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Bommeleeër: Wer beendete die Spur Geiben?
Lokales 5 Min. 12.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Wer beendete die Spur Geiben?

Colonel Harpes zeigte sich auch am Mittwoch von der Täterschaft Ben Geibens überzeugt.

Bommeleeër: Wer beendete die Spur Geiben?

Colonel Harpes zeigte sich auch am Mittwoch von der Täterschaft Ben Geibens überzeugt.
Foto: Guy Jallay
Lokales 5 Min. 12.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Wer beendete die Spur Geiben?

Warum wurde nach dem Attentat auf den Justizpalast schlagartig nicht mehr gegen den Top-Verdächtigen Ben Geiben ermittelt? Die Erklärungsversuche von Ex-Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes brachten nur wenig Licht ins Dunkel.

(str) - Der 102. Verhandlungstag im Bommeleeër-Prozess lässt sich auf eine einzige Frage reduzieren: Warum wurde nach dem Attentat auf den Justizpalast schlagartig nicht mehr gegen den Top-Verdächtigen Ben Geiben ermittelt? Die Erklärungsversuche von Ex-Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes brachten nur wenig Licht ins Dunkel.

Dass Geiben ab dem Montag nach der ominösen Observierung am Wochenende des Anschlags auf den Justizpalast nicht mehr als Verdächtiger galt, habe er erst 2004 und zu seinem größten Staunen von der Untersuchungsrichterin erfahren, erklärte der 84-jährige Colonel. 1985 sei er einfach davon ausgegangen, dass die Ermittlungen ihren Weg gehen würden. Für ihn habe es daher auch keine Ursache gegeben, sich einzumischen. Er habe niemals den Befehl gegeben, die Spur Geiben einzustellen. Auch habe er nie einen derartigen Befehl erhalten. Von wem auch? Zudem habe er den Kontakt zwischen Ermittlern und Untersuchungsrichter keinesfalls unterbunden. Er habe lediglich den GOR-Leuten gesagt, dass der Untersuchungsrichter nicht über „jede kleine Polizeiaktion, die nichts erbracht hat“ informiert werden müsste – so etwa Berichte über Bauern, die Mistgabeln auf die Straßen malten. Das sei dann vielleicht falsch ausgelegt worden.

Der vorsitzenden Richterin fiel es in der Verhandlung sichtbar schwer zu glauben, dass Harpes sich plötzlich nicht mehr für die Spur Geiben interessiert haben soll. Gerade er, Harpes, der auch heute noch felsenfest von der Schuld Geibens überzeugt ist, soll keine Fragen gestellt haben, als er erfuhr, dass Geiben als Verdächtiger observiert wurde und zum Zeitpunkt des Anschlags im Großherzogtum war? Da müsse man den Untersuchungsrichter fragen, meinte Harpes lapidar. Es sei nicht sein Job gewesen. Er habe sich aus der Arbeit der Ermittler rausgehalten. Falls sich etwas Neues ergeben hätte, hätte ihn Schockweiler sicher informiert.

Zoff bei der Sûreté

Ohnehin sei die Stimmung zwischen ihm und der Sûreté „kompliziert“ gewesen. Seine Pläne die Sûreté wieder in die Gendarmerie einzubinden, seien bei den Kriminalermittlern auf keine Gegenliebe gestoßen. Man hätte ihm zu verstehen gegeben, dass er auf gleicher Ebene mit den Kriminalpolizisten stehe und nur der Untersuchungsrichter ihnen Befehle zu erteilen habe. Ein Treffen mit Minister Fischbach und der Sûreté habe er bereits nach zehn Minuten verlassen. „Do ass gejaut ginn, Madame“, erklärte er der vorsitzenden Richterin. „Déi hunn sech opgefouert, wéi net grad ziviliséiert Leit“. Er habe dann versucht, sich in der Sache ruhig zu verhalten, da er alleine einer Gruppe gegenüber gestanden habe.

