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Cattenom: Kein Ende der Laufzeit abzusehen
Lokales 3 Min. 27.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Cattenom: Kein Ende der Laufzeit abzusehen

Seit 32 Jahren läuft das Kernkraftwerk Cattenom.

Cattenom: Kein Ende der Laufzeit abzusehen

Seit 32 Jahren läuft das Kernkraftwerk Cattenom.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 3 Min. 27.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Cattenom: Kein Ende der Laufzeit abzusehen

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Laut Betreiber könnte das Kernkraftwerk Cattenom weitere 30 Jahre am Netz bleiben.

Wenn Thierry Rosso, Direktor der Atomzentrale im französischen Cattenom, zur alljährlichen Bilanzpressekonferenz ruft, weiß er genau, auf was er sich einlässt. Immerhin die Hälfte der geladenen Journalisten stammt aus den Nachbarländern. Und Rosso ist sich bewusst, dass die Einwohner und die Regierungen dieser Länder und Regionen ihn und seine Zentrale am liebsten an das Ende des Universums verpflanzen wollen. Also macht Rosso auf umweltfreundlich und beginnt mit einer Auflistung der Vorteile der Energiegewinnung aus Kernkraft.

Atomstrom als Klimaretter?

Frankreich habe sich vor Jahrzehnten für diesen Weg entschieden und nun leiste man einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Immerhin komme die Stromproduktion in Cattenom ohne fossile Brennstoffe und somit auch ohne Kohlendioxidausstoß aus. Und schließlich müsse auch Luxemburg seinen Energiehunger stillen.

Und es läge natürlich an Luxemburg zu entscheiden, ob es lieber auf deutschen Strom aus Kohlekraftwerken oder sauberen französischen Atomstrom setze. Zur Illustration gibt es dann noch ein Filmchen, in dem quer durch Europa Kohlekraftwerke ihre schmutzige Rauchfracht in die Atmosphäre verteilen. Als Zusatzinformation wird der enorme wirtschaftliche Impakt für die strukturschwache Region im Nordosten Frankreichs hervorgehoben und das Schaffen von Tausenden von Arbeitsplätzen.

Die Steuerzentrale der Produktionseinheit Nummer eins.
Die Steuerzentrale der Produktionseinheit Nummer eins.
Gerry Huberty

Dass die Frage der Endlagerung des nuklearen Abfalls nicht geklärt ist, Unfälle verheerend sein können, Uran irgendwann aufgebraucht sein wird und Atomstrom eigentlich sehr teuer ist, wäre er nicht mit enormen Summen staatlich bezuschusst, will man hier nicht hören.

Genauso wenig wie die Bemerkung, dass Uranabbau und Transport und vor allem die Wiederaufbereitung der Brennstäbe extrem CO2-intensiv sind. Auch die Frage, ob der französische Atompark nach 32 Jahren nicht vielleicht etwas marode sein könnte, wischt Rosso vom Tisch.


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Weitere 30 Jahre

„Wir arbeiten gerade am Grand carénage, also der Modernisierung von Grund auf, um die Anlage für die nächsten 30 Jahre weiter betreiben zu können.“

Dann wäre Cattenom 60 Jahre alt. Laut Rosso sei es wie bei einem Flugzeug: Die Maschine kann ewig fliegen, wenn alle relevanten Systeme permanent überprüft und erneuert werden. Und zudem würde die unabhängige Atomaufsichtsbehörde ASN alle zehn Jahre überprüfen, ob die Reaktoren noch weiter betrieben werden dürften. Das sieht allerdings nicht jeder so unproblematisch. Und vor allem treibt es die Kosten: So wurden 2018 die Reaktoren Nummer eins und Nummer drei heruntergefahren, um neu bestückt und inspiziert zu werden. Reaktor Nummer zwei musste der zehnjährigen Überprüfung unterzogen werden, einer Pflichtübung, bei der die gesamte Produktionseinheit auf Herz und Nieren geprüft wird.

Unerwartete Schwierigkeiten gab es zudem mit einem Kontrollventil im nichtnuklearen Teil sowie mit den thermischen Abdichtungen am Reaktordeckel Nummer drei. Wegen all dieser Arbeiten war die Jahresstromproduktion denn auch eher mittelmäßig: 30,95 Milliarden Kilowattstunden wurden insgesamt ins Netz geschickt. Das sind 65 Prozent des Gesamtbedarfs der Region Grand Est. Insgesamt wurden vergangenes Jahr 158 Millionen Euro in die Zentrale investiert.

Aber auch die sogenannten Post-Fukushima-Auflagen machten weitere Investitionen fällig. Infolge des Unfalls in Japan mit seinen dramatischen Folgen mussten vor allem drei Punkte befolgt werden: Sicherstellen der Stromversorgung, Verhindern von Schäden durch Erdbebenwellen und das Verhindern von Schäden durch Überschwemmungen. Neben den bereits bestehenden Notaggregaten wird zusätzlich zu jeder Produktionseinheit ein weiterer Diesel bereitgestellt.

Blick in das Abklingbecken mit den Brennstäben
Blick in das Abklingbecken mit den Brennstäben
Gerry Huberty

Ungeklärter Grundstückskauf

Eigentlich sollten diese Arbeiten bereits 2018 abgeschlossen sein, wegen technischer Probleme dürften die Notdiesel aber wohl erst 2020 einsatzbereit sein. Laut Rosso seien vor allem die Gebäudekonstruktionen, die die Diesel beherbergen sollen, wegen der Erdbebenauflagen extrem komplex: „Obwohl wir in einer Zone liegen, in der das Erbebenrisiko praktisch null ist, müssen die Installationen erhebliche Erschütterungen überstehen können. Für uns ist vieles an diesen Installationen Neuland“, erklärt Rosso.

Die Frage nach dem regen Interesse von Electricité de France (EDF) am Aufkauf von Grundstücken im großen Stil rund um Cattenom lässt Rosso unbeantwortet. „Ja, wir kaufen Grundstücke auf. Aber ob EDF vorhat, dort künftig die modernen EPR-Reaktoren zu errichten, das werden Sie in dieser Pressekonferenz nicht erfahren.“ Immerhin kann der Betreiber für Cattenom eine saubere Unfallbilanz aufweisen: 2018 kam es zu insgesamt fünf technischen Zwischenfällen der zweitniedrigsten Kategorie, einer davon betraf sämtliche französische Reaktoren. Zudem wurden keine signifikant erhöhten Strahlenwerte bei den Mitarbeitern gemessen.


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