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Christen und Christinnen, die sich was trauen
Lokales 5 Min. 22.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Eine Buchneuheit: christliche Zeugnissen von Luxemburgern, Luxemburgerinnen "and friends"

Christen und Christinnen, die sich was trauen

Paul VI.: „Der moderne Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer; wenn er auf Lehrer hört, dann deswegen, weil sie Zeugen sind.“
Eine Buchneuheit: christliche Zeugnissen von Luxemburgern, Luxemburgerinnen "and friends"

Christen und Christinnen, die sich was trauen

Paul VI.: „Der moderne Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer; wenn er auf Lehrer hört, dann deswegen, weil sie Zeugen sind.“
Lokales 5 Min. 22.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Eine Buchneuheit: christliche Zeugnissen von Luxemburgern, Luxemburgerinnen "and friends"

Christen und Christinnen, die sich was trauen

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Das Buch "40 Missionaires pour une génération", das Mariette Levaye-Gries herausgegeben hat, steht für den interessanten Versuch, dem Sendungsauftrag Jesu heutzutage nachzukommen.

Das Buch "40 Missionaires pour une génération" steht für den interessanten Versuch, dem Sendungsauftrag Jesu heutzutage nachzukommen. Papst Paul VI. sagte 1974 den Mitgliedern des vatikanischen Laienrates folgende bedeutungsschwere prophetische Worte: „Der moderne Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer; wenn er auf Lehrer hört, dann deswegen, weil sie Zeugen sind.“ Es ist nicht die Zeit der Theologen und der Argumente, sondern des Vorlebens, der Authentizität. Warum?

Von heute aus gesehen: wohl weil die globale Vernetzung dazu führt, dass alle Argumente immer überall zur Verfügung stehen (könnten) und deswegen der Unterschied von den Menschen gemacht wird, die ihre Überzeugung leben. Und weil es nicht mehr um religiöse Macht geht, sondern um persönliche Erfüllung. Und dann: Wir Postmodernen wollen prüfen, sichergehen. Und die größte Sicherheit ist ein glücklicher Mensch. Oder wie Irenäus von Lyon es sagen würde: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch!“

40 Zeugnisse – wo anfangen?

Wie sollte man dieses Buch lesen? Zum Beispiel so: die 40 Menschen, die von ihrem Glauben erzählen, als Menschen betrachten, die sich genauso wie wir durch das Leben kämpfen, auf der oft verzweifelten Suche nach Gott. Man sollte aber auch die Freude aus den Zeilen herauslesen und heraussaugen, wenn sie von ihrem Glück erzählen. Dieses Buch stellt eine grundlegende Herausforderung: Leben, Gott und Glück (!) als „eins“ zu denken, zu erleben, zu entdecken.

Sie sind alle Menschen, und ihr Leben hätte ganz anders verlaufen können, wenn da nicht …

Es ist schön, dass Priester und auch unser Luxemburger Bischof Zeugnis geben. Und es ist gut, manchmal aber auch tendenziell zu einseitig, dass viel französische Spiritualität durchscheint, aber entscheidend ist: Sie sind alle Menschen, und ihr Leben hätte ganz anders verlaufen können, wenn da nicht …

Ja, wenn da nicht: was? Welcher Moment war entscheidend? Wo haben diese Menschen Gott entdeckt? Oder wie sie es selbst sagen würden: Wo hat Gott sie gefunden? Mit dieser Brille zu lesen, kann die 259 Seiten zu einem Abenteuer werden lassen.

Lebendige Seiten durchblättern

Ein sehr gutes Beispiel ist das Zeugnis der Herausgeberin, Mariette Levaye-Gries (S. 9ff.), einer Luxemburgerin, die keine gradlinige, perfekte Geschichte erzählt, sondern krumme Zeilen, auf denen Gott gerade geschrieben hat. Ihr Verdienst ist es, mit dem Journalisten Eric Denimal 39 andere „témoignages“ gesammelt zu haben, die viel Abwechslung bieten: Familien, junge Menschen, Eltern, Weltreisende, Priester, Ordensleute, Bischöfe, Komiker, Sänger, Diakone, „Missionare“ auf andern Kontinenten, Künstler, Berater, Religionslehrer, sozial Engagierte, Journalisten, Fallschirmspringer, Luxemburger und Nicht-Luxemburger, traditionell in die Kirche Hineingewachsene und Menschen, die als Erwachsene eine Entscheidung getroffen haben.

