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Bommeleeër: Von Ermittlungslücken und sonstigen Zweifeln
So geheim war die Geldübergabe der „Bommeleeër“ an der Place du Théâtre: Der LW-Fotograf hatte sich 1985 die Stellungen der Zivilfahrzeuge und der Fahnder mit Knopf im Ohr in diesem Plan eingezeichnet.

Bommeleeër: Von Ermittlungslücken und sonstigen Zweifeln

Foto: Steve Remesch
So geheim war die Geldübergabe der „Bommeleeër“ an der Place du Théâtre: Der LW-Fotograf hatte sich 1985 die Stellungen der Zivilfahrzeuge und der Fahnder mit Knopf im Ohr in diesem Plan eingezeichnet.
Lokales 12 Min. 19.12.2012

Bommeleeër: Von Ermittlungslücken und sonstigen Zweifeln

Seit das „Luxemburger Wort“ am 3. Februar weite Teile der Anklageschrift im Dossier „Bommeleeër“ veröffentlicht hat, ist ziemlich deutlich, dass nur bedingt Belastbares gegen die beiden Beschuldigten Marc Scheer und Jos Wilmes vorliegt. Ob die Ex-Gendarmen am Ende für die Anschläge verantwortlich gemacht werden oder nicht, ist aber letztlich Sache des zuständigen Gerichts.

(str) - Seit das „Luxemburger Wort“ am 3. Februar weite Teile der Anklageschrift im Dossier „Bommeleeër“ veröffentlicht hat, ist ziemlich deutlich, dass nur bedingt Belastbares gegen die beiden Beschuldigten Marc Scheer und Jos Wilmes vorliegt. Ob die Ex-Gendarmen am Ende für die Anschläge verantwortlich gemacht werden oder nicht, ist aber letztlich Sache des zuständigen Gerichts.

Die Zeugenaussagen, denen im Requisitorium ein erheblicher Stellenwert eingeräumt wird, entlasten Scheer und Wilmes mehr als dass sie sie belasten. Zudem wird etwas im Dossier außen vor gelassen: Zur Zeit der Bombenanschläge waren die acht Gendarmen der „Brigade mobile“ – für Generalstaatsanwalt Robert Biever die Tätergruppe – allesamt Beamte in den untersten Dienstgraden. Das Meiste an dem Fachwissen, das laut Täterprofil unabdingbar war, dürfte jedoch eher in den höheren Etagen der Gendarmerie zu finden gewesen sein.

In einer stark hierarchisierten Struktur wie der der Sicherheitskräfte ist es heute wie gestern nicht üblich, dass die Polizisten, die auf der Straße im Einsatz sind – die sogenannte „Intervention“ – im Detail (über Operationen, Hintergründe und Ermittlungen) informiert werden. Diesen „Fußsoldaten“ wird in der Regel lediglich das mitgeteilt, was sie für ihren unmittelbaren Einsatz wissen müssen.

Vielmehr ist es damals wohl so gewesen, dass die Informationshoheit sich auf ausgewählte Offiziere im Gendarmerie-Kommando beschränkte. Auf hoher Ebene wurde der Informationsfluss gerne „monopolisiert“. Und, wie selbst Biever in seiner Schrift betont, der Austausch zwischen Ermittlern wurde offenbar behindert und teils sogar sabotiert.

Zeitzeugen aus Gendarmeriekreisen nennen heute Namen von hohen Beamten, die stets über alle Entwicklungen informiert wurden und ebenfalls an den Tatorten anwesend waren. Da sie aber kaum in der Anklageschrift erwähnt werden, ist davon auszugehen, dass gegen diese Offiziere, im Gegensatz zu den BMG-Mitgliedern, keinerlei Verdachtsmomente bestehen.

Geheimoperation in aller Öffentlichkeit?

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang etwa, dass die Staatsanwaltschaft betont, nur ein ganz ausgewählter Kreis aus der Gendarmerie könne von der Geldübergabe an der Place du Théâtre gewusst und die implizierten Einsatzkräfte gekannt haben. Denn das Gerücht von den Geschehnissen in und um das Parkhaus war im Vorfeld bis in die Presse vorgedrungen. So waren am Mittwochnachmittag, dem 12. Juni 1985, auch ein LW-Journalist und ein Fotograf bei der gescheiterten Geldübergabe mit von der Partie.

Beobachtet, dokumentiert und fotografiert wurden dabei mehr oder weniger suspekte „Passanten“, zwei Männer in einem Ford Fiesta, ein Opel Ascona, ein Mercedes mit riesiger Funkantenne auf dem Dach und deutschen Kennzeichen sowie die „Döschewo“ der Gattin des damaligen Cegedel-Direktors, mit der dieser zur Geldübergabe erschien.

