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Bommeleeër: Immer wieder neue Puzzleteile
Lokales 6 Min. 25.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Immer wieder neue Puzzleteile

Charles Bourg war seit 1982 Operationschef der Gendarmerie.

Bommeleeër: Immer wieder neue Puzzleteile

Charles Bourg war seit 1982 Operationschef der Gendarmerie.
Foto: Romain Schanck
Lokales 6 Min. 25.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Immer wieder neue Puzzleteile

An sehr viel aus der Zeit der Attentate vermochte sich der damalige Operationschef der Gendarmerie, Charles Bourg, am Dienstag nicht mehr erinnern. Eine seiner Aussagen könnte jedoch ein neues Licht auf die Rolle von Jos Steil bei der Beschattung von Ben Geiben werfen.

(str) - An sehr viel aus der Zeit der Attentate vermochte sich der damalige Operationschef der Gendarmerie, Charles Bourg, am Dienstag nicht mehr erinnern. Eine seiner Aussagen könnte jedoch ein neues Licht auf die Rolle von Jos Steil bei der Beschattung von Ben Geiben werfen.

Charles Bourg war seit 1982 Operationschef der Gendarmerie und Stellvertreter des Kommandanten. Am 1. Januar 2000, mit der Fusion von Gendarmerie und Polizei, wurde er zum ersten Generaldirektor des neugeschaffenen Polizeikorps ernannt. Ein Jahr später ging er in Rente und Pierre Reuland wurde sein Nachfolger.

Er habe nicht viel mit den Bommeleeër-Ermittlungen zu tun gehabt, erläuterte Charles Bourg. Er sei vorrangig mit den Sicherheitsmaßnahmen bei Fußballspielen, Staatsbesuchen und Gipfeltreffen befasst worden. Von Oktober 1984 bis Mai 1985 sei er zur Organisation des Papstbesuches freigestellt worden. Von Juli bis Dezember 1985 habe Luxemburg den Vorsitz im Rat der Europäischen Gemeinschaft innegehabt. Deswegen sei er nur wenig in den Polizeialltag eingebunden gewesen.

Keine Fragen gestellt

Colonel Wagner habe die Bommeleeër-Ermittlungen selbst geleitet, erinnerte sich Bourg im Zeugenstand. Unter Colonel Harpes habe er auch kaum etwas erfahren, da bei Fragen stets auf das Ermittlungsgeheimnis verwiesen worden sei. Harpes sei Chef gewesen und dessen Entscheidungen seien genau wie zuvor bei Wagner nicht in Frage gestellt worden. Auf die Verkehrskontrolle am städtischen Theater am Abend der „Knuppefreed“-Vorführung angesprochen, meinte Bourg, die habe er wohl kaum auf Eigeninitiative durchgeführt. Damals hatte die Kontrolle die Arbeit von Zivilbeamten auf der Lauer ad absurdum geführt.

Von der Suche nach Wanzen im Gendarmerie-Kommando habe er nichts gewusst. Auch auf die Frage, ob er denn irgendetwas im Zusammenhang mit den Attentaten organisiert habe, reagierte er im Zeugenstand nur mit Kopfschütteln. An eine Sache erinnerte sich Bourg dann doch: Er hatte gemeinsam mit Lieutenant-Colonel Reiter die Idee gehabt, die Ermittlungen noch einmal von Grund auf neu aufzurollen. Auch hier sei auf das Ermittlungsgeheimnis verwiesen worden, er habe nie wieder etwas davon gehört und er habe auch nicht weiter nachgefragt. „Zu där Zäit si mer alleguer op der Felge gefuer, net nëmmen d'Ënneroffizéier, well mir haten alleguer grappweis ze dinn“, erklärte er im Zeugenstand.

„Dir ward den zweete Mann an der Gendarmerie an Dir wousst näischt, hutt näischt gefrot a just Är Aarbecht gemaach“, resümierte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter Bourgs Aussagen. Einmal sei im Zusammenhang mit den Attentaten die Rede von Geiben und Steil gewesen, erinnerte sich Bourg dann doch. Falls es belastende Elemente gegeben habe, seien die aber wohl in der Händen der Sûreté gewesen. Mehr wisse er nicht und er erinnere sich auch nicht mehr, wer ihm davon erzählt habe – wohl Schockweiler oder Harpes.

