Bommeleeër: „Neger“ im Schrank

Srel-Agenten Kuffer, Wagener und Schiltz geben Einblick in die Stay-Behind-Kulissen

Die „Plan“-Führung zur Zeit der Anschläge: Jean Kuffer...
Die „Plan“-Führung zur Zeit der Anschläge: Jean Kuffer...
Foto: Serge Waldbillig

(str) - Im Zusammenhang mit dem Bommeleeër-Dossier wurden vom Srel keine Abhörmaßnahmen ergriffen, sagten gestern die Geheimdiensttechniker Jean Kuffer und Guy Wagener im Zeugenstand aus.

„Sweepen“ nennt man es in Geheimdienstkreisen, wenn nach Wanzen und anderen Abhöreinrichtungen gesucht wird. „Ge-sweeped“ hat der Srel das Gendarmerie-Kommando nachdem offenkundig vertrauliche Informationen zu den Anschlägen nach draußen gelangt waren. Gefunden wurde allerdings nichts.

Es seien aber haarsträubende Sicherheitslücken aufgedeckt worden, erinnerte sich gestern Srel-Techniker Jean Kuffer. In einem Konferenzraum habe es etwa ein drahtloses Telefon gegeben. „In einem Konferenzraum darf es nie ein Telefon geben“, erklärte Kuffer. „Da ist ein Mikrofon drin. Mit einfachsten Manipulationen kann man mithören.“ Ein „No Go“ seien auch die toten Leitungen in Harpes' Büro gewesen.

Neger“ vom Verfassungsschutz

Eine Telefonüberwachung sei ebenfalls keine schwierige Angelegenheit gewesen. Bloß an die Abhörvorrichtungen zu kommen, sei nicht so einfach gewesen. Die schwarzen Kästen, mit denen Telefongespräche von der Post zur Srel-Zentrale umgeleitet wurden, mussten über den deutschen Verfassungsschutz beschafft werden. „Neger“ hätten die Deutschen die Vorrichtung genannt, sagte Kuffer, der sich vergeblich bemühte das Wort zu vermeiden. Die Srel-Direktion habe keinen Zugang zu dem Schrank mit den „Negern“ gehabt.

Die Geräte habe man bei Bedarf allerdings an die Gendarmerie ausgeliehen. Über die Gründe, warum die Gendarmen die Lauschvorrichtung brauchten, sei nie geredet worden. Bei der Postdirektion habe man aber bei jedem Einsatz eine richterliche Genehmigung vorlegen müssen. Wanzen habe der Srel während seiner Dienstzeit nicht eingesetzt, so Kuffer.

Saboteure erst im Kriegsfall ausbilden

Nein, es habe keine Mission „Action“ des Luxemburger Stay Behind gegeben, unterstrichen die Agentenführer Kuffer und Wagener sowie ihr späterer Chef Schiltz. Dies habe man erst nach Kriegsausbruch in Erwägung gezogen. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass die Sabotage erst vorbereitet wird, wenn es längst zu spät ist?“, ärgerte sich Verteidiger Me Vogel lautstark.

Kuffer sagte gestern zudem, er könne sich nicht vorstellen, dass „Action“-Gruppen aus anderen Ländern in Luxemburg aktiv gewesen seien. „Wer hätte die denn in Empfang genommen?“, meinte er. Theoretisch sei es wegen der recht offenen Grenzen zwar möglich, aber er wisse davon mit Sicherheit nichts.

250-stündige Ausbildung

Sein Kollege Guy Wagener führte bis 1990 drei „Plan“-Agenten – alles neue Rekruten. Die Ausbildung eines Agenten habe 250 Stunden in Anspruch genommen, sagte er gestern. Der Auftrag sei klar definiert gewesen: Informationen aus dem besetzten Land an eine Exil-Regierung weitergeben.

Der „Chef de branche“ des „Plan“, Pierre Schiltz, sagte gestern, er selbst habe die Stay-Behind-Agenten nicht gekannt und bei Übungen höchstens mal eine Taschenlampe gehalten. Eingewiesen wurde er übrigens von Kuffer und Wagener.

Observierung einer Wiese

Jean Kuffer erzählte im Zeugenstand auch von einer einmaligen Überwachung im Zusammenhang mit den Anschlägen. Entgegen dem, was bislang angenommen wurde, sei allerdings nicht das Gebäude des Staatsrates observiert worden, sondern die Wiese hinter dem Justizpalast. Die Bommeleeër-Ermittler sollen nun zusammen mit Kuffer klären, von wo aus was observiert wurde.

Offen blieb die Frage, warum der Srel nichts im Zusammenhang mit den Attentaten unternommen hat. „Ich weiß es nicht“, erklärte Pierre Schiltz kleinlaut.

Heute wird der Prozess mit der Anhörung von Gilbert Leurs fortgesetzt. Leurs hatte von einem Lauschangriff des Geheimdiensts auf Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes berichtet – ein Sach verhalt, der von allen bislang angehörten Srel-Mitarbeitern unisono bestritten wird. Vorgeladen ist ebenfalls Ex-Srel-Agent Frank Schneider.

  • Von der Politik im Stich gelassen

Auch nach mehr als 20 Jahren sitzt die Enttäuschung der Srel-Agenten noch immer sehr tief: Nachdem die Existenz eines Luxemburger Stay-Behind-Netzwerks bekannt wurde, hätten Politiker aller Couleur, allen voran der damalige Premierminister Jacques Santer, so getan, als hätten sie nie etwas von „Plan“ gewusst. Dabei habe Santer die Genehmigungen für die Stay-Behind-Übungen und die Anschaffung der Harpoon-Funkgeräte selbst unterzeichnet. Und auch andere Spitzenpolitiker hätten bestens Bescheid gewusst. „Ich bin mir vorgekommen wie ein Trottel“, meinte Guy Wagener im Zeugenstand. „Wir standen auf einmal da, als ob wir etwas illegales gemacht hätten“. Pierre Schiltz erklärte: „Ich war zunächst überrascht, dann zutiefst enttäuscht“.