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Bommeleeër: Geheimtreffen in Oberdonven
Lokales 1 7 Min. 13.03.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Geheimtreffen in Oberdonven

Ben Geiben blieb bei der Gegenüberstellung mit Ted Wormeringer gelassen. Me Vogel brachte ihn später aber aus dem Gleichgewicht.

Bommeleeër: Geheimtreffen in Oberdonven

Ben Geiben blieb bei der Gegenüberstellung mit Ted Wormeringer gelassen. Me Vogel brachte ihn später aber aus dem Gleichgewicht.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 1 7 Min. 13.03.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Geheimtreffen in Oberdonven

Mindestens ein Meineid, überraschende Gedanken des Generalstaatsanwalts zu möglichen Hintermännern und ein Geheimtreffen in Oberdonven: Der zehnte Verhandlungstag im Bommeleeër-Prozess war reich an Überraschungen.

(ham) – Am Dienstagnachmittag überstürzten sich im Bommeleeër-Prozess plötzlich die Ereignisse: Sollte zunächst Ben Geiben im Rampenlicht stehen, avancierte schlussendlich Generalstaatsanwalt Robert Biever am zehnten Verhandlungstag zum Hauptprotagonisten.

Nicht nur, dass sich der höchste Vertreter der Staatsanwaltschaft im April 2008 im Geheimen mit einem der Hauptverdächtigen getroffen hatte: Vielmehr ließ sich Biever gleich mehrmals zu der Aussage hinreißen, dass in Luxemburg Personen hohe Ämter bekleiden, die ganz genau wüssten, wer hinter der Bommeleeër-Affäre stecke. „Wenn sie es nicht sogar selbst waren“, fügte er bei einer Gelegenheit hinzu.

Dabei hatte der Verhandlungstag vergleichsweise normal angefangen. Nach der überraschenden Enthüllung Ted Wormeringers, Ben Geiben habe sich ihm gegenüber im Oktober 1986 als Bommeleeër geoutet, erhielt am Dienstagnachmittag zunächst der Betroffene selbst die Möglichkeit, sich gegen diese Anschuldigung zu verteidigen.

„Weil es einfach nicht stimmt“

„Dieses Gespräch hat nie stattgefunden“, betonte Geiben bestimmt, nachdem ihm die Gerichtsschreiberin das Protokoll der Aussage Wormeringers vorgelesen hatte. In den vergangenen 28 Jahren habe Geiben weder öffentlich noch im engsten Familienkreis behauptet, er sei der Bommeleeër.

„Und das nicht mal im Spaß. Weil es einfach nicht stimmt“, so der ehemalige Hauptverdächtige in der Affäre. Es entspreche auch nicht seiner Persönlichkeit, zu prahlen, meinte Geiben, der eigenen Aussagen zufolge auch nicht von Disney gefeuert wurde, so wie Wormeringer es am Vortag behauptet hatte.

„Im Gegenteil: Ich wurde erst 1987 von Disney angesprochen und absolvierte tatsächlich im Sommer jenes Jahres eine Ausbildung in Orlando. Später wurde ich dann von Eurodisney angeheuert, wo ich 1990 zum Leiter der Operationen ernannt wurde“, fuhr der Zeuge fort.

Ted Wormeringer zeigte sich bei der direkten Gegenüberstellung enttäuscht von Geiben: „Ich hätte mir mehr Klasse von ihm erwartet.“ Er sei davon ausgegangen, dass Geiben sein „Geständnis“ als Spaß abtun würde. „Ich bleibe auf jeden Fall bei meiner Aussage“, schlussfolgerte Wormeringer.

Me Vogels Überraschungscoup

Mit einer einzigen Frage landete Me Gaston Vogel den Überraschungscoup des Tages und brachte den bis dahin gefasst wirkenden Zeugen aus dem Gleichgewicht.  „Ich habe nur eine Frage an den Zeugen: Wann hat sich Herr Geiben mit Generalstaatsanwalt Biever in dem Privathaus eines Ermittlers getroffen und was war der Inhalt dieses Gesprächs?“

Geiben gab daraufhin zu, sich mit dem Generalstaatsanwalt getroffen zu haben. Die Initiative sei von Robert Biever ausgegangen. Er selbst habe sich in einer Situation befunden, in der er keine andere Wahl hatte, als einer solchen Einladung Folge zu leisten, meinte Geiben. Er könne sich aber nicht an das genaue Datum und die Ortschaft erinnern.

Es müsse aber so um 2004 gewesen sein, als die Ermittlungen einen neuen Aufschwung erhielten. Auch an den Inhalt des Gesprächs erinnere er sich nicht mehr. „Ich kann mir aber vorstellen, dass über die gleichen Sachen gesprochen wurden, die zuvor bereits während der Befragungen von Ermittlern und Untersuchungsrichterin erörtert wurden“, erklärte der Zeuge.

Mehr wollte Me Vogel nicht vom Zeugen Geiben hören. „In meinen 52 Jahren als Anwalt habe ich noch nie erlebt, dass ein Generalstaatsanwalt eine Person klammheimlich trifft, die wie ein roter Faden durchs Dossier geistert. Geiben sagt, dass nur Sachen besprochen wurden, die bereits bei der Untersuchungsrichterin erörtert wurden. Das glaubt doch kein Mensch“, erhitzte sich Vogel, der dem Generalstaatsanwalt vorwarf, einen Deal mit Geiben eingegangen zu sein.

„Jedes Mal, wenn sie kurz davor standen, Geiben zu fassen, wurde die Aktion abgeglasen“, so Me Vogel in Anspielung auf die Anklageschrift, in der vieles auf den ehemaligen Gendarmerie-Offizier deutet, ihn aber ab einem gewissenen Punkt reinwäscht.

