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Bommeleeër: Puzzlespiel mit dem „Chef“
Lokales 4 Min. 10.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Puzzlespiel mit dem „Chef“

Die Anhörung von Colonel Harpes brachte nicht die erhoffte Aufklärung.

Bommeleeër: Puzzlespiel mit dem „Chef“

Die Anhörung von Colonel Harpes brachte nicht die erhoffte Aufklärung.
Foto: Anouk Antony
Lokales 4 Min. 10.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Puzzlespiel mit dem „Chef“

Mit Colonel Aloyse Harpes fügte sich am Dienstag ein weiterer hoher Gendarmerie-Offizier in die Reihe jener Entscheidungsträger ein, die, als es darauf ankam, ganz einfach keine Fragen stellten.

(str) - Mit Colonel Aloyse Harpes fügte sich am Dienstag ein weiterer hoher Gendarmerie-Offizier in die Reihe jener Entscheidungsträger ein, die, als es darauf ankam, ganz einfach keine Fragen stellten.

Dabei war es gerade er, der von seinen früheren Untergebenen auch noch heute ehrfurchtsvoll „der Chef“ genannt wird, von dem sich konkrete Antworten auf die zahllosen offenen Fragen des Bommeleeër-Dossiers erwartet wurden. Immer wieder hatten in den vergangenen Monaten Offiziere und Ermittler ausgesagt, alle Fäden seien stets bei Colonel Harpes zusammengelaufen, er habe immer das letzte Wort gehabt und nie Raum für Diskussionen gelassen. Doch wer Aufklärung erhoffte, blieb auch am 101. Verhandlungstag auf dem Trockenen.

Wieder ging es am Dienstag um die Geiben-Beschattung, ein Schlüsselelement mit dem – so scheint es zumindest – der gesamte Fall steht oder fällt. Denn wenn erst einmal geklärt ist, warum die Spur Geiben nach der Beschattung urplötzlich keine Spur mehr war, dann ergeben sich wohl auch die anderen Zusammenhänge, so zumindest die Hoffnung der Kriminalkammer.

Ex-Offizier unter Verdacht

Harpes, inzwischen 84 Jahre alt, betonte in der Verhandlung, im Vorfeld nichts von der Observierung des Ex-Offiziers Geiben gewusst zu haben und nicht an deren Planung beteiligt gewesen zu sein. Auch an das Rechtshilfeersuchen, das er offenbar selbst in Auftrag gegeben hatte, konnte er sich nicht mehr erinnern. Sûreté-Chef Armand Schockweiler habe die Spur Geiben Anfang Oktober 1985 ins Gespräch gebracht, erinnerte sich der Zeuge: „Er wollte etwas sagen, doch es war nicht an ihm, den Namen in den Mund zu nehmen“. Er selbst habe Geiben ebenfalls in Verdacht gehabt – wegen dessen Fähigkeiten und der ausgeklügelten Art und Weise, wie die Bommeleeër ihr perfides Spiel mit den Sicherheitskräften trieben. „Deshalb habe ich den Namen dann genannt“, erklärte Harpes. „Unternehmt etwas in dieser Richtung“, habe er Schockweiler gesagt.

Für Harpes ist heute eines sicher: Ben Geiben steht hinter der Attentatsserie. Beweise für diese Behauptung kann er nicht vorbringen. Deshalb stellte er auch gleich klar: Diese Überzeugung entstammt seinen eigenen Überlegungen zum Fall zusammen mit dem, was er bei der Untersuchungsrichterin erfahren habe. Dass Geiben nie überführt werden konnte, sei sicherlich darauf zurückzuführen, dass jemand von außerhalb der Gendarmerie seinen Einfluss geltend gemacht habe. Eine klare Antwort, wer das sein könnte, gab er nicht. Er deutete allerdings an, dass neben der Gendarmerie auch die Justiz die Ermittlungen gesteuert haben könnte.

Geiben und der „Deal“

Dann erzählte Harpes von einem „Deal“. Der Zeuge Kill habe ihm erzählt, dass der beigeordnete Staatsanwalt Jean-Marie Hary ihm „bäi engem Patt“ davon berichtet hätte, dass Ben Geiben aus der Gendarmerie„gegangen worden“ sei. Geiben sei wegen einer Pädophilie-Affäre in die Mühlen der Justiz geraten. Man habe ihm dann angeboten, von einer Anklage abzusehen, wenn er sowohl die Gendarmerie als auch das Land verlasse. „Dat war fir mech den Ausléiser, de Mobile“, unterstrich Harpes vor der Kriminalkammer. Die Attentatsserie sei demzufolge ein Rachefeldzug gewesen.

Von der Observierung Geibens am Wochenende des Anschlags auf den Justizpalast habe er erst am Montag danach erfahren. Schockweiler habe ihm davon berichtet, dass Geiben in Luxemburg gewesen sei. Er erinnere sich sogar noch an den Wortlaut, Geiben sei auf dem Weg nach Bastogne „gerannt ewéi eng Sau“.  Diese Aussage dürfte Schockweiler keine Freude bereiten, denn der hatte vor der Kriminalkammer ausgesagt, nichts von der Observierung gewusst zu haben.

Nein, er habe keine Fragen gestellt, betonte Harpes im Zeugenstand. „Fir mech war dat eng Observatioun, wéi iergendeng aner, déi kromm gelaf ass“, erklärte er. „An da schwätzt kee méi doriwwer. Dat hate mer all Joer e puer Mol.“ Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass Harpes zwar die Theorie einer Verschwörung einbringt, wenn es um die Nichtaufklärung der Attentatsserie geht, diese Möglichkeit aber im Zusammenhang mit der gescheiterten Geiben-Observierung aber nicht in Betracht zieht.

Ungestellte Fragen

Dass Harpes mit dieser Aussage sowohl bei der Staatsanwaltschaft wie auch bei der Kriminalkammer anecken würde, war klar. „Das glaube ich einfach nicht“, ärgerte sich der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald. Es gebe nur eine einzige Frage, die in dieser Situation Sinn gemacht habe: Wo war Ben Geiben, als die Bombe im Justizpalast explodierte? Doch Harpes winkte ab. Er habe Schockweilers mündlichen Bericht entgegengenommen und keine weiteren Fragen gestellt. „Fir mech war dat eng Affär, déi schlecht gelaf ass. Un point, c'est tout“, bekräftigte Harpes. Die Vorsitzende Richterin brachte dies zu einer altbekannten Schlussfolgerung: Wenn man eine Frage nicht stellt, dann kann es sein, dass man die Antwort bereits kennt. „Absolut nicht!“, erwiderte Harpes mit ungewohnt fester Stimme.

Wenn man vom Kaudé-Bericht zur dubiosen Rolle von Jos Steil gewusst hätte, dann wären die Ermittlungen damals nicht ins Leere gelaufen, betonte der Colonel. „Wa mer dat alles gewosst hätten, wat do iwwert de Steil dra stoung, da wiere mer haut net hei“, so Harpes. Der Bericht lasse keine andere Schlussfolgerung zu, als dass Steil an der Attentatsserie beteiligt gewesen sei. In diesem Punkt lag Harpes auf einer Linie mit der Verteidigung.

„De Binôme Geiben – Steil steet“, unterstrich Me Gaston Vogel mit lauter Stimme und erhobenem Zeigefinder. „Dat ass kapital“. Geiben sei wahrscheinlich ein „Exécutant“ des Stay-Behind-Netzwerks, von der Nato rekrutiert und von der CIA ausgebildet.

Am Mittwoch wird die Anhörung von Aloyse Harpes fortgesetzt.


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