Es sind keine Besserwisser, sondern ehrliche Suchende, auch wenn der eine oder andere zweifelnde Thomas oder aufmüpfige Ijob auch Platz hätte finden können. 40 kurze Berichte von jeweils rund sechs Seiten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ihre Lebensgeschichten unter Gottes Augen interpretieren. Und das kann nicht nur befremden, sondern sehr erfrischend sein.

Um es reißerisch zu sagen: Für jeden ist etwas dabei! Mich hat z. B. das Zeugnis von P. Roger Villegas besonders angesprochen (S.49ff.), da er im von Guerillas umkämpften kolumbianischen Medellín aufgewachsen ist, wo ich vor ein paar Wochen war. Oder das von Olive Le Masne (S.150ff.), die sich u. a. bei Caritas Luxemburg eingesetzt hat. Da ist aber auch Laurent de Chérisey, Unternehmer und Christ (S. 167ff.). Oder einfach jene Menschen, die ich persönlich gut kenne und zu meinen Freunden zähle.

Missionieren? Heute? In Luxemburg?

Noch zu dem Begriff „missionnaires“. Gewagt! Innerhalb der kirchlichen Kreise hat ein „Missionar“ etwas unentwegt Heldenhaftes an sich, außerhalb ist der Begriff verpönt wegen des Stallgeruchs von Proselytismus. Umso wichtiger ist es, dass der ambivalente Begriff neu gefüllt wird! Missionieren bedeutet nicht, jemand anderem etwas aufzuzwingen, sondern erzählen, mitteilen, nicht für sich behalten – und dem anderen die Freiheit geben, darauf zu reagieren, wie er oder sie will. Umso wichtiger sind Zeugen, die Freude ausstrahlen.

Was für das luxemburgische Publikum wichtig ist: Es scheint viel Freude im Buch durch, viel luxemburgische Freude! Luxemburg braucht eine Erneuerung der Glaubenswahrnehmung: nicht zuerst Kirche, sondern zuerst Gott; nicht Gebot, sondern Freude; nicht Gehorsam, sondern Freiheit.

Dass um eine Definition gerungen wird, merkt man auch dem Buch an. Père René-Luc, der bekannte junge französische Fernseh-Priester, zitiert im Vorwort Paul Claudel: „Ne parle du Christ que si on te le demande, mais vis de telle manière qu’on te le demande.“ (S. 6) René-Luc geht das nicht weit genug. Er will ein proaktiver Zeuge sein. Bischof Jean- Claude umschreibt es so : „Quand j’ai trouvé le bonheur, quand j’ai trouvé le sens de l’essentiel, je dois le partager.“ (S. 83) Andere Autoren sprechen von „mieux servir“ (S. 97) oder von „être chrétien, c’est servir“ (S. 114). Jene, die von Gott gefunden wurden, wünschen dies automatisch auch den andern. Den Moment der Offenheit des anderen zu treffen, ist Kunst und Gnade zugleich. Muss ein Christ Zeugnis geben? Ich wage es nicht, darauf zu antworten. Ich persönlich halte es mit Paul Claudel, doch jeder möge in Freiheit seinen eigenen Weg finden und den der anderen unterstützen.

Was für das luxemburgische Publikum wichtig ist: Es scheint viel Freude im Buch durch, viel luxemburgische Freude! Luxemburg braucht eine Erneuerung der Glaubenswahrnehmung: nicht zuerst Kirche, sondern zuerst Gott; nicht Gebot, sondern Freude; nicht Gehorsam, sondern Freiheit. In einer Gesellschaft, die Emotionales schnell verdächtig findet, sind luxemburgische Zeugnisse umso wertvoller. Es sind Menschen, denen wir in der „Groussgaass“ oder im Supermarkt begegnen können. Eben doch: Menschen wie wir. Denen Gott so wichtig geworden ist, dass sie davon erzählen.

Paul Galles, Dr. theol., Projektmanager Young Caritas Luxemburg

40 Missionaires pour une génération: ISBN :  978-2-36526-122-7