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"Das Schwierigste ist für mich das Alphabet"
Lokales 3 Min. 04.05.2017 Aus unserem online-Archiv
Luxemburgisch-französisch-farsi

"Das Schwierigste ist für mich das Alphabet"

Der 36-jährigen Farsila (L) wurde das Lesen und Schreiben in Afghanistan nicht beigebracht. Darum kümmert sich Aydin (R) nun seit mehreren Monaten.
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"Das Schwierigste ist für mich das Alphabet"

Der 36-jährigen Farsila (L) wurde das Lesen und Schreiben in Afghanistan nicht beigebracht. Darum kümmert sich Aydin (R) nun seit mehreren Monaten.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 3 Min. 04.05.2017 Aus unserem online-Archiv
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"Das Schwierigste ist für mich das Alphabet"

Laurence BERVARD
Laurence BERVARD
Farsila ist eine der 63 Flüchtlinge, denen in Luxemburg gegenwärtig das lateinische Alphabet beigebracht wird. Einfach ist das für sie nicht. Deshalb gilt es für sie, viel Geduld aufzubringen.

(lb) - Farsilas Schrift ähnelt der eines Grundschulkindes, dem gerade das Schreiben beigebracht wird. Mit zitternder Hand schreibt die 36-Jährige ihren Namen auf ein Blatt Papier. Für die Afghanin ist das lateinische Alphabet das erste, das sie lernt. Lesen und schreiben konnte sie vor ihrer Ankunft in Luxemburg vor mehreren Monaten nicht. Farsila ist eine der rund 230 Flüchtlinge, die gegenwärtig in Sprachkursen der „Association de Soutien aux Travailleurs Immigrés“ (ASTI) eingeschrieben sind.

Beim Erlernen einer neuen Sprache führt für sie kein Weg an der Alphabetisierung vorbei. Und Schreiben macht natürlich nur Spaß, wenn man versteht, was man schreibt. Deshalb weiß es Farsila sehr zu schätzen, dass bisher meistens ein Übersetzer in den Kursen dabei sein konnte. „Ich weiß nicht, wie ich es ohne Übersetzer schaffen würde“, sagt sie und deutet dabei auf Aydin, einen 37-jährigen Iraner, der gerade ein Praktikum bei der ASTI macht und die Perser in ihren Sprachkursen als Lehrer, Übersetzer und Vermittler begleitet.

 „Ich weiß nicht, wie ich es ohne Übersetzer schaffen würde", meint die 36-jährige Farsila.
„Ich weiß nicht, wie ich es ohne Übersetzer schaffen würde", meint die 36-jährige Farsila.
Foto:Gerry Huberty

Aydin hat den Vorteil, dass er im Iran zur Schule ging und dort bereits seit dem Alter von sieben Jahren Englisch und somit auch das Lateinische Alphabet lernte.

Für Aydin war es ganz natürlich, gleich bei seiner Ankunft in Luxemburg im September 2015 als Übersetzer zu fungieren und jedem, der weniger Glück hatte als er, bei seiner Integration zu helfen. Zwei Stunden, viermal die Woche, begleitet Aydin den Alphabetisierungskurs der ASTI und unterrichtet im „Lycée technique pour professions éducatives et sociales“ (LTPES) in Mersch gemeinsam mit drei luxemburgischen Lehrerinnen, die dieser Tätigkeit freiwillig nachgehen. „Es ist natürlich viel einfacher, eine Sprache zu lernen, wenn man das Alphabet bereits beherrscht“, meint Aydin.

Dass das Sprachenlernen zum Teil sehr lange dauert, ist demnach überhaupt nicht verwunderlich. „Das Alphabet ist und bleibt für mich das Schwierigste“, erklärt Farsila. Hinzu kommt: „Im Französischen gibt es ganz andere Laute, als in meiner Sprache. Ich habe diese Laute noch nie vorher gehört“, so Farsila.

Auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten

In den Sprachenkursen der ASTI, spielt auch das Lernmaterial eine entscheidende Rolle. Fortan wird die Vereinigung in ihren Kursen auf das Wörterbuch zählen können, das sie diese Woche gemeinsam mit dem Bildungsministerium und der Finanzierung der „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ im Rahmen des Projekts „Mateneen“ veröffentlichten.

Das französisch-luxemburgisch-farsi Wörterbuch wurde diese Woche vom Schulministerium gemeinsam mit Lehrern und freiwilligen Helfern der ASTI herausgegeben. Kosten wurden von der  „Oeuvre nationale de secours Grande-Duchesse Charlotte“ getragen.
Das französisch-luxemburgisch-farsi Wörterbuch wurde diese Woche vom Schulministerium gemeinsam mit Lehrern und freiwilligen Helfern der ASTI herausgegeben. Kosten wurden von der „Oeuvre nationale de secours Grande-Duchesse Charlotte“ getragen.
Foto: Gerry Huberty

Das Wörterbuch wurde von freiwilligen Lehrern und Flüchtlingen zusammengestellt und bietet Übersetzungen auf Luxemburgisch, Französisch, Farsi und gar Dari. Dabei handelt es sich um die persische Variante, die in Afghanistan gesprochen wird. Generell wird den Flüchtlingen weiterhin empfohlen zuerst Französisch zu lernen, auch wenn viele am liebsten gleich auf das Luxemburgische umsteigen würden. Das Französische sei unumgänglich, um auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, betont die ASTI immer wieder.

Nach dem Riesenerfolg des ersten gemeinsam veröffentlichten Wörterbuches in luxemburgisch-französisch-arabisch, dessen 2 500 Exemplare innerhalb von zwei Tagen vergriffen waren, bestand für das Bildungsministerium kein Zweifel daran, dass man nicht nur die arabischen Flüchtlinge, sondern auch die persischen fördern müsse.

Zusätzliche Lernhürden

„Man muss den Menschen die Möglichkeit geben, unsere Sprachen zu lernen, damit sie überhaupt eine Chance auf Integration in unserer Gesellschaft haben“, so die Einstellung von Bildungsminister Claude Meisch (DP). Ihm ist zudem bewusst, dass der Prozess des Sprachenlernens bei Flüchtlingen anders als bei regulären Ausländern mit zusätzlichen Schwierigkeiten verbunden ist, die zum Teil auf die traumatischen Erlebnisse in ihrem Heimatland zurückzuführen sind.

„Sie wurden geschwächt und entwurzelt und müssen sich in Luxemburg mit ihrer neuen Lebenssituation und der Ungewissheit ihrer Zukunft und ihrer Perspektiven auseinandersetzen“, so der Minister. „All das fließt in die Sprachkurse mit ein.“

Das Erlernen einer Landessprache fordert für Flüchtlinge viel Geduld.
Das Erlernen einer Landessprache fordert für Flüchtlinge viel Geduld.
Foto:Gerry Huberty

In diesem Zusammenhang sei die Unterstützung eines erfahrenen Partners wie der ASTI sehr wertvoll. Siggy Koenig, ehemaliger Französischlehrer und Coautor des Wörterbuchs unterstreicht zudem, dass es „das erste Buch ist, das einige Flüchtlinge in der Hand halten.“

Die ASTI wagt es unterdessen bereits von der dritten Ausgabe ihres Wörterbuchs zu träumen: „Wir möchten gerne ein ähnliches Wörterbuch für Tigrinya veröffentlichen, weil auch viele Flüchtlinge aus Eritrea zu uns kommen“, so ASTI-Präsidentin Laura Zuccoli.

Zurzeit nehmen rund 230 Flüchtlinge an den Kursen der ASTI teil.
Zurzeit nehmen rund 230 Flüchtlinge an den Kursen der ASTI teil.
Foto:Gerry Huberty



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