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Covid-19: Verloren im Statistik-Dschungel
Lokales 5 Min. 24.03.2020

Covid-19: Verloren im Statistik-Dschungel

An Grafiken und Statistiken zu Covid-19 herrscht momentan kein Mangel, doch was sagen die Daten aus und was nicht?

Covid-19: Verloren im Statistik-Dschungel

An Grafiken und Statistiken zu Covid-19 herrscht momentan kein Mangel, doch was sagen die Daten aus und was nicht?
Grafik: Shutterstock
Lokales 5 Min. 24.03.2020

Covid-19: Verloren im Statistik-Dschungel

Michel THIEL
Michel THIEL
Viele Menschen starren derzeit wie gebannt auf die neuesten Covid-19-Zahlen. Doch was sagen Statistiken eigentlich über die Epidemie aus? Das LW hat mit dem Epidemiologen Joël Mossong über Sinn und Unsinn solcher Daten gesprochen.

Die Covid-19-Pandemie sorgt für Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung. Es ist daher absolut verständlich, dass viele Menschen derzeit im Netz nach Informationen suchen, die ihnen eine vermeintlich realistische Einschätzung der Lage geben könnten.

Das LW hat mit dem Epidemiologen Joël Mossong über Sinn und Unsinn solcher Daten gesprochen.

Joël Mossong ist Leiter der epidemiologischen Abteilung des LNS.
Joël Mossong ist Leiter der epidemiologischen Abteilung des LNS.
LNS

Auch vermeintlich simple Statistiken, Grafiken und Hochrechnungen können mehr Unruhe stiften, als sie aufklären. Deren korrekte Interpretation erfordert ein gewisses Basiswissen, das den meisten Laien fehlt.

Statistiken allgemein und epidemiologische Statistiken insbesondere sind ohne Kontextualisierung und Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Aussagekraft also lediglich rohes Zahlenmaterial.

Verlässliche Zahlen sind Mangelware

Selbst die Experten hätten derzeit noch Probleme, an Daten zu kommen, wie Joël Mossong, der Leiter der epidemiologischen Abteilung des "Laboratoire National de Santé" (LNS), erklärt: "Es ist äußerst schwierig, verlässliche Daten über diese Pandemie zu sammeln. Die ersten Daten aus China wurden deswegen angezweifelt, es gab sogar den Verdacht, das Land versuche, etwas zu verbergen. Mittlerweile wissen wir, wie schwer es ist, Daten von guter Qualität zu bekommen. Es gibt einfach nicht ausreichend Ressourcen, um diese Daten zu sammeln und auszuwerten".

In Luxemburg habe die Regierung deshalb eine Task-Force mit Experten aus Forschung und Gesundheitssektor geschaffen, um Vorhersagen zur Pandemie zu liefern.

Fallzahlen sind keine Infizierten-Zahlen

Wie gebannt verfolgt die Öffentlichkeit derzeit das tägliche Update der "Corona-Fallzahlen" für Luxemburg - doch was genau wird da eigentlich bekannt gegeben?

Es handelt sich natürlich lediglich um die Zahl der bestätigten Fälle von Patienten, wie Joël Mossong erläutert: "Die Fallzahlen zeigen nur die Personen, die eine Diagnose haben und getestet wurden. Nicht alle Infizierten werden getestet, da gibt es viele Rahmenbedingungen, die das beeinflussen. Falls diese Bedingungen jedoch unverändert bleiben, liefern auch die Zahl der getesteten Fälle einen ausreichenden Indikator, um einen Trend auszumachen."

Ländervergleiche kaum sinnvoll

Die Zahlen aus verschiedenen Ländern seien schlichtweg nicht vergleichbar, so Mossong: "Die Strategien beim Testen sind in den verschiedenen Ländern einfach zu unterschiedlich. Luxemburg, Deutschland und die Niederlande testen beispielsweise recht häufig, Frankreich eher weniger. Vergleiche zwischen Ländern sind daher schwierig und nicht wirklich sinnvoll."

Eine Grafik, wie man sie derzeit tausendfach im Netz findet: Die Zahl der bestätigten Infektionen im Ländervergleich ist jedoch wenig aussagekräftig, da die Fallzahlen lediglich die Häufigkeit der Tests widerspiegeln - und die ist in jedem Land anders.
Eine Grafik, wie man sie derzeit tausendfach im Netz findet: Die Zahl der bestätigten Infektionen im Ländervergleich ist jedoch wenig aussagekräftig, da die Fallzahlen lediglich die Häufigkeit der Tests widerspiegeln - und die ist in jedem Land anders.
Grafik:Thomas Pueyo / medium.com/@tomaspueyo

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Laut Mossong zeigen die neuesten Daten aus China, dass das Verhältnis zwischen reellen Infektionen und positiven Tests, also die Dunkelziffer an nicht identifizierten Kranken, wesentlich geringer sein dürfte als zunächst befürchtet: "Am Anfang ging man von einem Faktor fünf bis zehn aus, mittlerweile glauben wir aber, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten nur ein kleines Mehrfaches der bestätigten Fälle ausmacht. Vielleicht nicht mehr als das Doppelte, aber auch das ist nur eine Schätzung."

