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Bommeleeër: „Leet äre Kapp a Rou“
Lokales 5 Min. 12.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Leet äre Kapp a Rou“

Alexis Kremer offenbarte am Mittwoch ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen.

Bommeleeër: „Leet äre Kapp a Rou“

Alexis Kremer offenbarte am Mittwoch ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 5 Min. 12.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Leet äre Kapp a Rou“

Woher wusste Colonel Harpes, dass die Anschlagserie vorbei sei und keine weiteren Anschläge folgen würden? Wann hat er den Cegedel-Verantwortlichen diese beruhigende Nachricht überbracht? Das sind zwei wichtige Fragen, die nach dem 130. Verhandlungstag nach einer Antwort streben.

(str) - Woher wusste Colonel Harpes, dass die Anschlagserie vorbei sei und keine weiteren Anschläge folgen würden? Wann hat er den Cegedel-Verantwortlichen diese beruhigende Nachricht überbracht? Das sind zwei wichtige Fragen, die nach dem 130. Verhandlungstag nach einer Antwort streben.

Man sieht Alexis Kremer sein stolzes Alter von 84 Jahren an. Doch vor Gericht bewies er nicht nur einen tiefschwarzen Humor, sondern offenbarte auch einen wachen Geist und ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen.

Im Detail erinnerte sich Kremer am Mittwoch im Zeugenstand an die Geschehnisse Mitte der 1980er Jahre. Er war damals zunächst beigeordneter Direktor des Stromzulieferers Cegedel, dann Direktor der Verwaltung und Personalchef.

So erzählte Alexis Kremer, dass die Sprengung des Hochspannungsmasts am Stafelter fast unbemerkt blieb („Se haten sech schlecht ugeluecht an déi falsch Féiss gesprengt“) und der Erpresserbrief beinahe ohne weitere Aufmerksamkeit zu erregen, zu den anderen anonymen Schreiben gelegt wurde, die die Cegedel wohl zu diesem Zeitpunkt von unzufriedenen Kunden erhielt.

Zudem seien die Ermittler nicht gerade diskret gewesen. „Ech weess dat schonn, et huet ee vun der Sûreté menger Fra et gezielt“, habe etwa ein Kollege gesagt. Vor versammelter Presse habe ein Sûreté-Mitarbeiter einen Kollegen außerdem gefragt, „hues du de Bréif derbäi?“. Bei den Journalisten sei der Groschen allerdings nicht gefallen.

Mir loossen eis net erpressen!“

Für die Cegedel sei klar gewesen, dass man sich nicht erpressen lasse. Die Gendarmerie sei nicht ganz glücklich mit dieser Entscheidung gewesen, allerdings habe die Cegedel zunächst von den Ministern Schlechter und Santer Rückendeckung bekommen. Dann aber hätten sich aber die Minister Fischbach und Krieps durchgesetzt und so hätten die vier Minister der Cegedel geraten, auf die Erpressung einzugehen. Die Cegedel sollte bezahlen.

„Mir hunn do gesot, nee, dat maache mir net!“, erzählte Kremer. Die Minister hätten dann entschieden, dass der Staat das Geld stelle, die Cegedel solle es aber vorstrecken. Keine Luxemburger Bank habe damals die geforderten 250 000 Euro aufbringen können. Die Sparkasse sei schließlich in Brüssel fündig geworden. Mit einer derart hohen Geldsumme im Geldschrank im Keller des Cegedel-Gebäudes sei man dann aber doch sehr verunsichert gewesen und man habe die Entführung von Cegedel-Mitarbeitern befürchtet.

So reihte Kremer gestern Anekdote an Anekdote. In einer spielte auch Colonel Charles Bourg eine Schlüsselrolle. Beim Anschlag in Heisdorf habe der Gendarmerie-Offizier die Cegedel-Verantwortlichen nicht zum gesprengten Mast vorgelassen, allerdings „eng ganz Prozessioun vu Leit vu Bireldéng rop“ am Mast vorbeigeführt. Bourg habe immer wieder vom „Sommet“ geredet, bis man ihm klar gemacht habe, dass es vielleicht keinen „Sommet“ gebe, wenn die Cegedel sich nicht um den Schaden kümmern dürfe.