Die Ermittler im Zeugenstand

Während Geiben angab, sich nicht mehr an Ort, Zeit und alle Anwesenden erinnern zu können, musste Chef-Ermittler Carlo Klein etwas kleinlaut zugeben, dass er und Hauptkommissar Marc Weis in dessen Wohnung in Oberdonven zugegen waren. Das Treffen sei aber nicht Anfang der 2000er Jahre gewesen, vielmehr Anfang 2008.

Während Weis von der Vorsitzenden Sylvie Conter mit der expliziten Aufforderung, nicht telefonieren zu dürfen, aus dem Saal verwiesen wurde, trat Klein vor das Richterpult, um - immer noch unter Eid - nähere Details zu dem „Geheimtreffen“ preiszugeben.

Das Treffen sei auf Initiative Bievers zustande gekommen, da dieser sich „ein Bild“ jenes Menschen machen wollte, der wie „ein roter Faden“ durchs Dossier geistere. Biever habe sich immer wieder gefragt, was für ein Mensch Geiben sei.

Schließlich seien beide „im gleichen Viertel groß geworden“ und es habe „nicht so viele Offiziere in der Gendarmerie“ gegeben. Dennoch hatte der damalige Staatsanwalt den lange als verdächtig geltende Geiben nie kennengelernt. Das habe er ändern wollen, so Klein. Es sei aber nichts Bedeutendes besprochen worden.

Undichte Stellen

Auf die Frage, wieso man sich für die Privatwohnung eines Ermittlers entschieden habe, meinte Klein, dass man Geiben schlecht in der Öffentlichkeit, z.B. auf der Place d'Armes habe treffen können.

Außerdem wollte Biever verhindern, dass die Medien von dem Treffen Wind bekamen. „Wir wussten, dass verschiedene Leute im Justizpalast und bei der Kriminalpolizei die Leute von RTL mit Information füttern“, so Klein.

Ermittler Marc Weis bestätigte die Aussagen Kleins mit verdächtig ähnlich klingenden Ausführungen. Auch er sprach davon, dass Biever sich ein „Bild“ dieses Mannes machen wollte, der sich wie „ein roter Faden durch das Dossier“ ziehe. Auch er meinte, dass man sich ja kaum auf die „Place d'Armes“ habe setzen können.

Bievers Auftritt

Und dann kam der Auftritt des Generalstaatsanwalts: Er habe sich „ein Bild machen“ wollen, von der starken Persönlichkeit Geibens. Es habe zu jener Zeit „nicht so viele Offiziere in der Gendarmerie“ gegeben und beide stammten schließlich „aus dem gleichen Viertel“. Es habe ihn halt gewundert, dass er Geiben noch nicht kannte.

  „Es war vielleicht ein atypisches Treffen, mehr war aber nicht“, so Biever. „Doch wenn ich jetzt sehe, was aus dieser Sache gedreht wird, dann war es wohl eine schlechte Idee. Wir hätten vielleicht besser gehabt, uns auf die Place d'Armes zu setzen“, fuhr Biever fort, der bei der Aussage der beiden Ermittler nicht zugegen war.

Geiben sei immer als charismatischer Mensch mit einer starken Persönlichkeit beschrieben worden. Er habe den Mann einfach kennenlernen wollen. „Mysteriöses wurde aber nicht besprochen. Und es gab auch keinen Deal“, meinte Biever bestimmt.

Die ganze Affäre sei für ihn ein „grand malaise“. „Ich wusste nämlich immer, dass die zwei Angeklagten kaum die Strategen der Attentate sind – ohne jemanden hier verletzen zu wollen“, unterstrich Biever. Geiben geistere eben seit jeher durch das Dossier. „Ob zu Recht oder zu Unrecht. Und das ist ungesund“, so der Generalstaatsanwalt.

Er sei sich nämlich sicher, dass es in Luxemburg Menschen gibt, „die hohe Ämter bekleiden und genau wissen, wer was getan hat“. Einerseits verstecke er seine Freude nicht, dass diese Affäre endlich in einer öffentlichen Sitzung verhandelt wird, so Biever. Andererseits bedauere er, dass nicht die Hauptprotagonisten zur Rechenschaft gezogen werden.

„Untypisches Verhalten“

Die vorsitzende Richterin Sylvie Conter machte keinen Hehl aus ihrer Überraschung über die Vorgehensweise des Generalstaatsanwalts. Schließlich handele es sich bei Ben Geiben nicht um irgendeinen Zeugen. „Es ist nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft, sich mit Zeugen zu treffen“, so Conter.

„Es ist untypisch, dass sich ein Staatsanwalt ,ein Bild, eines Zeugen machen möchte“. Auch sei es ungewöhnlich, dass dieses Treffen im Dossier nicht mit der kleinsten Notiz erwähnt werde – ein Umstand, den auch die Verteidigung anprangerte und dazu veranlasste, der Justiz jegliches Vertrauen abzusprechen.

Auch wenn dieses Mal kein Deal mit Geiben gemacht wurde, schlussfolgerte Vogel, dann sei dies doch im Jahr 1984 der Fall gewesen. Gleich mehrmals wurde während der Verhandlung am Dienstag betont, dass Geiben die Gendarmerie verlassen hatte, da seine Homosexualität nicht mit der konservativen Welt der Gendarmerie vereinbar war.

„Doch der Deal mit Untersuchungsrichter Hary ging weit über Homosexualität hinaus: Es handelte sich um eine Pädophilie-Affäre mit Geiben“, so Me Vogel, der eigenen Aussagen zufolge „150 Fragen an Herr Geiben“ hat. Zunächst aber werde er Geiben mit einer Meineidklage befassen, so der Anwalt. „Und das gleich Morgen früh!“


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