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Bommeleeër: Insiderspur konsequent ignoriert
Lokales 6 Min. 11.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Insiderspur konsequent ignoriert

Guy Stebens war zur Zeit der Anschläge Leiter der Observierungs- und Ermittlungsgruppe GOR.

Bommeleeër: Insiderspur konsequent ignoriert

Guy Stebens war zur Zeit der Anschläge Leiter der Observierungs- und Ermittlungsgruppe GOR.
Foto: Guy Jallay
Lokales 6 Min. 11.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Insiderspur konsequent ignoriert

Bei der Anhörung von Guy Stebens am Montag im Bommeleeër-Prozess stand vor allem eine Frage im Raum: Wie konnte es sein, dass niemand auf die Idee kam, der Insider-Spur in den Reihen der Sicherheitskräfte nachzugehen?

(str) - Bei der Anhörung von Guy Stebens am Montag im Bommeleeër-Prozess stand vor allem eine Frage im Raum: Wie konnte es sein, dass niemand auf die Idee kam, nach einem Insider in den Reihen der Sicherheitskräfte zu suchen?

„In der Gendarmerie galten sie stets als pflichtbewusst und minutiös“, betonte die Richterin Sylvie Conter zu Beginn der Verhandlung. „Das beinhaltet aber aber auch, dass sie endlich die Wahrheit sagen und nichts als die Wahrheit.“ Immerhin seien auch bei Stebens bisherigen Aussagen eine ganze Reihe von Fragen offen geblieben.

So stand etwa die Frage im Raum, ob es ein Zufall war, dass gerade Stebens „Calepin“ mit seinen Notizen aus dem Jahr 1985 fehlte. Der damalige Leutnant hatte nämlich bis 1984 und dann wieder ab 1986 über seinen Berufsalltag Buch geführt. Vor der Kriminalkammer erklärte er nun, er habe während seiner Ausbildung in der „École des officiers de la gendarmerie nationale“ im französischen Melun - bis August 1984 - Buch geführt. Dann, als Luxemburger Gendarmerie-Offizier habe er ein „Memento“ erhalten, einen Kalenderbogen. Erst 1986 habe er sich entschieden, wieder ein „Calepin“ zu führen. „Wenn ich etwas zu verstecken gehabt hätte, hätte ich doch erst gar nichts von diesen Aufzeichnungen erzählt“, erklärte er im Zeugenstand.

Karrierestart als „Offizéier Komma“

Er sei zu Beginn seiner Karriere Verwaltungsoffizier gewesen. „Offizéier Komma“ habe man das in der Gendarmerie genannt. Dabei sei er kaum bis gar nicht „im Terrain“ eingesetzt worden. Erst bei der Observierung von Hochspannungsmasten habe er praktische Erfahrung sammeln können.

An zwei oder drei Briefings habe er im Zusammenhang mit der Attentatsserie teilgenommen. Dabei sei es um ein „Brainstorming“ zu den Tätern und ihren Motiven gegangen. Wagner, Bourg, Zovilé, Reuland, Schockweiler und Colonel Bruck von der Armee hätten teilgenommen. In einer früheren Vernehmung hatte er auch Srel-Chef Hoffmann aufgelistet, bis ihn die Untersuchungsrichterin eines Besseren belehrt habe. Ein Umstand, für den sich am Monag auch die Kriminalkammer interessierte. „Wir haben noch immer Schwierigkeiten nachzuvollziehen, dass der Geheimdienst nichts unternommen haben soll“, befand die vorsitzende Richterin.

Suche nach einem Maulwurf

Beim „Brainstorming“ habe man sich zunächst mit möglichen Täter aus dem „milieu agricole“ befasst. Doch dann sei plötzlich nicht mehr die Cegedel sondern die Gendarmerie ins Visier der Attentäter geraten. Nach der gescheiterten Geldübergabe am Theaterplatz habe man sich auch mit der Frage nach einem Insider oder einem Maulwurf auseinandergesetzt. Daran, dass die Täter aus der Gendarmerie kommen könnten, habe niemand gedacht. „Es war damals für Außenstehende recht einfach, an Informationen zu kommen“, erklärte Stebens. „Unser Funk wurde abgehört. Auch von der Presse.“

Dann stellte Richterin Conter die alles entscheidende Frage: „Was wurde konkret unternommen, um den Maulwurf zu finden?“ Man habe sich eben Gedanken gemacht, erwiderte Stebens. Aber auf einen Namen sei man nicht gekommen. „Da gab es eine regelrechte Trägheit in den Offizierskreisen“, kommentierte Sylvie Conter. „Es wurde nicht einmal versucht etwas zu unternehmen, um herauszufinden, ob die Attentäter aus den Reihen der Gendarmerie stammen würden, oder ob ein Eingeweihter Informationen weitergab.“