Immer wieder Steil

Für Aufsehen sorgten in der  Verhandlung die Erinnerungen von Charles Bourg im Bezug auf die Observierung von Ben Geiben. Freitagnachmittags – also am Tag vor dem Anschlag auf den Justizpalast - hätten drei bis vier Beamte, darunter Jos Steil, im Gendarmerie-Kommando vorgesprochen. Ihr Anliegen sei es gewesen, den Geheimdienst von höchster Stelle aus um Unterstützung bei der Beschattung von Ben Geiben zu bitten, da letzterer sowohl die Zivilwagen der Sicherheitskräfte wie auch die Einsatzkräfte kannte. Harpes sei abwesend und auch über Telefon nicht zu erreichen gewesen. „Ech hunn dunn de Srel gefrot an dat wor OK“, fuhr Bourg fort. „Et ka sinn, datt ech mam Här Hoffmann geschwat hunn. Hie war op alle Fall d'accord.“ Fragen nach dem Warum dieser Aktion habe er nicht gestellt.

Knapp zwei Stunden später sei Jos Steil noch einmal zum Kommando gekommen. Ben Geiben käme nun doch nicht nach Luxemburg, habe er gesagt. „Ech hu gesot, e sollt de Leit Bescheed soen, dann décidéieren déi, wat se gutt fannen“, sagte Bourg. „D'Observation sollt owes sinn, soss wier et net sou urgent gewierscht“, erklärte er auf Nachfrage der vorsitzenden Richterin.

„Dat ass awer nei“, befand Sylvie Conter. „Da wier et jo vun Ufank un, eng organiséiert Show gewierscht“. Bislang war noch ungeklärt, wer die Absprache mit dem Geheimdienst getroffen hatte. Aus den Ermittlungsakten ging bisher zudem hervor, dass Geheimdienst und GOR-Mitglieder samstags über Stunden auf der Lauer lagen und erst am späten Samstagnachmittag von Steil die Falschinformation erhielten, Geiben sei nun doch nicht gekommen. Der Aussage von Bourg zufolge hätte Steil dies nun bereits 24 Stunden früher angekündigt.

Doch damit nicht genug: In der Nacht zum Sonntag, also nach dem Anschlag auf den Justizpalast, habe die Leitstelle der Ordnungskräfte ihn aus dem Bett geklingelt. Man habe ihn informiert, dass Geiben in einem hauptstädtischen Hotel lokalisiert worden sei. „Ech hunn du gesot, se sollten de GOR informéieren an de Srel net vergiessen“, erklärte Bourg. „Ech duecht, d'ass dringend, stell net vill Froen, scheck se raus.“ Den Ermittlungsakten zufolge wurde in der Folge allerdings nur der Srel informiert und das Srel-Agent Kaudé zufolge von Pierre Reuland.

Er habe sich damals keine Fragen gestellt. Er habe sich zwar sehr wohl Gedanken gemacht, die allerdings zu keinen konkreten Ergebnissen geführt hätten. Als die Affäre vor mehreren Jahren wieder mediatisiert wurde, sei das Thema für ihn abgeschlossen gewesen. „Ech war jo an der Pensioun“, meinte Bourg.

Begegnung im Regen

Zum Auftakt der Sitzung wurde Charles Bourg zunächst mit Ex-Untersuchungsrichter Prosper Klein konfrontiert. Der hatte nämlich in der Verhandlung am Montag von einer Begegnung mit Bourg berichtet, die ihm in besonders schlechter Erinnerung blieb. Bei der Tatortbesichtigung nach dem Anschlag am Findel habe er Bourg auf einsetzenden Regen aufmerksam gemacht und darauf, dass dies Folgen für die Spurenlage habe. Es war nämlich noch nicht geklärt, wie die Täter auf das Flughafenareal gelangt waren. Dreimal habe er Bourg angesprochen. Zweimal sei er schlichtweg ignoriert worden, beim dritten Mal habe Bourg sich demonstrativ abgewandt.

Klein erklärte vor Gericht, er sei davon ausgegangen, dass Bourg wohl verärgert war, weil er nicht selbst auf diese Idee gekommen war. Doch später habe er erfahren, dass Bourg gar nichts unternommen habe, dass erst am Tag danach festgestellt wurde, wo die Täter auf das Gelände gelangt waren, und dass alle Spuren vom Regen verwischt worden waren.

Auf den Vorfall angesprochen meinte Bourg: „Dat seet mir guer neischt.“ Er erinnere sich lediglich am Tag nach dem Anschlag mit einem Minister am Tatort gewesen zu sein und das auch nur weil er sich auf Fernsehbildern wiederkannt habe. Klein untermauerte seine Aussage: „Ech ka mech dowéinst sou genau dorun erënneren, well ech als frëschgebakenen Untersuchungsriichter ëmmer iwwerzeegt wor, mir géifen alleguer un engem Strang zéihen. Ech muss zouginn, ech war getrëppelt“.

Am Donnerstag wird Charles Bourg ein weiteres Mal von der Kriminalkammer angehört. Am Mittwoch steht die Zeugenaussage von Ex-Geheimdienstchef Charles Hoffmann auf der Tagesordnung.