Concorde-Überfall: Kleine Waffenkunde im Gerichtssaal
Der Mann auf der Anklagebank wirkt sehr ruhig. Er hört aufmerksam und geduldig zu, legt den Kopf meist etwas nach hinten, streckt das Kinn hervor. Rein äußerlich könnte der 64-Jährige mit den etwas zu breiten Schultern für seine zierliche Statur und der stolzen Brust, seinem weißlich grauen Haar, dem ebenso verblichenen Vollbart und der Rockermiene auch zur Sicherheitstruppe eines Johnny Hallyday gehören.
Joël C. bringt sich ein, wenn er es für nötig hält und macht seinen Verteidiger regelmäßig auf Punkte aufmerksam, die ihm wichtig erscheinen. Er zeigt sich respektvoll, aber unbeeindruckt, von dem, was um ihn geschieht. Man merkt deutlich, dass Joël C. nicht zum ersten Mal vor Gericht steht. Auf die Frage, ob die Tatvorwürfe gegen ihn der Wahrheit entsprechen, meinte er entschieden: Nein!
Textilspuren im Fluchtauto
Damit war sein Auftritt zum Prozessauftakt auch schon beendet. Im Mittelpunkt standen am Dienstag andere: ein deutscher Gutachter, der Auskunft über gesicherte Textilspuren im Fluchtauto gab und zwei ehemalige Mitarbeiter der Police technique, die sich mit den Tatwaffen und der Spurensicherung am Tatort befassten.
Die Räuber hatten nach ihrer Tat und ihrer Flucht nach Belgien nämlich Tatwerkzeuge zurückgelassen – dem Anschein nach so, dass diese zumindest auch gefunden und dem Raub in Luxemburg zugeordnet werden mussten.
Als besonders interessant entpuppte sich dabei eine von drei gefundenen Perücken und ein Pullover: Von beiden wurden nämlich Faserspuren im Fluchtauto entdeckt, erklärte der Experte in einer ausführlichen Erklärung zu Farbspektren, Glanzelementen und Zusammensetzung.
Die Täter hatten aber auch die Tatwaffen entsorgt. Sie hatten diese allerdings in einem Bach bei Rulles (B) geworfen, und zwar so, dass sie nicht entdeckt werden sollten. Das wurden sie trotzdem, allerdings erst ein Jahr später, zu einem Zeitpunkt, als sie bereits stark verrottet waren.
Zwei Revolver, eine Pistole
Und doch. Schon alleine die Zusammenstellung der Waffen ist erkenntnisreich. Es sind eine kurzläufige Colt Cobra vom Kaliber .38, der beim Raub gestohlene Smith & Wesson-Dienstrevolver des Geldboten und eine US-Armeepistole vom Typ Colt .45 mit ausradierter Seriennummer.
Aufgrund der starken Verwitterung waren die Waffen für präzise Analysen nicht zu gebrauchen. Dazu kommt, dass die Luxemburger Spurensicherung 1997 schlecht ausgestattet war. Eine Lupe und ein Mikroskop, erzählt der Polizeibeamte im Zeugenstand, während beim deutschen Bundeskriminalamt bereits zehn Jahre zuvor auf elektronische Datenverarbeitung gesetzt wurde.
Dennoch ist insbesondere die Armeepistole interessant. Diese weist die gleichen Systemmerkmale auf, wie die beiden Kugeln, die den Geldboten Yvan Lecomte ins Herz und in die Lunge trafen. Allerdings ist eine über alle Zweifel erhabene Identifizierung über Riefen und Einkerbung wegen des schlechten Zustands der Waffe nicht möglich.
Im Lauf befindet sich allerdings noch eine weitere Patrone – perkutiert, aber nicht abgefeuert. „Ein klassischer Versager“, wie der Experte meint. Der Täter mit dieser Waffe hat demnach noch einen dritten Schuss abgegeben.
Auch die Merkmale des Cobra-Revolvers passen zu den beiden Kugeln, die in der Drehtür des Einkaufszentrums und auf dem Parkplatz sichergestellt wurden. Lediglich die erbeutete Waffe des Geldboten wurde nicht abgefeuert. In ihr waren noch alle sechs Kugeln vorhanden.
DNS im Brennpunkt
Am Mittwoch wird der Prozess mit der Anhörung des ersten Polizisten, der am Ort des Geschehens in Bartringen eintraf sowie eines damaligen Ermittlungsbeamten fortgesetzt.
Am Donnerstag versprechen dann die Aussagen von zwei DNS-Experten spannend zu werden. Denn schließlich waren Genspuren, die erst ein Jahrzehnt nach dem Überfall gesichert wurden, ausschlaggebend für die Ermittlungen gegen den heutigen Angeklagten Joël C.
Am Freitag kommt dann voraussichtlich jener Polizist zu Wort, der die Ermittlung in diesem Fall seit 2008 führte.