Spannend wurde es gestern als Me Vogel Kremer zu einem Treffen mit Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes befragte. „Hien huet eis eng Kéier gesot, leet äre Kapp a Rou, well et kënnt näischt méi“, bestätigte Kremer auf Nachfrage hin. „Mir hunn awer näischt drop ginn an eis Surveillance weider lafe gelooss“.

Präzise zeitlich einordnen konnte Kremer das Gespräch gestern nicht. Es müsse aber wohl kurz nach dem Anschlag auf das Haus von Colonel Wagner gewesen sein. Danach sei es tatsächlich zu keinen weiteren Attentaten gekommen, aber das habe man natürlich erst im Nachhinein feststellen können.

Prophezeiung im „Grimperau“

Das Gespräch mit Colonel Harpes habe auf Einladung der Cegedel im Restaurant „Le Grimperau“ in Cents stattgefunden. Mit am Tisch saß neben Harpes und Kremer auch der damalige „Administrateur délégué“ der Cegedel Alfred Giuliani. „Mir hunn eis geduecht, hien kéint eis eppes zielen“, betonte Kremer. Was dabei herausgekommen sei? „Et huet eis gutt geschmaacht!“, meinte Kremer mit einem verschmitzten Lächeln.

Auch wenn die Cegedel die Aussage von Harpes damals nicht für bare Münze nahm, so wirft die fast hellseherische Ankündigung des Colonels aus heutiger Sicht eine alles entscheidende Frage auf: Woher konnte Harpes wissen, dass es keine weiteren Anschläge mehr geben würde? Der Zeitpunkt des Gesprächs mache den Unterschied, stellte die vorsitzende Richterin fest. „Wann den Här Harpes Iech dat e puer Joer dono gezielt huet, dann huet dat eng aner Bedeitung“, betonte sie. Abhilfe soll nun ein Blick in die Buchführung der Cegedel und eine Gegenüberstellung von Harpes und Kremer geben – und das bestenfalls bereits kommende Woche.

Wo ist Pierre Kohnen?

Er hatte zunächst einen selbstsicheren Auftritt im Bommeleeër-Prozess, doch nun ist er für die Kriminalkammer nicht mehr zu erreichen. Pierre Kohnen (rechts) hatte vergangene Woche ausgesagt, er habe vom damaligen Armeechef Colonel Michel Gretsch (links) erfahren, dass die Armee für den Luxemburger Ableger des Nato-Geheimnetzwerks „Stay Behind“ verantwortlich gewesen sei. Zudem habe Gretsch ihm eine Liste aller „Stay-Behind“-Agenten gezeigt. Colonel Gretsch bestritt das einen Tag später gegenüber dem „Luxemburger Wort“ formell. „Stay Behind“ sei Sache des Geheimdiensts gewesen. Einen Safe habe er zudem nicht im Büro gehabt und sicher auch keine „Stay-Behind“-Liste.

Ermittler Joël Scheuer erklärte der vorsitzenden Richterin gestern, dass man seit vergangenem Wochenende alles versucht habe, um Kohnen zu erreichen. Eines seiner beiden Mobiltelefone sei ausgeschaltet, auf dem zweiten gehe niemand ran. Die Kriminalpolizei habe ihm zudem eine Kurzmitteilung geschickt, in der um Rückruf gebeten wurde, doch die SMS sei bislang ohne Antwort geblieben. Inzwischen habe man auch Kontakt zu Kohnens Sohn aufgenommen. Der habe gemeint, sein Vater sei in Deutschland. Wie Ermittler Scheuer weiter ausführte, habe Kohnens Ehefrau, die ebenfalls kontaktiert wurde, gesagt, sie wisse, dass ihr Mann unterwegs sei, sie wisse aber weder, wo er sei noch, wann er zurückkomme. Informationen des „Luxemburger Wort“ zufolge ist Kohnen seit Dienstag offiziell im Ruhestand.

Die vorsitzende Richterin Sylvie Conter entschied, dass für die Sitzung am kommenden Montag eine gerichtliche Vorladung für Pierre Kohnen – zwecks Gegenüberstellung mit Michel Gretsch – ausgestellt werde. Wenn er dieser nicht nachkomme, gehe das dann seinen geregelten Weg.


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