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Bommeleeër: Kronzeuge oder Hochstapler?
Lokales 5 Min. 10.04.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Kronzeuge oder Hochstapler?

Die Aussagen des deutschen Historikers Andreas Kramer waren brisant.

Bommeleeër: Kronzeuge oder Hochstapler?

Die Aussagen des deutschen Historikers Andreas Kramer waren brisant.
Foto: Anouk Antony
Lokales 5 Min. 10.04.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Kronzeuge oder Hochstapler?

Am 18. Verhandlungstag im Bommeleeër-Prozess stand der deutsche Historiker Andreas Kramer im Rampenlicht. Verantwortlich für die Attentate in Luxemburg sei sein Vater gewesen, ein Soldat und Agent des Bundesnachrichtendienstes.

(ham) - Am 18. Verhandlungstag im Bommeleeër-Prozess stand der deutsche Historiker Andreas Kramer im Rampenlicht. Verantwortlich für die Attentate in Luxemburg sei sein Vater gewesen, ein Soldat und Agent des Bundesnachrichtendienstes. Er habe die Bombenanschläge im Rahmen von Stay Behind koordiniert. Die eigentliche Enthüllung des Tages machte aber Me Gaston Vogel: Er legte Dokumente vor, die beweisen, dass Ehrenstaatsminister Jacques Santer von Stay-Behind-Übungen wusste.

Am Rande von Kramers Zeugenaussage reichte Me Vogel die Dokumente ein, die aus der Feder des damaligen Geheimdienstchefs Charles Hoffmann stammen sollen. Dieser hatte bei Jacques Santer eine Genehmigung angefragt, an Stay-Behind-Übungen mit ausländischen Gruppen, darunter auch aus Deutschland, teilnehmen zu können.

Dies zeige, dass Ehrenstaatsminister Jacques Santer als ehemaliger Verantwortlicher des Srel von den Übungen und Manövern im Rahmen vom Stay-Behind-Netzwerk Bescheid wusste. Santer habe dies stets bestritten, so Vogel.

„Stay Behind ist verantwortlich“

Im Mittelpunkt aber stand der deutsche Historiker Andreas Kramer. Der Zeuge hatte Anfang März eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, wonach die Luxemburger Stay-Behind-Gruppe für sämtliche Einbrüche und Sprengstoffdiebstähle während der Jahre 1984 und 1985 verantwortlich gewesen sei.

Sein Vater habe als Agent des Bundesnachrichtendienstes die Intervention verschiedener ausländischer Gruppen mit den Luxemburgern koordiniert und Hoffmann sei zuständig für die Auswahl der Zielorte und den Einsatz vor Ort gewesen.

Auch das Verschwinden der Beweise im Dossier Bommeleeër gehe auf das Konto von Stay Behind: Dies sei in mehreren Etappen vom deutschen BND-Agenten zusammen mit Hoffmann organisiert worden, hieß es in der eidesstattlichen Erklärung weiter.

Vater schrieb Erpresserbriefe

Aussagen, die Andreas Kramer am Dienstag vor Gericht zum Teil bestätigte, zum Teil revidierte. Sein Vater sei Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in der Abteilung 4 in München-Pullach gewesen. Er sei Verantwortlicher des Stay-Behind-Netzwerks in Deutschland gewesen. Seine Mission: eine Agentengruppe zu koordinieren, die mit verschiedenen weiteren Geheimdiensten der Nato zusammenarbeitete.

Er wisse von seinem Vater, dass dieser persönlich in die Attentate verstrickt war, so Kramer. Er hätte die Sprengstoffanschläge in Luxemburg selbst vorbereitet und mindestens drei Erpresserbriefe selbst verfasst. Dies habe ihm sein Vater fast zeitnah zu den Attentaten Mitte der achtziger Jahre erzählt.

Nur die Angst vor seinem Vater habe ihn davon abgehalten, dieses Wissen noch vor dessen Tod im Jahr 2012 weiterzugeben. Sein Vater, der 1980 auch an den Attentaten auf einen Bahnhof in Bologna sowie auf das Oktoberfest in München beteiligt gewesen sein soll, hätte nämlich nicht davor zurückgeschreckt, seine eigene Familie umzubringen.

„Er hat mir mit dem Tode gedroht, falls ich auspacke“, so Kramer. Sein Vater sei ein Mörder gewesen und habe den Tod unschuldiger Menschen bewusst in Kauf genommen.