Zudem hatte sich der LW-Fotograf peinlichst genau notiert, welche Polizisten mit Knopf im Ohr er wo an der „Place du Théâtre“ ausgemacht hatte und dass Zivilfahrzeuge mit „Sûreté“-Beamten an Straßenecken an der Grand-Rue, der Rue du Nord, der Rue Ulveling, der Côte d'Eich und der Place des Bains Stellung bezogen hatten – ein Dokument, für das sich die Ermittler im Nachhinein brennend interessierten.

Ein Kommissar der Drogenabteilung, der an diesem Tag in dem Funkwagen mit deutschen Kennzeichen unterwegs war, hatte den Journalisten nach Abbruch der Aktion zudem erzählt, die Ordnungskräfte hätten sogar ein Flugzeug im Einsatz gehabt. So „geheim“ dürfte die Geldübergabe also nicht gewesen sein.

Der falsche Mann auf dem Bild

Es gibt aber auch ein weiteres Foto, dem in der Anklageschrift große Bedeutung zugeordnet wird. Es erschien am 9. Juli 1985 auf Seite 5 im „Luxemburger Wort“. Darauf zu sehen: Ein kleinerer, stämmiger und ein größerer, dünner Mann mit einer Pfeife im Mundwinkel, beide im Gendarmerie-Drillich, stehen hinter einem Plastikkanister, den die „Bommeleeër“ beim Attentat in den Kasematten zurückgelassen hatten.

Laut Staatsanwaltschaft beweist das Bild die Anwesenheit am Tatort von Wilmes und Scheer. Der kleinere Mann ist als Marc Scheer zu erkennen, doch der größere ist nicht der Nichtraucher Jos Wilmes, sondern ein anderes damaliges BMG-Mitglied, Marcel W. Journalisten erinnern sich im Übrigen noch daran, dass BMG-Beamte erst sehr spät an diesem Tatort erschienen. Als die Bombe um 23.50 Uhr explodierte und auch als sie maximal 60 Minuten vorher gezündet wurde, half Marc Scheer dem Waffenmeister der Gendarmerie bei der Entschärfung der „Booby-Trap“ in Asselscheuerhof.

Scheer und Wilmes waren die zweite Patrouille am Tatort, nachdem der Sprengsatz gegen 22.15 Uhr entdeckt worden war. Die beiden kommen demnach kaum für das Attentat in den Kasematten in Frage.

Scheer wird zudem vorgeworfen, Täterwissen in Bezug auf ein Vorhängeschloss gehabt zu haben, mit dem die Eingangstür zum Kasemattengang gesichert wurde. Allerdings ist Täterwissen ein etwas zu hochgestecktes Wort, denn im „Républicain Lorrain“ vom 7. Juli 1985 sind auf Seite 3 gleich zwei Bilder vom Tor, darunter eine Großaufnahme vom Schloss, zu sehen.

Langhaarige Gendarmen

Äußerst interessant ist im Zusammenhang mit dem Attentat in den Kasematten zudem die Zeugenaussage eines belgischen Touristenpaares, das vier Täter vor dem Anschlag zufälligerweise beobachtet hatte. Die Belgier hatten zunächst einen Mann gesehen, der vor dem Eingang der Kasematten mit einem Funkgerät aufpasste. Laut Zeugen hatte der Verdächtige eine sehr starke Ähnlichkeit mit dem französischen Schauspieler Jacques Denis. Außerdem sahen sich zwei der vier Täter so ähnlich, dass sie Zwillinge hätten sein können. Beide waren blond und hatten einen für diese Zeit sehr unüblichen militärischen Kurzhaarschnitt.

Wenn man sich aber die Bilder der BMG-Mitglieder aus dem Frühjahr 1985 ansieht – etwa auf den Bildern vom Papstbesuch im Mai oder der „Télécran“-Reportage im März –, sind die Elitegendarmen allesamt recht langhaarig. Es gibt keine blonden Zwillinge und auch keinen Jacques-Denis-Doppelgänger.Wilmes ohne Brille im Wald?

Einen „auffallend großen“ und einen „mittelgroßen“ Mann hatte ein weiterer Augenzeuge am 9. November 1985 kurz vor dem Anschlag auf das ILS-Landesystem am Flughafen Findel beobachtet. Der Verdacht, dass es sich dabei um die beiden Beschuldigten handeln könnte, liegt für die Staatsanwaltschaft nahe. Allerdings ist der Zeuge, der die beiden Verdächtigen deutlich sehen konnte, in einem Punkt sehr bestimmt: Der größere Mann, mutmaßlich Wilmes, trug keine Brille. Nun ist es aber so, dass Jos Wilmes stark kurzsichtig und seit seinem 14. Lebensjahr Brillenträger ist. Mit einer Sehschwäche von -4,5 auf dem linken Auge und -4 auf dem rechten ist kaum anzunehmen, dass er ohne Brille in der Dunkelheit den Weg durch den Wald finden würde.

