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Bommeleeër: Schritt für Schritt zur Wahrheit
Lokales 4 Min. 30.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Schritt für Schritt zur Wahrheit

Kommt es bald zu mehrere Zeugenkonfrontationen vor Gericht? Staatsanwaltschaft und Kriminalkammer haben nun mindestens zwei davon bei einer Lüge ertappt.

Bommeleeër: Schritt für Schritt zur Wahrheit

Kommt es bald zu mehrere Zeugenkonfrontationen vor Gericht? Staatsanwaltschaft und Kriminalkammer haben nun mindestens zwei davon bei einer Lüge ertappt.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 4 Min. 30.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Schritt für Schritt zur Wahrheit

Langsam aber sicher nähert sich der Bommeleeër-Prozess seinem 100. Verhandlungstag. Und noch ist kein Ende in Sicht, oder doch? Denn das Gericht hat nun mindestens zwei Ex-Offiziere in der Hand, die ganz offensichtlich gelogen haben.

(ham) - Langsam aber sicher nähert sich der Bommeleeër-Prozess seinem 100. Verhandlungstag. Und noch ist kein Ende in Sicht, oder doch? Die Taktik, bei den Zeugenbefragungen vorerst auf das Attentat auf den Justizpalast im Oktober 1985 zu setzen, trägt langsam aber sicher erste Früchte. Denn das Gericht hat mit drei Ex-Gendarmerie-Offizieren nun Zeugen in der Hand, von denen mindestens zwei gelogen haben. Alles läuft auf Konfrontationen im Zeugenstand hinaus, von denen sich die Parteien wohl einen Durchbruch erwarten.

Am 30. Mai sollte Schluss sein. Nun schreiben wir bereits den 30. November und noch ist kein Land in Sicht. Seit 95 Sitzungen beschäftigt sich das Gericht bereits mit der zweifellos wichtigsten Affäre der Luxemburger Kriminalgeschichte. Umso erstaunlicher scheint es, dass es die damaligen Verantwortungsträger, sprich die Offiziere, kaum interessiert hat, wer denn nun hinter der Attentaten steckt. Diesen Eindruck erwecken nämlich jene Männer, die vor knapp 30 Jahren die Geschicke der Ordnungskräfte leiteten und für die Sicherheit der Bürger im Land zuständig waren. 

Zieht man nach den Auftritten von Marc Zovilé (damaliger Bezirkskommandant), Guy Stebens (Chef des GOR) und Charles Bourg (Operationsdirektor der Gendarmerie) eine kleine Zwischenbilanz, dann sieht sie - wenn man nichts Böses dabei denkt - folgendermaßen aus: Jeder hat in seiner Ecke „gewurschtelt“, in der Hoffnung, andere würden die Ermittlungen schon hinbekommen. Nur Pierre Reuland schien sich Gedanken gemacht zu haben, doch beim ehemaligen Generaldirektor hat das Gericht andere Bedenken. 

Die anderen drei Betroffenen haben natürlich Argumente parat, die bis zu einer gewissenen Ebene auch nachvollziehbar sind. Denn die Gendarmerie war damals ein militärisch geführter Betrieb, in dem jeder seine Aufgabe hatte und Aktionismus nicht gerne gesehen war. Andererseits handelte es sich um DIE Affäre des Jahrhunderts, von den Ausmaßen her noch größer als die eigentliche „Joërhonnertaffär“. Und vor diesem Hintergrund waren manche Aussagen einfach nicht tragbar.