Was nun die Beteiligung seines Vaters an den Attentaten in Luxemburg angeht, so erklärte Kramer, dass dieser auf Befehl eines alliierten Oberkommandos gehandelt und die Attentate mit einem Team von 40 Leuten ausgeführt habe. In dem Team seien auch 16 Luxemburger vertreten gewesen: zehn Personen, die Kramer senior selbst ausgesucht habe und sechs Agenten des Luxemburger Stay Behind.

„Nützliche Idioten“

„Nützliche Idioten“, habe Kramer senior die Agenten genannt. Namen habe ihm der Vater aber nicht verraten. Bis auf einen: Ben Geiben. Und: „Mein Vater erwähnte auch, dass Marc Scheer und Joseph Wilmes unschuldig sind“, so Kramer weiter.

Nach den Attentaten in München und Bologna habe das verantwortliche „Allied Clandestine Committee“ (ACC) dann Luxemburg ausgewählt, da das Großherzogtum zu diesem Zeitpunkt die Haager Landkriegsordnung gegen den Gebrauch von Sprengfallen noch nicht unterzeichnet hatte.

„Der Nato wurde es zu bunt“

Erklärte Kramer zunächst auf Nachfrage des Gerichts, dass sein Vater nie auf die einzelnen Attentate in Luxemburg eingegangen war, konnte er sich später dann doch erinnern, dass Kramer senior vom Anschlag auf die Kasematten („Das Werk eines Trittbrettfahrers“) und auf ein Wochenendhaus gesprochen habe. Letzteres sei eine Übungssprengung gewesen.

Außerdem sei sein Vater aktiv am Anschlag auf das EG-Gipfeltreffen auf dem Kirchberg beteiligt gewesen. „Er war stolz darüber, dass er die hohen Sicherheitsvorkehrungen vor dem Konferenzgebäude aushebeln konnte“, erzählte Kramer. Insgesamt habe sein Vater zusammen mit seiner Truppe 18 Attentate in Luxemburg verübt.

Die Attentate seien dann aber 1986 vom ACC gestoppt worden. Der Nato sei es schlichtweg zu bunt geworden. „Hoffmann hatte sich an das CIA gewandt, als die Situation in Luxemburg eskalierte. Er wollte seinen Kopf retten“, meinte Kramer, der die Rolle Hoffmanns damit im Gegensatz zu seiner eidesstattlichen Erklärung wieder herunterspielte.

Hoffmann sei damals an eine Entscheidungsstruktur gebunden gewesen. „Hier arbeitete die Nato gegen die Nato. Auf der einen Seite der Bommeleeër stand mein Vater und auf der anderen Seite Charles Hoffmann“. Sein Vater habe Hoffmann nicht ausstehen können und habe ihn auch mehrmals bedroht – und abgehört.

Falscher Ansprechpartner?

Allerdings stand zu diesem Zeipunkt nicht mehr Charles Hoffmann an der Spitze von Stay Behind, sondern der ehemalige Offizier Pierre Schiltz. Dieser ist Informationen des „Luxemburger Wort“ zufolge 1983 zum Srel gestoßen und hat das Netzwerk 1985 übernommen, um es 1990 im Auftrag der Regierung aufzulösen. Im Stay Behind habe Schiltz nur mit den Srel-Agenten Kuffer und Wagner zusammengearbeitet. Zu den Stay-Behind-Mitgliedern habe er keinen direkten Kontakt gehabt.

„In Ihrer Erklärung haben Sie angegeben, dass die Beteiligung Hoffmanns weiter ging als nur Mitwisserschaft“, zweifelte auch Richterin Sylvie Conter die Aussagen des Zeugen an. Später fragte die Richterin den Zeugen sogar, ob seine Informationen von seinem Vater stammten oder gar aus der Zeitung.

Auch die Staatsanwaltschaft war nicht überzeugt: „In der eidesstattlichen Erklärung sagt Kramer, Hoffmann sei für die Auswahl der Ziele verantwortlich gewesen. Heute sagt er das Gegenteil“, so der beigeordnete Staatsanwalt Oswald. Kramer habe ausgesagt, von seinem Vater quasi als Agent ausgebildet worden zu sein. Außerdem habe ihm der Vater stets zeitnah von den Attentaten berichtet.

„Und nun kann er keine präzisere Angaben machen als dieses generelle Blabla?“, meinte Oswald. Diese Aussage brachte wiederum Me Gaston Vogel auf den Plan: Bisher habe noch niemand so präzise Aussagen zur Stay-Behind-Piste machen können, wie Kramer. Das sei alles andere als „Blabla“, so Me Vogel.

Der Prozess wird am Mittwoch um 15 Uhr fortgesetzt. Andreas Kramer wird sich dann den Fragen von Verteidigung und Staatsanwaltschaft stellen.


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