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Bommeleeër: Nettgen widerspricht Steffen
Lokales 6 Min. 06.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Nettgen widerspricht Steffen

Romain Nettgen hat keine Erklärung für die Amnesie der Ex-Gendarmerie-Offiziere.

Bommeleeër: Nettgen widerspricht Steffen

Romain Nettgen hat keine Erklärung für die Amnesie der Ex-Gendarmerie-Offiziere.
Foto: Serge Waldbillig
Lokales 6 Min. 06.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Nettgen widerspricht Steffen

Unisono widersprachen am Donnerstagnachmittag der Polizeichef Romain Nettgen und der Kriminalpolizist Fernand Ruppert den Aussagen von André Steffen von vergangener Woche.

(str) - Unisono widersprachen am Donnerstagnachmittag der Polizeichef Romain Nettgen und der Kriminalpolizist Fernand Ruppert den Aussagen von André Steffen von vergangener Woche.

Steffen hatte ausgesagt, dass er einmal ein Gespräch zwischen Ruppert und Nettgen angehört habe. Ruppert habe Nettgen im Hof der Gendarmerie-Kaserne folgendes zugerufen: „Elo hu mer de Bommeleeër. Mir hunn en Abschidsbréif. Doran huet en Aveu gemaach.“ Später erst, so Steffen, habe er diese Worte in Verbindung mit dem Selbstmord des Polizei-Waffenmeisters Henri Flammang gebracht.

Genau acht Minuten lang wurde Polizeichef Romain Nettgen am Donnerstag in diesem Zusammenhang angehört. Er wisse von den Abschiedsbriefen. Seiner Kenntnis nach habe es aber keinen Hinweis auf eine Verbindung zur Bommeleeër-Affäre gegeben.

Die vorsitzende Richterin wollte aber auch von Nettgen wissen, ob er sich erklären könne, warum sich die Ex-Gendarmerie-Offiziere vor Gericht derart verdächtig benehmen würden, dass der Eindruck entstehe, sie würden wichtige Informationen unterschlagen.

„Ech ka net soen, u wat sech deen een oder aneren nach erënnere kann“, meinte Nettgen zunächst. Er könne sich beispielsweise noch erinnern, welchen Pullover er 1985 an dem Tag trug, als der Polizist Conrardy erschossen wurde. Er wisse aber beispielsweise nicht mehr in welcher Reihenfolge die Mitglieder der Waldbilliger Bande an diesem Abend verhaftet wurden. „Ech stelle mer och Froen“, meinte Nettgen. „Mä Erklärungen hunn ech net dozou. Deen een huet sech vläit méi dra geknéit, wéi deen aneren.“

Zuvor hatte bereits der Kriminalpolizist Fernand Ruppert den Aussagen von André Steffen widersprochen. Er könne sich nicht daran erinnern, derartiges gesagt zu haben. „Dat géing jo och kee Sënn maachen“, betonte er, „well ech kenne kee Bréif, wou sou eppes dra stoung.“

Flammang und „Stay Behind“?

Pierre Kohnen, der als dritter Zeuge am Donnerstag angehört wurde, war nach Flammangs Tod für die Entsorgung der Waffensammlung verantwortlich. „Souwäit ech mech erënneren, ass während der ganzer Enquête Flammang net ee Moment geduecht ginn, mir sinn op der Piste Bommeleeër.“ Vielmehr sei der Verdacht aufgekommen, Flammang könne Agent im „Stay Behind“-Netzwerk gewesen sein. Ein Hinweis hierfür seien Hüllen zur Einmottung von Armeepistolen gewesen. Diese Hüllen verhindern die Korrosion von im Boden vergrabenen Waffen.

Der damalige Armeechef Colonel Gretsch habe ihm erklärt, „Stay Behind“ gehöre zum Kompetenzbereich der Armee. Bei einem Treffen habe Gretsch ihm dann erklärt, dass „Stay Behind“ in Luxemburg ein reines Kommunikationsnetz gewesen sei. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern habe es keine militärische Sparte gegeben, dies weil man im Falle einer Invasion Repressalien gegen die Bevölkerung befürchtet habe.

Die Liste aus dem Panzerschrank

Dann habe Gretsch seinen Panzerschrank geöffnet und eine Liste aller „Stay Behind“-Agenten hervorgeholt. Dabei habe es sich etwa um Pfarrer, Lehrer und Bauern gehandelt.

Polizisten und Gendarmen seien laut Gretsch nicht infrage gekommen, „well et kloer war, datt dat déi éischt wieren, déi de Kapp rofgeschnidde kriten, wa mer iwwerlaf gi wieren.“ Deshalb habe man Leute ausgesucht, die auf den ersten Blick nicht suspekt erschienen. Damit sei der Flammang-Verdacht für ihn erledigt gewesen, sagte Kohnen.