Murmeln und Schulterzucken

Angefangen bei Charles Bourgs Beteuerungen, er habe bei Jos Steil nicht nachgehakt, als dieser ihm bei einem „Patt“ eröffnete, zu wissen, wer hinter den Attentaten steckt. Die Umstände hätten Bourg dazu verleitet, Steil keinen Glauben zu schenken. Mehrmals änderte er diesbezüglich seine Geschichte, bis er schlussendlich zugab, „wahrscheinlich“ doch nachfragt zu haben, wer denn nun Steil zufolge der Bommeleeër sei. Steil habe aber nicht geantwortet, womit es sich denn auch hatte – zumindest für Bourg. Das Gericht und die Staatsanwaltschaft ließen sich nicht abwimmeln und nahmen den Zeugen unter Dauerbeschuss. Und Bourg murmelte, zuckte mit den Schultern und antwortete gar nicht mehr, bis der beigeordnete Staatsanwalt Oswald ihm den sprichwörtlichen Wurm zog: Ja, Steil sei damals bereits als Verdächtiger gehandelt worden. 

Was Bourgs Lage vor Gericht verschlimmert: Die ehemalige Nummer 2 der Gendarmerie und erste Nummer 1 der Polizei muss sich nun nicht nur den Vorwurf gefallen lassen, einen möglichen Attentäter als Sekretär eingestellt zu haben, ohne den Gerüchten (von denen er wusste) nachzugehen und nicht nachzuhaken, als diese Person ihm im Jahr 2003 vom Bommeleeër erzählen wollte. Noch schwerer aber wiegt der Vorwurf des Meineids: Vor der Untersuchungsrichterin hatte Bourg nämlich mit Nachdruck und ungefragt betont, dass er nie mit Steil über die Affäre und deren Zusammenhänge geredet habe. Was im krassen Gegenspruch zu seiner - wieder ungefragten - Aussage vor Gericht steht, dass Steil ihm erzählen wollte, wer der Bommeleeër sei.

Irrtum oder Lüge?

Und dann wäre noch Pierre Reuland. Der ehemalige Generaldirektor der Polizei machte zum Auftakt seiner letzten Zeugenaussage zwar einen versönlicheren und entspannteren Eindruck als noch im Sommer. Doch spätestens am Donnerstag hatten Gericht und Staatsanwaltschaft dem aktuellen Interpol-Berater nicht nur einen, sondern mindestens zwei mögliche Meineide unterstellt. Nicht nur, dass Pierre Reuland die Aussage von Guy Stebens von sich wies, er (Reuland) habe vom Rechtshilfeersuchen nach Brüssel bezüglich Ben Geiben gewusst. Er bestritt auch vehement, bis 2007 von der Geiben-Observation rund um das Attentat auf den Justizpalast gewusst zu haben.

Doch gibt es fünf Zeugen, die Reuland in die Nähe, wenn nicht sogar in den Mittelpunkt dieser Beschattung platzieren. Da wäre u.a. Srel-Mann Armand Kaudé, der Reuland beim Briefing vor der „Obs“ gesehen habe und später von Reuland angerufen worden sei, um die Beschattung wieder aufzunehmen. Da wären die Polizisten Georges Zenners und Alain Thill, die Reuland nach dem Abbruch der Beschattung angerufen hatten und von ihm den Befehl erhielten, die ganze Sache abzublasen. Und da wären die Geheimdienstmitarbeiter Even und Peschong, die von Reuland nachts in den Räumen der BMG bezüglich einer Wiederaufnahme der Observation gebrieft worden seien.

Laut Pierre Reuland „irren“ die Zeugen und haben sich die Geschichte zusammengebastelt, da sie sich schlecht erinnern und es so am plausibelsten klingt. Das Gericht ist anderer Meinung und spricht nicht von einem „Irrtum“ sondern von einer „Lüge“. Vor allem die Staatsanwaltschaft lässt keinen Zweifel dran, wem sie glaubt und wem nicht. Alles läuft also noch auf äußerst interessante Konfrontationen vor Gericht hinaus. Zunächst stehen aber noch die zwei Männer auf dem Programm, auf den viele Zeuge zuletzt die Verantwortung geschoben hatten: Ex-Sûreté-Chef Armand Schockweiler und die damalige Nummer 1, Aloyse Harpes.


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