Falls dies stimmt, wäre es eine sehr gute Nachricht, denn es würde bedeuten, dass weit weniger Infizierte unerkannt bleiben, als befürchtet.

Wie viele Todesfälle sind zu befürchten?

Die einzige verlässliche Zahl zu Covid-19, die eine Aussage über den Verlauf der Epidemie in Luxemburg ermöglicht, ist derzeit leider die Zahl der Todesfälle, die momentan (Stand 24. März) bei acht Fällen stagniert. Doch auch diese Zahl müsse man in Perspektive setzen, so Mossong: "Man muss die Todesfälle auch mit der Mortalität während einer normalen Influenza-Saison in Luxemburg vergleichen. Die saisonale Grippe provoziert je nach Influenza-Typ hierzulande jeden Winter zwischen 60 und 120 zusätzliche Todesfälle."


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Wenn es in Luxemburg also nicht weit über 100 Tote geben werde, würde die Sterblichkeit im Endeffekt ungefähr auf dem Niveau einer normalen Grippewelle liegen.

Da die Sterblichkeitsrate lediglich der Quotient aus der Zahl reeller Fälle geteilt durch die Todesfälle darstellt, ist sie allerdings auch noch nicht sicher zu ermitteln.

Erste Anzeichen, dass die Maßnahmen greifen

Joël Mossong zeigt sich vorsichtig optimistisch, was die kurzfristige Entwicklung der Epidemie in Luxemburg angeht: "Die aktuellen Zahlen sehen auf den ersten Blick positiv aus. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt mittlerweile und wir haben seit ein paar Tagen keine neuen Todesfälle. Für eine Entwarnung ist es aber zu früh, denn das Abflachen könnte lediglich ein Effekt des Wochenendes sein und die Kurve könnte in dieser Woche erneut ansteigen."

Wir haben im Gegensatz zu anderen Ländern relativ früh drastische Maßnahmen getroffen

Joël Mossong, LNS

Es sei zwar zu früh, einen klaren Trend auszumachen, aber die aktuelle Lage stimme tendenziell positiv: "Wir haben im Gegensatz zu anderen Ländern relativ früh drastische Maßnahmen getroffen. Die ersten Effekte davon dürften sich mittlerweile zeigen, aber das werden wir sicher erst in den kommenden Tagen sehen."

"Italienische Zustände" unwahrscheinlich

Im Netz tauchten in den vergangenen Wochen und Tagen vermehrt Grafiken auf, die anhand von verfügbaren Daten zu Covid-19-Todesfällen die Entwicklung der Todesfälle in anderen Ländern hochrechnen wollen. Auch dies ist schlichtweg statistischer Unfug, da versucht wird, eine Entwicklung anhand bekannter Werte abzuleiten und einen anderen Kontext zu übertragen, also zu "extrapolieren". In einfacheren Worten ausgedrückt: Es handelt sich um den Versuch, eine komplexe Entwicklung anhand weniger Erfahrungswerte, die aus einem anderen Zusammenhang in der Vergangenheit stammen, vorherzusagen. Dies kann nicht gelingen, weil diese Faktoren nicht nur zeitlich, sondern auch geografisch stark variieren können.


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So wäre es beispielsweise unsinnig, in Luxemburg die gleiche Mortalität anzusetzen, wie jene, die vergangene Wochen in Italien beobachtet wurde. Seitdem wurden Ausgangssperren verhängt, der internationale Personenverkehr wurde gestoppt und viele andere Maßnahmen wurden ergriffen. All dies hatte einen Einfluss auf die Verbreitung des Virus.

Die hohe Sterblichkeit in Italien liegt vor Allem daran, dass das Land außer Japan die älteste Bevölkerung der Welt hat - das Durchschnittsalter beträgt dort 46,3 Jahre, Luxemburg liegt bei 39,7 Jahren. Es gibt aber laut ersten Analysen weitere Effekte, beispielsweise soziologischer Natur. Sowohl die italienische Großfamilie, in der die Großeltern mit Kindern und Enkeln unter einem Dach wohnen, als auch das hohe Durchschnittsalter dürften wesentlich zur hohen Mortalität beigetragen haben. Diese Faktoren sind jedoch nicht auf Luxemburg übertragbar.


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Auch das Vertrauen zur Regierung und zu den Autoritäten kann eine große Rolle spielen, wie dies offenbar im Iran der Fall war - dort glaubten die Menschen am Anfang der Pandemie der Regierung nicht und hielten die Ausgangssperren für eine List, um regierungskritische Demonstrationen zu unterbinden.

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