtssaal

Steve REMESCH
Steve REMESCH
War es ein Sturz oder hat Andzej R. tatsächlich im März 2014 an der Bushaltestelle vor der Wanteraktioun-Notunterkunft einen 41-jährigen Obdachlosen zu Tode getreten? Der Fall wird nun ein zweites Mal vor Gericht verhandelt.

Es ist ein Prozess mit Déjà-vu-Effekt und trotzdem ist vieles anders. Vor der hauptstädtischen Kriminalkammer müssen sich seit vergangener Woche zwei Männer für den Tod eines Obdachlosen verantworten. Das Opfer war am 28. März 2014, an seinem 41. Geburtstag bewusstlos an einer Bushaltestelle in der Nähe der Wanteraktioun, einer Winterunterkunft für Obdachlose in Findel, entdeckt worden. Anderthalb Wochen später starb der Mann in einem Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen.

Ein erster Prozess

Im Mai 2017 wurde der Fall erstmals vor der Kriminalkammer verhandelt. Angeklagt waren der 35-jährige Litauer Baltaduonis E. und der 40-jährige Pole Andrzej R. Beide, ebenfalls Obdachlose, waren gemeinsam mit dem Opfer am Tatabend an der Bushaltestelle gesehen worden. Doch nur Baltaduonis E. war zur Gerichtsverhandlung angetreten. Nach dem mitangeklagten Andrzej R. wurde weiter gefahndet.


Das Opfer und die beiden Beschuldigten waren zur Obdachlosenunterkunft der „Wanteraktioun“ in Findel unterwegs.
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Im Prozess belastete Baltaduonis E. seinen Komplizen dann schwer. Bereits im Bus zum Findel habe es Streit zwischen diesem und dem Opfer gegeben: Das Opfer habe den Polen zurechtgewiesen, weil dieser im Bus eine Zigarette angezündet habe. An der Bushaltestelle sei der Streit dann weitergegangen. Andrzej R. habe das Opfer mit der flachen Hand geschlagen. Dadurch sei dieses gestürzt und der Angreifer habe den Mann dann kraftvoll mit Füßen gegen den Kopf getreten.

Festnahme in Toulouse

Als der Prozess soweit abgeschlossen war und das Urteil erwartet wurde, kam es dann zu einer überraschenden Wendung. Andrzei R. wurde in Toulouse bei einer Routinekontrolle verhaftet. Um den Sachverhalt am Findel zu klären, setzte das Gericht den Prozess aus. Beide Angeklagte sollten sich zusammen vor Gericht verantworten.


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Doch dazu kam es nicht. Denn der erste Angeklagte, Baltaduonis E. war im November 2017 aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Zum Prozessauftakt am vergangenen Donnerstag entschied er sich dann doch nicht zu erscheinen. Und auch am Dienstag blieb er der Verhandlung fern. Somit wird der Prozess zwar noch immer gegen beide Angeklagte geführt, aber die Beschuldigten und ihre widersprüchlichen Aussagen können auch weiterhin nicht direkt miteinander konfrontiert werden.

Andrzej R. bestreitet, dass es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Opfer gekommen sei. Er habe sich mit niemandem gestritten und sei am Tatabend mit allen anderen Gästen der Wanteraktioun vom Bus zum Empfang gelaufen, um dort Unterkunft zu bekommen.

„Es ist kompliziert“

Im Prozess werden daher nun alle Zeugen genau wie im ersten Verfahren noch einmal gehört, so etwa der Gerichtsmediziner, der klarstellte, dass die Feststellung der Todesursache in diesem Fall eine komplizierte Angelegenheit sei. Es ließe sich nämlich nicht zweifelsfrei feststellen, ob die tödlichen Verletzungen tatsächlich durch Fußtritte ins Gesicht oder durch einen Sturz entstanden seien. An der Leiche wurden keine eindeutigen Trittspuren gesichert.

Zudem lieferte auch die Untersuchung einer DNS-Expertin keine klaren Schlussfolgerungen zum Tatablauf.


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Zu Wort kamen aber auch Augenzeugen, die zwei Gestalten an der Bushaltestelle gesehen hatten, von denen eine einer Person am Boden Fußtritte verpasste. Sie konnten jedoch nicht sagen, ob der Angreifer der größere oder der kleinere der beiden Männer war.

Am Mittwoch wird der Prozess mit dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft abgeschlossen.


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