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Bommeleeër: Von Offiziersängsten und Rachegelüsten
Lokales 4 Min. 12.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Von Offiziersängsten und Rachegelüsten

Colonel Aloyse Harpes ist überzeugt, ein Jahr lang abgehört worden zu sein.

Bommeleeër: Von Offiziersängsten und Rachegelüsten

Colonel Aloyse Harpes ist überzeugt, ein Jahr lang abgehört worden zu sein.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 4 Min. 12.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Von Offiziersängsten und Rachegelüsten

Er sei ein Jahr lang abgehört worden, das habe ihm der Geheimdienstchef Patrick Heck bestätigt, sagte Ex-Gendarmerie-Kommandant Colonel Aloyse Harpes gestern überraschend vor der Kriminalkammer aus. Zudem gewährte er tiefe Einblicke in das Innenleben der Gendarmerie der 80er Jahre.

(str) - Er sei ein Jahr lang abgehört worden, das habe ihm der Geheimdienstchef Patrick Heck bestätigt, sagte Ex-Gendarmerie-Kommandant Colonel Aloyse Harpes gestern überraschend vor der Kriminalkammer aus. Zudem gewährte er tiefe Einblicke in das Innenleben der Gendarmerie der 80er Jahre.

Vielsagend war etwa seine Erklärung, warum die Gendarmerie-Offiziere, die sonst eine gute Arbeit leisteten, sich insbesondere im Bommeleeër-Dossier nicht gerade mit Ruhm bekleckerten: „Vläit gouf et do jo eng gewëssen Angscht, dat et ee vun hinnen ass“, sagte der Colonel mit leiser und zögerlicher Stimme im Zeugenstand. Dann fügte er eilig hinzu: „Oder vläit een dee bäi hinne war?“

Und dennoch sei nichts unternommen worden, um den Insider zu enttarnen, stellte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter fest. Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald wollte Harpes' Aussage jedoch nicht so schnell abhaken und spannte den Bogen weiter: „Wenn wir die Aussagen der vergangenen Wochen zusammenfassen, dann müssen wir davon ausgehen, dass die Offiziere allesamt von der ,Observation nationale' auf Geiben wussten. Es ist eindeutig, dass Schockweiler von der gesamten Observierung wusste. Wir wissen, dass Reuland den ersten Teil vorbereitet hat, gemeinsam mit Stebens. Also hatten diese Leute auch alle Elemente zur Rolle, die Steil gespielt hat, beisammen. Dann kommt der Moment, in dem der Groschen fällt: Es ist einer von uns. War das der Anlass, dass gesagt wurde: Wir wollen uns nicht die Finger verbrennen und lassen es jetzt sein?"

Harpes war von der Frage sichtlich irritiert. „Das kann ich Ihnen nicht sagen“, antwortete er mit zittriger Stimme. „Ich weiß es nicht“.

„De Bourg hätt e gär gehat“

Fragen wirft in diesem Zusammenhang auch die Versetzung von Jos Steil zum Gendarmerie-Kommando Ende 1985 auf. Wurde er strafversetzt? Oder galt es etwa, ihn zu schützen, wie die Anwältin von Jos Wilmes, Me Lydie Lorang, mutmaßte. Die Erklärung von Colonel Harpes überraschte: „De Bourg hätt e gär gehat“, erklärte er. Charles Bourg hatte das allerdings bei seinen Anhörungen anders dargestellt. Er habe sich Stebens als Sekretär gewünscht, hatte er ausgesagt. Er sei zudem nicht zufrieden damit gewesen, dass Stebens die Leitung der GOR-Gruppe zugeteilt wurde. „De Bourg war oft net zefridden“, so der Kommentar von Colonel Harpes.

Harpes hatte in der Verhandlung aber noch weitere Überraschungen auf Lager: So erzählte er aus heiterem Himmel von einem Besuch, den ihm der neue Geheimdienstchef Patrick Heck kürzlich abgestattet habe. Der habe bei der Gelegenheit das bestätigt, was der Zeuge Leurs gegenüber der Untersuchungsrichterin ausgesagt hatte: Harpes sei ein Jahr lang abgehört worden, sowohl im Büro als auch zuhause. Diese Aussage ist in soweit erstaunlich, dass der damalige Geheimdienstchef Charles Hoffmann die Aussagen von Leurs vor der Kriminalkammer entschieden von sich gewiesen hatte. Heck habe zudem bestätigt, dass Armeekommandant Armand Bruck, der Offizier Willy Bourg und womöglich auch dessen Bruder, Charles Bourg, maßgeblich an dem Lauschangriff beteiligt gewesen seien, sagte Harpes.

Seine Beziehung zu Willy Bourg sei denkbar schlecht gewesen, unterstrich Harpes im Zeugenstand. „Wir waren beide Kandidaten für einen Wechsel ins Gendarmerie-Kommando. Ich bin angenommen worden. Er hat mir das nie verziehen“, erklärte er.

Was wollte Heck?

Knifflig wurde es dann, als die Frage aufkam, weshalb der heutige Geheimdienstchef Heck ihn denn aufgesucht habe. Während Harpes ansonsten ein recht gutes Erinnerungsvermögen an den Tag legte, konnte oder wollte er sich an dieses rezente Treffen partout nicht erinnern. Er habe Hecks Vater als Nato-Offizier gekannt. Deshalb habe er dem Treffen zugestimmt. Nach wiederholtem Nachhaken meinte Harpes, Heck habe ihn wohl zum Geheimdienst-Personal befragen wollen. Er kenne schließlich viele Leute.

Die Antwort überzeugte nicht so richtig, schließlich ist Harpes seit knapp 25 Jahren im Ruhestand „En hätt gäre gewosst, wat hien net wousst“, meinte er schließlich barsch. „Et ass e ganz stolzen Offizéier, dee seet, déi doten brauche net alles ze wëssen“, schlussfolgerte der Anwalt von Marc Scheer, Me Gaston Vogel, bevor er Harpes mit einer Anzeige wegen Meineids drohte. Doch der blieb dabei: „Ich weiß es nicht mehr“.

„D'Arméi ass propper“

Eine Antwort gab Harpes aber gestern auf eine andere Schlüsselfrage im Dossier: Warum hatte er Anfang 1986 die „Piste militariste“ als mögliche Spur aus dem Bericht der Offiziere Reuland, Stebens und Hamen gestrichen? „Wahrscheinlich, weil ich überzeugt war, dass das eine falsche Spur war“, betonte Harpes. Er habe damit die Armee gemeint. „Well ech demols geduecht hunn, d'Arméi ass propper“, sagte er. Die Tatsache, dass es unter Harpes keine Ermittlungen in Richtung eines Insiders gab, lässt darauf schließen, dass diese Annahme wohl auch für die Gendarmerie galt.

Am Montag wird der Prozess mit der Anhörung der Ermittler Stieber und Berscheid zur Funktionsweise des GOR fortgesetzt. Am Dienstag sollen die Zeugen Schockweiler, Bourg und Harpes konfrontiert werden. Am Mittwoch steht eine weitere Konfrontation an. Dann sollen die Aussagen von Pierre Reuland mit jenen von Srel-Agent Kaudé und der Polizisten Thill und Zenners abgeglichen werden.


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