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Das Chamäleon
Lokales 4 Min. 06.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Das Chamäleon

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Das Chamäleon

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.
Foto: Pierre Matgé
Lokales 4 Min. 06.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Das Chamäleon

„Du bist so schön, wenn du weinst“, soll Odai A. seiner damaligen Lebensgefährtin nach der letzten von mehreren Vergewaltigungen gesagt haben. Nun riskiert der 36-Jährige eine sehr lange Haftstrafe.

(str) - Es ist ein ungewöhnlicher und wohl auch schwieriger Fall, mit dem sich die Richter der 13. Straf- und Kriminalkammer seit Dienstag befassen. Ein Nebenaspekt des Falles zeigt nämlich, dass gar keine Gewissheit besteht, wer der Mann, der wegen der Vergewaltigung seiner Lebensgefährtin auf der Anklagebank sitzt, tatsächlich ist. In Luxemburg hat der heute 37-jährige Iraker Odai A. mit einem gefälschten Führerschein einen Asylantrag gestellt und seit 2013 gelebt. Dabei gab er an, sein Vater sei unter Saddam Hussein ein ranghohes Mitglied der herrschenden Baath-Partei gewesen. Sein Leben und das seiner Familie seien seitdem in Gefahr.

Unter einem anderen Namen, jenem des um ein Jahr jüngeren Irakers Marwan A., hielt er sich offensichtlich aber seit 1998 in Finnland auf, wo er bereits wegen Vergewaltigung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Zudem ist in Finnland noch ein weiteres Strafverfahren anhängig, wegen versuchten Mordes – womöglich der Grund für seinen Aufenthalt in Luxemburg, wie die vorsitzende Richterin mutmaßte.

Der Angeklagte hatte offensichtlich in der Verhandlung auch selbst Schwierigkeiten, die beiden Lebensgeschichten auseinanderzuhalten, was sowohl die Richterin als auch die Anklägerin als klaren Hinweis dafür deuteten, dass auch die zweite Identität, unter der er sich dem Prozess stellt, zumindest fraglich ist.

„Für mich war er der perfekte Mann“

Besonders grotesk wurde dieses Spiel, als der Angeklagte wegen einer prozeduralen Frage während der Verhandlung im Prozessregister unterschreiben sollte, und sich bei der Richterin vergewisserte, unter welchem Namen er dies nun besser tue.

Seine Lebensgefährtin, die er 2016 in einem hauptstädtischen Sozialamt kennengelernt hatte, wusste, wie sie am Dienstag im Zeugenstand erläuterte, nichts von der finnischen Vorgeschichte.

Für sie sei Odai A. damals „der perfekte Mann“ gewesen, ein „korrekter Familienmensch“, der ihr „in einem sehr schwierigen Moment“ zur Seite gestanden habe. Dass es anders kam und sie nun als Opfer von wiederholter Vergewaltigung und Freiheitsberaubung gegen den „perfekten Mann“ aussagen würde, war für sie an diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Die Worte, die Odai A. gegenüber einem psychiatrischen Gutachter für die gebürtige Ukrainerin übrig hatte, waren weit weniger schmeichelnd. Er habe seine frühere Lebensgefährtin nie vergewaltigt und nie misshandelt, habe er bei der Anhörung in Untersuchungshaft sofort klargestellt. Er habe sich höchstens gegen sie wehren müssen.

Sie habe ihn als Sexobjekt behandelt, obwohl er sie nicht einmal attraktiv finde. Sie habe – so wie jetzt im Prozess – immer nur Aufmerksamkeit gewollt. Das Verfahren diene ohnehin nur dazu, ihre Lügen zu unterstützen. Sie sei eine Ex-Prostituierte und es ja daher gewohnt, Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen – so der Angeklagte zum Psychiater.

„Plötzlich behandelte er mich nur noch wie sein Eigentum“

Als der Gutachter weiter ausführte, Odai A. habe die Frau als instabil mit ständig wechselnder Gemütsverfassung bezeichnet und als ein echtes Chamäleon, konterte die Richterin: „Wenn hier jemand ein Chamäleon ist, dann ist ja wohl er das. Das hat er mit seinem Auftreten vor Gericht ja bereits deutlich gezeigt.“

Die Darstellung des Opfers ist eine ganz andere. Unter Tränen schilderte sie, wie beide sich nach dem ersten Treffen auf dem Sozialamt nähergekommen seien, wie er sie dann dazu gedrängt habe, ihn in einer religiösen Zeremonie zu heiraten und dann, quasi von heute auf morgen, wie sein Eigentum behandelt habe.

„Als er mich zuerst schlug, dachte ich, es sei meine eigene Schuld, ich hätte ihm vielleicht nicht genug Respekt gezollt“, erzählte sie. Auf Entschuldigungen folgten weitere Male. Dann die erste Vergewaltigung.

„Er kam ins Zimmer, schloss die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche“, erläutert sie mit zerbrechlicher Stimme. „Er sagte, ich solle mich zu ihm aufs Bett legen. Als ich mich weigerte und mich auf den Boden setzte, packte er mich beim Hals und hob mich mit unglaublicher Kraft auf das Bett. Dann würgte er mich bis zur Ohnmacht.“

„Wie leicht er mich töten könnte“

Als sie wieder zu sich gekommen sei, habe er sie vergewaltigt. „Ich hatte unglaubliche Angst“, erzählte die Mittvierzigerin. „Als er mich würgte, wurde mir bewusst, wie leicht er mich töten könnte.“ Am Morgen danach seien dann Morddrohungen gefolgt. „Wenn du jemandem etwas sagst, dann bringe ich dich um“, habe er ihr gesagt.

Das Opfer suchte daraufhin in einem Frauenhaus Zuflucht. Als der Fonds du Logement ihr mehrere Wochen später eine Wohnung vermittelte, schickte die Behörde den Mietvertrag an die alte Adresse. Odai A. ließ es sich daraufhin nicht nehmen, gleich an ihrem neuen Wohnort aufzutauchen. Er zeigte Reue. Sie ließ sich auf ihn ein – und überlegte es sich dann doch wieder schnell anders.

Einen Monat später suchte er sie dem Vernehmen nach erneut in ihrer neuen Wohnung auf, vergewaltigte sie an zwei Tagen in Folge und fotografierte sie, während er sie demütigte. „Du bis so schön, wenn du weinst“, habe er dabei gesagt, sagt sie.

Der Prozess gegen Odai A. ist diese Woche auf drei Verhandlungstage angesetzt und wird am Mittwoch mit der Anhörung eines ermittelnden Kriminalpolizisten fortgesetzt. Vorabinformationen zu weiteren Tatvorwürfen gegen Odai A. in Luxemburg haben sich nicht bestätigt.

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