„Rückblickend hätte man schon genauer auf Offiziersebene hinsehen müssen“, gab Stebens schließlich kleinlaut zu. Er erinnere sich aber nur an zwei Maßnahmen: Das Büro von Colonel Wagner sei nach Wanzen durchsucht worden und die Geheimhaltungsstufe sei erhöht worden - demnach sei der Kreis der Eingeweihten weiter eingegrenzt worden. Lediglich die Ermittler und die beteiligten Offiziere seien noch informiert worden – wobei Gendarmeriekommandant Wagner und der beigeordnete Kommandant Bourg kaum ein Wort miteinander geredet hätten. Er, Stebens, sei ohnehin der „Kleinste“ der Offiziere gewesen.

Jenseits der Vorstellungskraft

Warum man nicht intensiver nach einem Insider als Täter gesucht habe? „Dass der Bommeleeër aus den Reihen der Gendarmerie stammen könnte, das konnten wir uns einfach nicht vorstellen“, erklärte Guy Stebens. „Man könnte ja auf die Idee kommen, dass niemand daran interessiert war, die Täter zu schnappen“, meinte Richter Conter.

Diesen Vorwurf wollte Stebens nicht auf sich sitzen lassen. „Es wurden Bemühungen unternommen“, erklärte er. „Aber es gab keinerlei konkreten Hinweise, die zu einem Verdächtigen führen konnten.“ Der GOR, jene Observierungs- und Ermittlungsgruppe, die unter der Leitung von Stebens stand, habe nie in Richtung eines Insiders gearbeitet. Zudem sei niemand auf einen Fall von derartigen Ausmaßen vorbereitet gewesen.

Auch unter Offizieren habe man sich Gedanken gemacht. Zudem sei die Zeit der Attentatsserie für die Gendarmerie sehr intensiv gewesen. Parallel zu den Attentaten habe man sich mit der Waldbilliger Bande auseinandersetzen müssen und Luxemburg habe die Präsidentschaft der Europäischen Gemeinschaft innegehabt. „Da wurden sehr viele Überstunden gemacht“, betonte Stebens. „Auch von den Offizieren.“ 

„Aber einer der offensichtlichsten Spuren wurde nicht nachgegangen“, hielt ihm die Richterin entgegen. „Wir waren einfach unterbesetzt – sowohl bei den Offizieren, wie auch bei den Unteroffizieren“, meinte Stebens daraufhin schulternzuckend.

„Wenn uns niemand eine Erklärung liefern kann, warum nicht nach einem Insider gesucht wurde, dann muss die Kriminalkammer selbst eine Erklärung finden“, meinte schließlich Sylvie Conter. „Und dann könnten wir uns denken, dass verschiedene Leuten ganz genau wussten, wer es war und diesen Menschen decken wollten.“ Stebens entgegnete, er könne sich nicht vorstellen, wer von seinen Offizierskollegen oder Vorgesetzten so etwas habe inszenieren können.

Keiner nannte Namen

„Es ist sehr schwer, als erster einen Namen zu nennen“, meinte Stebens dann zur allgemeinen Überraschung. „Auch damals ist nie ein Name gefallen.“ - „Es ist nicht der, der zuerst etwas sagt, der nachher am schlechtesten wegkommt“, unterstrich die vorsitzende Richterin und plötzlich herrschte Totenstille im Gerichtssaal. Er wisse es nicht, meinte Stebens dann ein weiteres Mal. Vielleicht seien die Ermittlungen zu sehr der „Sûreté“ überlassen worden.

„Haben Sie Angst, als erster einen Namen zu nennen“, hakte dann auch der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald nach. „Nein“, erwiderte Stebens. „Ich muss die Wahrheit sagen und ich sage die Wahrheit. Ich weiß keine Namen darauf zu setzen, dass jemand gesagt haben soll, etwas solle nur halbherzig ermittelt oder eine bestimmte Spur solle vernachlässigt werden. Es gab auch keine gemeinschaftliche Entscheidung, dass nichts unternommen werden sollte. Wenn ich einen Namen wüsste, dann würde ich ihn sagen.“ Seiner Einschätzung nach hätte eine solche Entscheidung nur auf allerhöchster Ebene gefällt werden können. Allerdings könne er sich bei Colonel Wagner nicht vorstellen, dass dieser etwas gewusst habe. Und Colonel Harpes sei erst nach dem 15. Attentat von der Polizei zur Gendarmerie gewechselt.

Am Dienstag werden die Verhandlungen mit einer weiteren Anhörung von Guy Stebens fortgesetzt. Dabei wird unter anderem auch die Beschattung von Ben Geiben im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Justizpalast zur Sprache kommen. Am Mittwoch und Donnerstag soll laut Plan Pierre Reuland aussagen.