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"Ein Winterhochwasser im Sommer"
Lokales 6 Min. 19.07.2021
Chronik eines Hochwassers

"Ein Winterhochwasser im Sommer"

In Ettelbruck steckte ein Auto in den Wasserfluten fest.
Chronik eines Hochwassers

"Ein Winterhochwasser im Sommer"

In Ettelbruck steckte ein Auto in den Wasserfluten fest.
Foto: Guy Jallay
Lokales 6 Min. 19.07.2021
Chronik eines Hochwassers

"Ein Winterhochwasser im Sommer"

Maximilian RICHARD
Maximilian RICHARD
Hundertjähriges Hochwasser und historische Höchststände. Das Umweltministerium zieht nach den Ereignissen der vergangenen Woche eine Bilanz.

An zehn der 41 Messstationen wurde vergangene Woche ein hundertjähriges Hochwasser (HQ100) gemessen, an 15 wurden die historischen Höchststände überschritten. „Das ist schon extrem“, sagte Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) am Montag vor der Presse. Gemeinsam mit dem Wasserwirtschaftsamt zog sie eine erste Bilanz des Hochwassers der vergangenen Woche. 

Die Leiterin des Service Hydrologie Christine Bastian ging nochmals im Detail auf die Ereignisse der vergangenen Woche ein. Die meteorologische Situation sei sehr speziell gewesen. Über Mitteleuropa  habe eine „quasi-stationäre“ Wetterlage gelegen. Lang anhaltende und heftige Regenfälle seien die Folge gewesen. Zwölf Stunden lang habe es ununterbrochen und mit hoher Intensität geregnet.


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Dabei seien neue Maxima überschritten worden. Die Wetterstation von Meteolux in Findel habe zwischen Mittwoch und Donnerstag 79,4 Liter pro Quadratmeter verzeichnet, die ASTA-Station in Godbringen 105,7 Liter pro Quadratmeter. Zudem seien die Böden bereits sehr gesättigt gewesen. Sie hätten das Wasser kaum aufnehmen können, da es bereits in den vergangenen Tagen viel geregnet hatte.

Erste Anzeichen am Montag 

Erste Anzeichen für sehr starke Regenfälle habe es bereits am vergangenen Montag gegeben, erklärte Christine Bastian. Allerdings habe es eine sehr starke Diskrepanz zwischen den einzelnen Modellen gegeben (siehe Artikel links). Am Dienstag habe man dann allerdings entschieden auf Nummer Sicher zu gehen. Denn im Sommer fänden entlang der Flüsse ganz andere Aktivitäten statt als im Winter. So gebe es entlang der Wasserläufe Baustellen, die im Winter nicht möglich seien, aber auch die Campingplätze nahe am Wasser seien im Sommer eben gut besucht. Demnach sei die Phase de vigilance am Dienstag um 14 Uhr ausgelöst worden und eine Hochwassermeldung für Campingplätze und Baustellen herausgegeben worden.


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Am Mittwoch seien die Wasserstände dann stark angestiegen. Die höchste Warnstufe, die Phase d'alerte, wurde um 17 Uhr überschritten. Daraufhin wurde auch der Plan intervention d'urgence aktiviert. Noch in der Nacht sei denn auch eine Krisenzelle zusammengekommen. Die Wasserstände hätten erst am Donnerstag ihren Höchststand erreicht und die Phase d'alerte hätte aber noch bis Freitag bestanden.

Christine Bastian sprach von einem „Winterhochwasser im Sommer“. Zunächst sei es zu wildem Oberflächenabfluss gekommen. „Durch den vielen Regen und die nassen Böden ist der Regen zuerst einmal die Hänge heruntergelaufen.“ Als all das Wasser dann die Gewässer erreicht habe, seien diese rasant angeschwollen. Die Cote d'alerte sei deutlich und für mehr als 30 Stunden überschritten worden. Das ganze Land sei betroffen gewesen. Nur an der Mosel habe sich die Situation weniger schlimm dargestellt als erwartet, auch wenn es dennoch zu lokalen Überschwemmungen gekommen sei. 

