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Bommeleeër-Prozess: Pierre Reuland bringt Stay Behind ins Spiel
Lokales 5 Min. 08.10.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër-Prozess: Pierre Reuland bringt Stay Behind ins Spiel

Vor Gericht erlebten die Anwesenden einen gelöst auftretenden Pierre Reuland.

Bommeleeër-Prozess: Pierre Reuland bringt Stay Behind ins Spiel

Vor Gericht erlebten die Anwesenden einen gelöst auftretenden Pierre Reuland.
Foto: Anouk Antony
Lokales 5 Min. 08.10.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër-Prozess: Pierre Reuland bringt Stay Behind ins Spiel

In einer spektakulären Kehrtwende hat der ehemalige Generaldirektor der Polizei sein Schweigen gebrochen und eine mögliche „militärische Spur“ mit den Attentaten in Verbindung gebracht.

(ham) - In einer spektakulären Kehrtwende hat der ehemalige Polizeigeneraldirektor sein Schweigen gebrochen und eine mögliche „militärische Spur“ mit den Attentaten in Verbindung gebracht.

Eigentlich sollten heute die angekündigten „Corps de conclusions“ der Verteidigung und die Ausführungen der Ermittler zu den Verhören mit den zwei Angeklagten im Mittelpunkt stehen. Gen Ende der Verhandlung betrat der ehemalige Polizeigeneraldirektor Pierre Reuland aber wieder den Saal. Er hatte den Nachmittag genutzt, um sich im Gerichtsgebäude nochmals die Tonbänder seiner Aussage von Juli anzuhören.

Nach etwas mehr als zwei Stunden meldete sich der Zeuge wieder vor Gericht, um seine Aussagen um kleine Details zu ergänzen. Und die hatten es in sich.

Die „Note Welter“

Er sei jetzt einverstanden, seine Unterschrift unter das Aussageprotokoll zu setzen, begann Pierre Reuland seine Ausführung. Er wolle aber noch einige Erklärungen zur „Note Welter“ abgeben.

Das Gespräch mit Substitut Robert Welter habe tatsächlich stattgefunden. Dieser hatte dem Gericht im Juli nämlich von einer ganz befremdlichen Diskussion mit Reuland vor Jahren am Rande einer Sicherheitskommission berichtet. Reuland hatte diese Unterredung anfänglich bestritten, um sie dann doch noch in den „Rahmen des Möglichen“ zu rücken.

Bei dieser Unterredung hatte Reuland den Substituten, der damals noch nicht mit der Bommeleeër-Affäre befasst war, nach dem Stand der Ermittlungen gefragt. Laut Welter sagte Reuland dann, dass die Ermittlungen sowieso nur bis zu einem gewissen Punkt gelangen, „und dann sei Schluss“. Interessant sei auch die Behauptung Reulands gewesen, man sei nah an den Tätern dran gewesen.

„Nahe an den Tätern dran“

Und zu genau diesen zwei Aussagen wollte Reuland am Montagnachmittag im Protokoll etwas hinzufügen. Die Äußerung, man sei „nahe an den Tätern dran“ gewesen, sei aus Überlegungen und Schlussfolgerungen entstanden, die er sich persönlich gemacht habe. Außerdem gründe sie auf den Erfahrungen, die er im direkten beruflichen Zusammenhang mit den Attentaten machen konnte.

Und dies sei bei zwei Gelegenheiten der Fall gewesen: bei den Geldübergaben in Clerf und am hauptstädtischen Theaterplatz, wo er der als BMG-Chef für die Verhaftung der Täter verantwortlich gewesen sei.

 Zu diesem Zeitpunkt, also bei den Geldübergaben im Jahr 1985, habe man eben das Gefühl gehabt, nahe an den Tätern dran zu sein, erklärte Reuland formell. „Ich habe alles daran gesetzt, die Täter zu fassen. Und ich habe auch daran geglaubt, dass es klappen kann, vor allem bei der Geldübergabe am Theaterplatz“, fügte der seit dem 1. Oktober pensionierte Offizier hinzu.