Er sei stolz Polizist und Offizier zu sein. Er habe mit Bedauern die Berichterstattung zum Prozess verfolgt und könne sich auch nur über die allgemeine Amnesie wundern. „Fir mech ass Feigheet de Grond dofir“, betonte er.

Dann sagte er, eine Tageszeitung habe geschrieben, er, Kohnen, habe am Montag zu einem „frustrierten Rundumschlag“ ausgeholt. Das sei falsch. „Ech hu probéiert alles ze soen, wat ech ze soen hat“, erklärte er. Für ihn sei immer klar gewesen, dass durch die „Sabotage der Ermittlungen“ wichtige Personen geschützt werden sollten. Wer, das wisse er nicht.

2004 und 2008 nichts gesagt

Spannend wurde es, als der beigeordnete Staatsanwalt Oswald von Kohnen wissen wollte, ob er seine Aussagen von Montag zum Anschlag auf den Justizpalast aufrecht erhalte. Er hatte ausgesagt, Ermittler Raymond Wagner habe gemeinsam mit dem BKA Überlegungen zu möglichen Attentatszielen angestrengt. Dabei hätten die BKA-Experten den Anschlag genauso vorausgesagt, wie er schließlich stattfand. Es sei eine Überwachung durch den Srel vorgesehen gewesen, diese habe es aber nicht gegeben.

Kohnen sagte, er bliebe bei seinen Aussagen. „A kenger vun Ären Unhéirungen 2004 an 2008 hutt Dir dat erwähnt“, maßregelte Oswald Kohnen. „Dat hätt awer erlaabt ganz aner Devoirs d'enquête auszeféieren!“ Zum Teil sei ihm das erst am Montag eingefallen, rechtfertigte sich Kohnen. Er sei aber auch nie danach gefragt worden: „Wann do eng Vernehmung gemaach gi wier, wéi e propperen Enquêteur dat mécht, dann hätt ech dat och deemools scho gesot“.

Wehrsportgruppe „Aktueller Freizeitclub“

Gleich zu Beginn des 127. Verhandlungstags legte die Verteidigung zwei Anträge vor. Beim ersten „Corps de conclusion“ geht es um eine Wehrsportgruppe, zu der laut Verteidigung, nicht ausführlich genug ermittelt worden sei. Me Vogel forderte, dass dies nun geschehen solle. Zudem bat er um Einsicht in den Bericht den die Sûreté in diesem Zusammenhang an den Geheimdienst richtete und in den Bericht zu den strafrechtlichen Ermittlungen, die die Sûreté geführt habe. Zudem wollte Vogel wissen, welches Nachspiel der SREL den Informationen gegeben habe.

Ermittler Joël Scheuer widersprach Vogel und erklärte, dass diese Spur sehr wohl ermittelt worden sei. Die Gruppe mit dem abstrusen Namen „Aktueller Freizeitclub Lëtzebuerg“ sei bereits früh ins Visier der Ermittler geraten, nachdem ein Polizist im September 1985 berichtet hatte, die Täterbeschreibung vom Kasematten-Anschlag könne zu den Mitgliedern einer Wehrsportgruppe passen. Der Begriff „Wehrsportgruppe“ wurde anschließend einfach übernommen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine paramilitärische Kampfgruppe gehandelt hat, ist fraglich.

Ermittler Scheuer erklärte die Untersuchungen in diese Richtung sowie eine Telefonüberwachung der Verdächtigen seien ins Leere gelaufen.Die Verdächtigen habe man nicht mit den Attentaten in Verbindung bringen können. Der Srel führte die vierköpfige Gruppe übrigens als „US Army Club Luxembourg“.

Der Bericht des Gipfeltreffens

Auch Me Lorang reichte am Donnerstag einen Antrag ein. Dabei ging es um den Bericht der Sicherheitskräfte zum Gipfeltreffen in Kirchberg. Lorang forderte, dass per Hausdurchsuchung nach dem Dokument gesucht werden solle. Ermittler Scheuer erklärte, dass dies bereits geschehen sei, man habe Hausdurchsuchungen in den Staatsarchiven, bei der Polizei und bei der Spezialeinheit USP durchgeführt, den Bericht allerdings nicht gefunden. Me Lorang betonte, dass die Zurückhaltung von Charles Bourg, als es um die Weiterleitung des Bericht ging, einen bleibenden Eindruck hinterlassen habe.

Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald berichtete indes, dass sich ein Zeuge gemeldet habe, der von Paul Haan und Jean-Marie Hary im Rahmen einer Untersuchung wegen unlauterem Wettbewerbs im Zusammenhang mit Ben Geiben und der Firma „Monitor“ befragt wurde. Demnach scheine es, als habe Ermittler Haan doch intensiver auf der Spur Geiben gearbeitet, als er vor der Kriminalkammer aussagte.


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