Hochwasserkarten validieren

„Wir hatten die traurige Gelegenheit, hundertjährige Hochwasser auf den Hochwassergefahrenkarten validieren zu können“, so Christine Bastian. Die Modellrechnungen, die erst 2019 überarbeitet wurden, hätten stellenweise mit Drohnenaufnahmen verglichen werden können. So hätten beispielsweise Luftaufnahmen aus Steinsel exakt mit den Vorhersagen übereinandergestimmt.

„Ich lege jedem ans Herz, sich die Karten anzuschauen“, betonte Christine Bastian. Sie seien auf Geoportail.lu aufrufbar und stehen für 17 Gewässer zur Verfügung. So könne man die eigene Situation zu Hause besser einschätzen und sich auf solche Situationen vorbereiten. Dies mache das Risikomanagement bedeutend einfacher. 


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Unter inondations.lu können die Bürger sich denn auch in einem Verteiler registrieren, um über neue Hochwassermeldungen automatisch per E-Mail gewarnt zu werden. Die Internetseite des Wasserwirtschaftsamtes war in der vergangenen Woche viel gefragt. Sie wurde rund 892.000 Mal von 70.000 Personen aufgerufen. 

Kritik, dass die Bürger nicht frühzeitig oder ausreichend über das Hochwasser gewarnt wurden, wollte Christine Bastian nicht gelten lassen. Die Meldephase habe bereits am Dienstag begonnen und die entsprechenden Berichte seien an die Presse weitergeleitet worden. „Ich denke, dass wir unser Möglichstes getan haben, um so viele Menschen wie möglich zu informieren“, so Christine Bastian. 

In Vianden war entlang der Our eine Mauer zusammengebrochen. Die Reparaturarbeiten werden wohl einige Zeit in Anspruch nehmen.
In Vianden war entlang der Our eine Mauer zusammengebrochen. Die Reparaturarbeiten werden wohl einige Zeit in Anspruch nehmen.
Foto: Sophie Hermes

Hochwasser und Klimawandel

Die Ministerin Carole Dieschbourg sprach indes von einem absolut außerordentlichen Ereignis, gleichzeitig habe man allerdings auf eine gute Datenbasis zurückgreifen können. Dies habe geholfen, die Risiken besser im Griff zu behalten. Der neue Hochwasserrisikomanagementplan, der sich derzeit in der Konsultationsphase befindet, umfasse mehr als 200 Maßnahmen, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen.

„Hochwasser birgt immer Gefahren und Risiken. Man bekommt nicht alles reduziert, aber man kann Menschen in Sicherheit bringen und ein Management umsetzen, mit dem man neue Risiken vermeidet und durch das man aus der Vergangenheit lernen kann“, so die Ministerin.


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Das Hochwasserereignis sei innerhalb des Kontextes des Klimawandels anzusiedeln. „Auf der einen Seite gibt es lange Trockenperioden, das hatten wir in den vergangenen Jahren, andererseits gibt es mehr Extremereignisse“, betont Carole Dieschbourg. So habe es 2016 und 2018 bereits Starkregenereignisse gegeben. Nun habe es sich ein Winterhochwasser im Sommer ereignet. „Diese Ereignisse häufen sich“, unterstreicht die Umweltministerin. „Solche Regenmassen hat es vorher noch nicht gegeben.“

Umso wichtiger sei es, sich dem Klimawandel anzupassen. Seit 2018 verfüge Luxemburg über eine Anpassungsstrategie. So sollen Gefahren des Wassers, sowohl durch Trockenperioden als auch durch Starkregenereignisse, entgegengewirkt werden. Im Zusammenhang mit der Versiegelung der Böden durch Bauprojekte, betonte Carole Dieschbourg, dass es bei der Planung solcher Projekte wichtig sei, auf Nachhaltigkeit zu setzen, um solche Versiegelungen möglichst zu reduzieren.


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