Dass Marc Scheer, als er mit der Personenbeschreibung konfrontiert wurde, witzelte „De Wilmese Jos an ech“ seien über die Straße gelaufen, sich selbst und seinem Kollegen Wilmes keinen Gefallen getan hat, liegt auf der Hand. Die Staatsanwaltschaft merkt in diesem Zusammenhang an, dass die Beschreibung des „mittelgroßen“ Mannes an den Späher beim Kasemattenanschlag erinnert.

Wilmes als Autor der Erpresserbriefe?

Als Hinweis auf eine Täterschaft von Jos Wilmes legt Untersuchungsrichterin Doris Woltz zudem auch dessen Charakter aus. Aus der Autobiografie von Wilmes und einer Anhörung des Zeugen Ben Geiben gehe hervor, dass dieser sich durch einen Hang zur Perfektion auszeichne, schrieb Woltz im Juli 2010 in einem Bericht an die Ratskammer.

In einer gewagten Überleitung verbindet sie diesen Charakterzug mit dem FBI-Bericht aus dem Jahr 1986, in dem die Täter und der Autor der Erpresserbriefe als überschwänglich und von Selbstüberschätzung geprägt bezeichnet werden.

Am zweiten, vierten und achten Brief der Attentäter an die Cegedel wurden DNA-Spuren von ein und derselben Person gesichert. Allerdings konnten diese, obwohl die Tätergruppe laut Anklageschrift identifiziert ist und alle Verdächtigen einem DNA-Test unterzogen wurden, bis heute nicht zugeordnet werden. Insgesamt wurden 151 Personen zum Test gebeten. 29 Gutachten wurden erstellt.

"Weess du, datt mir dir an dem Marc fir den Owend eng Zell reservéiert hunn?“

Als im Laufe des Verhörs „zunehmend nervöser und misstrauisch“ werden Scheer und Wilmes in der Anklageschrift bezeichnet. Angaben über die Umstände und den Ton der sich über drei Tage erstreckenden und jeweils mehr als achtstündigen Anhörungen gibt es kaum. Sätze wie, „Sou Jos, lo ass de Moment. Wanns du eppes domat ze dinn hues, da gëff et elo zou. Weess du, datt mir dir an dem Marc fir den Owend eng Zell reservéiert hunn?“ und gegenüber Marc Scheer „Wanns du net Flic wiers, da wiers du schon gëschter Owend sëtze gaang“ machen sich auch nicht allzu gut. So zumindest die Darstellung des Verhörs durch die beiden Beschuldigten.

Nicht aufgelöst ist im Übrigen auch noch immer das in den Erpresserbriefen benutzte Codewort C23Y78. Mit einfacher Auslegung führt das nämlich nur zu anderen Verdächtigen, die auch als solche in der Anklageschrift genannt werden. Radikale Bauern galten zu Beginn der Attentatsserie als suspekt: Sie lieferten sich seit Jahren einen heftigen Streit mit dem Stromanbieter Cegedel um Sondertarife für Landwirte. Die Strommasten waren den Bauern zudem ein ganz besonderer Dorn im Auge, weil die Cegedel diese ungefragt in ihren Wiesen und Äckern aufrichtete.

C23Y78: „Bommeleeër“und Bauern?

Hiermit befasste sich auch der Aufmacherartikel der Wochenzeitung „De Lëtzeburger Bauer“ der 23. Kalenderwoche 1978. (Man bemerke die Brücke zum Codewort C23Y78.) Unter dem Titel „Das Regiment der Einpeitscher“ werden sowohl Agrarministerium wie auch Cegedel aufs schärfste kritisiert. Von einem „Feldzug gegen die Bauern“ der „vom Staat kontrollierten Gesellschaft Cegedel, auf Befehl hin“ und „einem Freibrief zur Willkür“ durch „die vom Staat konzessionierte Monopolstellung“ ist im Zusammenhang mit den Hochspannungsmasten die Rede.

Für den Beginn der Attentatsserie, der sich bis zum Anschlag in Hollerich durch zum Teil recht stümperhafte Sprengungen und Sprengversuche kennzeichnet und ausschließlich auf die Cegedel fokussiert, sind radikale Bauern als Täter vor diesem Hintergrund eine möglicherweise plausible Spur.

Der Gedanke, dass mehrere Tätergruppierungen hinter der Serie stecken, liegt nicht so fern, denn es gibt noch andere Attentate, die nicht so richtig passen: die Dynamitfalle von Asselscheuerhof und die Explosion in Hollerich (siehe Bericht vom 2. März 2012).

Doch die Ermittlungen haben diese Möglichkeit formell ausgeschlossen. Als Beweis hierfür gilt unter anderem der 8. Expresserbrief, der im Februar 1986, am Tag nach dem Hellinckx-Anschlag, einging. Acht Monate waren seit dem letzten Briefkontakt vergangen. Auch der letzte Brief war mit dem mysteriösen Kennzeichen C23Y78 markiert.

Kommentar von Steve Remesch:

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