„Dass ich nicht an eine Spur ,Brigade mobile' glaube, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu wiederholen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass meine Leute zwei Jahre lang nachts Attentate verübt und tagsüber ihren Dienst verrichtet haben, ohne dass jemand etwas davon gemerkt hat“, fuhr Pierre Reuland fort.

Stay Behind?

Für ihn sei 1985 bereits eine „militaristische Piste“ bei den Attentaten erkennbar gewesen. „Eine Hypothese, die man in Zeiten des kalten Kriegs ernst nehmen musste“, so Reuland. Und eine Hypothese, die Reuland in einem Bericht seiner Hierarchie neben fünf anderen Spuren 1986 tatsächlich auch mitgeteilt hatte. Weshalb dieser Spur aber nie nachgegangen wurde, wisse er nicht, antwortete Reuland auf eine entsprechende Frage der Verteidigung.

„In dieser Optik waren die Geheimdienstorganisation ganz sicher in der Lage, sich (das für die Attentate nötige) Insiderwissen anzueignen“, so Pierre Reuland. Sie hätten die nötigen Kompetenzen und Ressourcen gehabt, die Attentate durchzuführen. „Vor allem aber hatten sie die Ressourcen, dies 30 Jahre lang zu verheimlichen“, fügte der ehemalige Polizeidirektor zur Verblüffung der Prozessbeobachter hinzu.

Seine 30-jährige Erfahrung im Polizeibereich hätten ihn zu folgenden Schlussfolgerungen gebracht: „Erstens war mit absoluter Sicherheit eine hoch gestellte Persönlichkeit - ob hier im Land oder im Ausland - für die Planung der Attentate und deren Umsetzung zuständig“, so Reuland, der aber den Großherzog und sich selbst „als kleinen Leutnant“ davon ausschloss.

Und zweitens: „Falls ein Luxemburger Ermittler bei einer dieser Geheimdienstorganisationen vorstellig geworden wäre und nach den Archiven von 1985 gefragt hätte, dann kann man sicher sein, dass dann Schluss gewesen sei“, betonte Reuland. Deshalb auch seine Aussage, man wäre bis zu einem gewissen Punkt/Niveau gekommen und dann sei Schluss.

Nüchtern und verständlich

Nun hatte der Zeuge nach seiner befremdlichen Aussage im Juli mehr als drei Monate Zeit, sich diese Erklärungen zurecht zu liegen. Ein Umstand, den auch das Gericht und die Staatsanwaltschaft ansprachen.

Weshalb er diese Erklärungen denn nicht bereits im Juli abgegeben habe, wollte die Richterin von Reuland wissen. Dieser verwies auf den enormen Druck, dem er sich zu diesem Zeitpunkt ausgesetzt sah. Es sei für ihn bereits der dritte Verhandlungstag gewesen und er sei nicht mehr in der Lage gewesen, diese Erklärungen auf eine nüchterne, verständliche Art abzulegen.

„Ich habe zu diesem Zeitpunkt alles gesagt, was ich auszusagen hatte“, erklärte Pierre Reuland nach der Sitzung gegenüber wort.lu. Der pensionierte Offizier wolle im Interview nicht weiter auf seine Aussagen eingehen. „Ich bleibe bei meiner Linie und teile meine Aussagen nur dem Gericht mit. Das war heute der Fall und ich werde das auch das nächste Mal machen, wenn ich vorgeladen werde“, so Reuland weiter. Er habe dem Gericht alles mitgeteilt, was er zu sagen hätte. Mehr wolle er „im Moment“ nicht sagen.

Ob das bedeute, dass er mehr wisse, wollte ein Kollege von RTL von Reuland wissen. „Ich werde dem Gericht das mitteilen, was ich zu sagen habe“, antwortete Pierre Reuland nach sekundenlangem Schweigen. 


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