Me Gaston Vogel zitierte in diesem Zusammenhang aus Aussagen von Ermittlern, die ihrem Ärger über den herrischen Führungsstil von Harpes freien Lauf ließen. Einmal habe er auch etwas getan, was die Ermittler geärgert hätte, erklärte Harpes dann. Am Abend des Anschlags auf das Haus von Colonel Wagner habe er mit anderen Offizieren eine Großkontrolle in unmittelbarer Nähe des hauptstädtischen Theaters organisiert, in dem am jenem Abend das Revue-Programm „Knuppefreed“ aufgeführt wurde. Damit wurde die Lauerwache der GOR-Gruppe, die überzeugt war, die Bommeleeër bei dieser Gelegenheit auf frischer Tat zu ertappen, ad absurdum geführt. Den GOR über die Kontrolle zu informieren, wurde einfach unterlassen. Die Daseinsberechtigung der Verkehrskontrolle stehe aber außer Zweifel, erklärte die damalige Nummer Eins in der Gendarmerie: Eine Explosion hätte unweigerlich zu einer Massenpanik geführt, bei der Menschen hätten sterben können.

Kein Freund der Amerikaner

Überraschend war am Mittwoch die Aussage von Harpes, er habe nichts von der Zusammenarbeit mit dem FBI gewusst. Ebenso wenig sei er informiert gewesen, dass dem FBI Beweismittel ausgehändigt wurden. „Ich war nie sonderlich begeistert, mit den Amerikanern zusammen zu arbeiten“, meinte Harpes. „Wir haben selbst genug gute Leute in Europa, etwa beim BKA in Wiesbaden.“ Das BKA war dann auch gleich nach dem Amtsantritt von Harpes als Gendarmerie-Kommandant in Luxemburg im Einsatz. Das beweist ein Schriftstück, das an ihn adressiert war und in dem die Schlussfolgerungen der BKA-Experten aufgeführt wurden. Harpes vermochte sich allerdings gestern nicht mehr daran zu erinnern.

Doch Staatsanwaltschaft und Kriminalkammer sahen im damaligen Vorgehen eine logische Folge im Bezug auf die Spur Geiben: Das BKA stellte ein Täterprofil aus. Vieles deutete auf einen Insider-Täter hin. Dann folgte das Rechtshilfeersuchen gegen Geiben in Brüssel, die Observierung in Luxemburg und auch ein Brief an den Geheimdienst, in dem von „observations spéciales“ die Rede ist. Auch dieses Schreiben ist Harpes nicht in Erinnerung geblieben. „Vielleicht war das, weil Geiben alle zwei Wochen nach Luxemburg kam“, meinte Harpes. Das ließ den beigeordneten Staatsanwalt Oswald hellhörig werden, denn schließlich hatte Harpes ausgesagt, nicht über das Rechtshilfeersuchen informiert gewesen zu sein und von der Observierung erst im Nachhinein erfahren zu haben. Er habe auch von Geibens regelmäßigen Besuchen erst später erfahren, erklärte Harpes schließlich.

Und wieder der „Deal“

Noch immer stand allerdings die Frage im Raum, warum die Spur Geiben so plötzlich gestorben war. Auf wiederholte Nachfrage meinte Harpes, wie auch schon am Tag zuvor, es müsse jemand von außerhalb der Gendarmerie Einfluss genommen haben – eine Theorie, mit der sich die vorsitzende Richterin allerdings nicht so einfach abspeisen ließ. In dem Fall müsste es nämlich jemand gewesen sein, der an Harpes vorbei direkte Anweisungen an die Ermittler geben konnte. Doch auch hierauf, hatte Harpes eine Antwort: Jemand aus der Justiz wollte, dass der „Deal“ mit Geiben im Verborgenen bleibt. Harpes hatte diesen „Deal“, mit dem sich Geiben angeblich in einer Pädophilie-Affäre vor Strafverfolgung drücken konnte, am Montag ins Gespräch gebracht. Den Beweis für diese Theorie bleibt er aber weiterhin schuldig.

Am Donnerstag wird die Anhörung von Colonel Harpes fortgesetzt.


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