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Bommeleeër: „Hunderte von Fragen“
Wieso der Anschlag auf Colonel Wagner, wollte die Richterin vom Zeugen wissen. „Er hatte sich eingemischt“, so Kramer.

Bommeleeër: „Hunderte von Fragen“

Archivbild: Lé Sibenaler
Wieso der Anschlag auf Colonel Wagner, wollte die Richterin vom Zeugen wissen. „Er hatte sich eingemischt“, so Kramer.
Lokales 4 Min. 10.04.2013

Bommeleeër: „Hunderte von Fragen“

Der Zeuge Kramer soll von den Ermittlern zu den einzelnen Attentaten gehört werden. Das ist das Fazit des 19. Verhandlungstages im Bommeleeër-Prozess.  „Er hat offensichtlich interessante Informationen“, erklärte der beigeordnete Generalstaatsanwalt Oswald.

(ham) - Der Zeuge Kramer soll von den Ermittlern zu den einzelnen Attentaten gehört werden. Das ist das Fazit des 19. Verhandlungstages im Bommeleeër-Prozess. Die Aussagen des Zeugen müssten in jeder Hinsicht überprüft werden. „Insbesondere, da es sich fast ausschließlich um Hörensagen handelt“, betonte der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald.

Kramer senior habe eigenen Aussagen zufolge an 18 von 19 Attentaten in Luxemburg teilgenommen. „Das wirft viele Fragen auf“, so Oswald weiter.

Was soll man vom Zeugen Kramer halten?

Diese Frage stellten sich an den vergangenen Tagen viele Prozessbeobachter. Der deutsche Historiker hatte am Dienstag brisante Enthüllungen gemacht: Sein Vater – ein ehemaliger Agent des Bundesnachrichtendienstes – sei für die Attentate in Luxemburg verantwortlich gewesen. Zusammen mit einem 40-köpfigen Team habe er die Sprengstoffanschläge auf Befehl des „Allied Clandestine Committee“ der Nato ausgeführt, und das alles im Rahmen von Stay Behind.

Ex-Srel-Chef Hoffmann habe davon gewusst. Doch habe er im Sinne der Staatssicherheit irgendwann reagiert und das CIA hinzugezogen. 1986 sei es der Nato zu bunt geworden und das ACC habe die Attentate gestoppt.

„Abenteuerliche Geschichten“, nannte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter am Mittwoch die Ausführungen des Zeugen, der wieder vor der Kriminalkammer erschienen war, um sich den Fragen von Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu stellen. Er müsse verstehen, dass Gericht und Staatsanwaltschaft etliche Fragen zu den Ausführungen hätten, so Conter weiter.

Tatsächlich hinterlassen die Aussagen einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits sind die Erklärungen Kramers zu den Stay-Behind-Netzwerken, deren Hierarchie und Vorgehensweise in Europa gründlich und durchaus schlüssig. Sobald aber die Attentate in Luxemburg angeschnitten werden, verstrickt sich der Zeuge in Widersprüche.

„Er konnte kein Englisch“

Da wäre das Beispiel der englischen Erpresserbriefe an die Cegedel. Mindestens drei davon habe sein Vater selbst verfasst, erzählte Andreas Kramer am Dienstag. Als die Richterin fragte, ob englische Schriftstücke im Nachlass seines im November 2012 verstorbenen Vaters gefunden wurden, meinte Kramer: „Mein Vater konnte gar kein Englisch.“

Auf das Nachhaken der verblüfften Richterin hin erklärte der Zeuge, dass sein Vater für sämtliche Korrespondenzen einen Dolmetscher hinzugezogen hätte. Das sei wohl auch hier der Fall gewesen, so Kramer.

Was die Sprengfalle in Asselscheuer angeht, so sprach der deutsche Historiker von hochwertigem Material, das sein Vater von der Nato bezogen hätte. Als Richterin Conter ihn darauf hinwies, dass die Sprengfalle eigentlich ganz rudimentär aus Wäscheklammern, Draht und Dynamit zusammen gebaut worden war, geriet der Zeuge ins Schwimmen.

Sein Vater habe ihm die verschiedenen Arten von Sprengfallen erklärt: Es habe hochwertige, vorgefertigte Nato-Sprengfallen gegeben und solche, die man selbst zusammenbasteln konnte, meinte Kramer ausweichend.

„Er hatte sich eingemischt“

Wie er sich denn die Attentate auf die beiden Privatwohnungen von Notar Hellinckx und den ehemaligen Gendarmerie-Kommandanten Wagner erkläre, wollte die Richterin wissen. Schließlich passten diese Anschläge nicht in die militärische Logik von Stay Behind.

Sein Vater habe ihm von einem Anschlag auf einen hohen Gendarmerie-Offizier erzählt, der gerade in den Ruhestand getreten war. Gemeint ist Colonel Wagner. „Dieser hatte sich eingemischt und mein Vater wollte ihn weghaben. Auch im Ruhestand kann man noch gefährlich werden“, so Kramer weiter. Wenn jemand seinem Vater in die Quere hätte kommen können, dann hätte dieser den Störenfried aus dem Weg geräumt.

Nun wurde Colonel Wagner aber bereits während der Attentatsserie hinter vorgehaltener Hand für seine Zurückhaltung bei den Ermittlungen gegen die Bommeleeër kritisiert. Später dann wurde die Kritik auch öffentlich deutlich. Spätestens nach den Aussagen der Ermittler vor Gericht ist bekannt, dass die Gendarmerie zu jener Zeit weit davon entfernt war, den oder die Bommeleeër zu schnappen.

Punkt für Punkt

Dass die Staatsanwaltschaft aber aus den Fehlern der achtziger Jahre gelernt hat, zeigt der Umstand, dass Kramer tiefgreifender zu den einzelnen Attentaten befragt und gehört werden soll. Einerseits um seine Glaubwürdigkeit zu prüfen, andererseits um gegebenenfalls weitere Erkenntnisse zu der Attentatsserie zu gewinnen, wie der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald am Mittwoch betonte.

Kramer senior sei den eigenen Aussagen nach an 18 von 19 Attentaten beteiligt gewesen, so Oswald. „Das wirft viele Fragen auf. Hunderte von Fragen“, fuhr der beigeordnete Staatsanwalt fort. Der Vater habe seinem Sohn stets zeitnah von den Attentaten berichtet. „Deshalb möchte ich, dass wir mit ihm die Attentate Punkt für Punkt durchgehen. Kramer ist viel zu wichtig, als dass wir das Ganze hier mit Generalitäten abhaken“, schlussfolgerte Oswald. „Er hat offensichtlich interessante Informationen“.

Gericht und Verteidigung stimmten dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft zu, den Zeugen von den Bommeleeër-Ermittlern hören zu lassen. Me Vogel bestand aber auf einer Video-Aufzeichnung: „Damit wir sehen können, dass er nicht wie andere Zeugen verschaukelt wird“, so der Anwalt. Die Staatsanwaltschaft wird jetzt einen ausführlichen Fragenkatalog für die Ermittler zusammenstellen.

Der Prozess wird am Donnerstag mit den Aussagen der Ermittler zur „Spur Geiben“ fortgesetzt.


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