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Bommeleeër: Klassenfahrt nach Brüssel
Lokales 4 Min. 06.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Klassenfahrt nach Brüssel

Ex-Sûreté-Ermittler Haan berichtete, er sei von Bourg und Harpes gemobbt worden.

Bommeleeër: Klassenfahrt nach Brüssel

Ex-Sûreté-Ermittler Haan berichtete, er sei von Bourg und Harpes gemobbt worden.
Foto: Serge Waldbillig
Lokales 4 Min. 06.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Klassenfahrt nach Brüssel

Im Mittelpunkt der Verhandlung am Montag im Bommeleeër-Prozess stand ein „Ausflug“ von vier Gendarmen nach Brüssel, bei dem wohl über vieles gesprochen wurde, bloß nicht über das, weswegen der Besuch überhaupt anstand: die Beschattung von Ben Geiben.

(str) - Im Mittelpunkt der Verhandlung am Montag im Bommeleeër-Prozess stand ein „Ausflug“ von vier Gendarmen nach Brüssel, bei dem wohl über vieles gesprochen wurde, bloß nicht über das, weswegen der Besuch überhaupt anstand: die Beschattung von Ben Geiben.

In zwei getrennten Wagen waren der Offizier Armand Schockweiler und die Sûreté-Beamten Haan, Büchler und Linden am 17. Oktober 1985 nach Brüssel gefahren. Sie hatten um 15 Uhr an jenem Donnerstag einen Termin mit hohen belgischen Gendarmerie-Beamten – in zweierlei Hinsichten ein fragwürdiges Unterfangen, wie Paul Haan am Montag vor der Kriminalkammer betonte: Zum einen waren die drei Beamten im Gegensatz zu Jean Disewiscourt überhaupt nicht mit dem Bommeleeër-Dossier vertraut, zum anderen sei es keine gute Idee gewesen, eine Geiben-Beschattung bei der belgischen Gendarmerie zu beantragen, da Geiben dort beste Kontakte gehabt habe. Eine Zusammenarbeit mit der belgischen „Police Judiciaire“ sei eher angebracht gewesen.

„Kiischtebéier“ in Brüssel

Als die Luxemburger in Brüssel ankamen, trennte sich in gewisser Weise die Spreu vom Weizen. Der Offizier Schockweiler zog sich laut Paul Haan mit Major Torres in ein Büro zurück und die Sûreté-Beamten wurden scheinbar in einem Nebenzimmer sich selbst überlassen. Was dabei herauskam, ist bekannt. Gemeinsam mit ihren belgischen Kollegen gingen sie bereits nach zehn Minuten „e Kiischtebéier drénken“. Dabei wurde über vieles gesprochen, aber nicht so viel über Ben Geiben, dass sich die Beteiligten heute noch daran erinnern könnten. Paul Haan zufolge sei aber schnell klar gewesen, dass die Belgier sich wenig bis gar nicht für die Observierung des Luxemburger Ex-Offiziers interessierten. Sie hätten nämlich mit den „Tueries du Brabant Wallon“, einem Skandal bei der Sûreté d'État, Rechtsextremisten und den „Cellules communistes combattantes“ genug eigene Sorgen gehabt.

Schockweiler sah das in der Verhandlung etwas anders. Die Aufgabe der drei Sûreté-Beamten sei es gewesen, Kontakte mit den belgischen Kollegen zu knüpfen und diese mit allen notwendigen Informationen zu Geiben zu versorgen. Harpes habe das in der Woche zuvor mit einem belgischen General geklärt. An den Inhalt seines Gesprächs hinter verschlossenen Türen konnte er sich nicht mehr erinnern. Im Gegensatz zu seinen drei Kollegen fuhr Schockweiler aber noch am gleichen Tag zurück nach Luxemburg.

Konfrontation an der roten Ampel

Dies ist insoweit von Bedeutung, dass Geiben 2004 gegenüber den Bommeleeër-Ermittlern betont hatte, einmal in Brüssel von Luxemburger Gendarmen verfolgt worden zu sein. Besonders interessant: Er nannte dabei Haan und Büchler. Nachdem er die beiden an einer roten Ampel konfrontiert habe, habe man zusammen ein Glas getrunken und die Beamten hätten ihm erklärt, dass in Luxemburg eine Untersuchung gegen ihn laufen würde. Sowohl Haan wie auch Büchler bestritten das in der Verhandlung am Montag formell. Sie hätten zudem ihr Auto während ihres Aufenthalts in Brüssel nicht benutzt, erklärte Büchler. Haan unterstrich, er habe eine vage Erinnerung daran, dass andere Gendarmen ihm viel später einmal erzählt hätten, sie seien Geiben in Brüssel begegnet. „De Benny huet eis e Message fir dech matginn“, hätten sie ihm gesagt. „Datt hien net gleeft, dass du gleefs, datt hien de Bommeleeër wier“.

Interessant war auch die Aussage von Haan, er habe Geiben nie im Verdacht gehabt, bis er das Buch „Der rote Faden“ gelesen habe. Da sei er hellhörig geworden: „Mat mengem Hannergrondwëssen soen ech mer, net datt en de Kapp vun der Saach war, mä datt e wousst, wien de Bommeleeër wier.“

Einen tiefen Einblick gewährte Haan am Montag auch in das Innenleben der Gendarmerie Anfang der 1980er-Jahre. Man habe ihn bereits 1982 wissen lassen, dass er sich unter Colonel Harpes' Kommando warm anziehen müsse. Und so sei es beim Kommandowechsel im Oktober 1985 auch gekommen. Er sei über Jahre hinweg gemobbt und diskreditiert worden. „De Bourg an den Harpes ware schlëmm“, sagte er. 200 000 Euro an Anwaltskosten habe ihn das gekostet. In seiner ganzen Karriere habe er einen Monat lang nichts gearbeitet – im Oktober 1985. Er habe auf einen Befehl gewartet, doch niemand habe ihn etwas angestellt.

Klarheit gab es indes in einem anderen Punkt: Weder er noch Schons seien strafversetzt worden, betonte Haan. „Et war einfach u mir“, erklärte er seine Beförderung zum Sekretär der Sûreté und damit das Ende seiner Ermittlerkarriere. Er sei eben der Dienstälteste gewesen. Auch die Ernennung von Schons zum Stationskommandanten sei keine Strafmaßnahme gewesen.

Ein neuer Zeuge?

Zu Beginn der Verhandlung hatte Anwältin Me Lydie Lorang angekündigt, dass sich die Mutter eines Mannes bei ihr gemeldet habe, der kruziale Informationen zum Bommeleeër-Dossier beitragen könne. Der Mann, der lange Jahre in den Nachtclubs von Rotlicht-Größe Jos Hoffmann gearbeitet habe, liege auf der Palliativstation eines hauptstädtischen Krankenhauses und solle dringend angehört werden. Die vorsitzende Richterin veranlasste die notwendigen Schritte. Die Aussage des Zeugen soll auf Tonband aufgenommen werden.

Am heutigen Dienstag sollte der Zeuge des Kasemattenanschlags, Lucien Thilquin, angehört werden. Der Mann kann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Luxemburg kommen. Aussagen wird aber seine Ehefrau Anne-Marie Van den Broeck. Vorgeladen sind auch Marcel Borman, der die Bombe in Asselscheuerhof entdeckt hatte und der Waffenmeister der Gendarmerie, Albert Feiereisen, der die Sprengfalle entschärfte.


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