Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Bommeleeër: "Geheimdienst-Wischi-Waschi"?
Lokales 4 Min. 20.06.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "Geheimdienst-Wischi-Waschi"?

Zu Beginn der Verhandlung machte André Kemmer noch einen gefassten Eindruck. Später verlor er sich in "Geheimdienst-Wischi-Waschi".

Bommeleeër: "Geheimdienst-Wischi-Waschi"?

Zu Beginn der Verhandlung machte André Kemmer noch einen gefassten Eindruck. Später verlor er sich in "Geheimdienst-Wischi-Waschi".
Foto: Gerry Huberty
Lokales 4 Min. 20.06.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "Geheimdienst-Wischi-Waschi"?

Überraschendes hatte Ex-Srel-Agent Kemmer im Prozess nicht zu berichten. Die Observierung der Bommeleeër-Ermittler und des Generalstaatsanwalts sei nicht vom Geheimdienst angeordnet worden ...

(ham/gs) - Im Bommeleeër-Prozess musste gestern der ehemalige Geheimdienstler André Kemmer in den Zeugenstand treten. Dieser tat sich dort mitunter schwer, nicht nur das Vorgehen des Srel zu erklären, sondern ganz im Allgemeinen auf die Fragen des Gerichts zu antworten. In der Gegenüberstellung mit dem ehemaligen

Srel-Spion André Durand blieben beide bei ihren Aussagen, womit für das Gericht feststand: „Einer lügt!“

Exakt diesen Satz sowie den Hinweis auf einen offensichtlichen „Faux témoignage“ richtete die vorsitzende Richterin Sylvie Conter an beide Protagonisten und ließ ihre Aussagen denn auch vom Gerichtsschreiber protokollieren. Kemmer und Durand ihrerseits beharrten auf ihren Positionen und hatten auch beide kein Problem damit, ihre Unterschrift unter das Protokoll zu setzen.

Die Anhörung Kemmers gestaltete sich übrigens eher zäh, da der Zeuge selten direkt auf die Fragen antwortete, sondern des Öfteren Nachfragen erforderlich war. Richterin Conter forderte ihn denn auch auf, auf die Fragen zu antworten und mit seinem „Geheimdienst-Wischi-Waschi“ aufzuhören.

Unterschiedliche Erinnerungen

Kemmer und Durand widersprachen sich in vielen Punkten. Anfangen bei der Bezahlung Durands, die laut Kemmer regelmäßig – 1 000 Euro pro Monat – erfolgte und von Durand – Deckname „Gaston“ – auch quittiert worden sei. Durand behauptet, nie Belege unterzeichnet zu haben.

Kemmer widersprach aber auch Durands Aussagen, er habe dem Spion die Observierung des Passbüros in der Hauptstadt aufgetragen – in diesem Gebäude waren bekanntlich die Bommeleeër-Ermittler untergebracht. Kemmer erklärte, dass weder er noch der Srel die Ermittler überwachen wollten und daher auch nicht bei Durand eine solche Observierung in Auftrag gegeben hätten.

Auch die von Durand angeführte zweite Mission, also jene, die Robert Biever im Visier gehabt haben soll, sei nie von ihm oder dem Geheimdienst angeordnet worden.

Auf einer Reise nach Thailand habe Durand eigenen Aussagen zufolge Bievers mutmaßliche Aktivitäten im Pädophilen-Milieu dokumentieren sollen. Eine solche Reise fand aber bekanntlich nie statt und die Vorwürfe gegen Biever entbehren jeder Grundlage.

„Biever ist nichts vorzuwerfen“

Kemmer bestätigte, dass Biever weder in diesem Kontext etwas vorzuwerfen sei noch er im Verdacht stünde, andere Personen und ihre vermeintlichen Straftaten zu decken. Derartige Vorwürfe seien ihm aber 2005/2006 von anderen Personen zugetragen worden. Durand selbst hätte daraufhin seine Kontakte in Belgien für weitere Recherchen nutzen wollen, was der Srel aber nicht gewollt habe.

Wer diese Personen waren, die offensichtlich nicht nur Robert Biever, sondern auch andere Personen auf widerliche Art und Weise diskreditieren wollten, wollte Kemmer nicht verraten. Auf Nachfrage des Gerichts verwies er denn auch auf das Geheimdienst-Gesetz, was bei Richtern, Anklage und Verteidigung auf wenig Zustimmung stieß.

Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald schlug dem Gericht sogar vor, Kemmer von seiner Geheimhaltungspflicht zu entbinden. Richterin Conter verwies aber darauf, dass man in Bezug auf die Stay-Behind-Piste einen anderen Weg eingeschlagen habe und bekanntlich das Verfassungsgericht mit diesem Thema betraut habe. In diesem Fall könne man nun schlecht anders verfahren, so Conter, die aber betonte: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“

Nicht mehr als eine Theorie?

A propos Stay Behind: Dieser war gestern wieder ein dominantes Thema. André Kemmer versuchte nämlich – mehr schlecht als recht – zu erklären, wie der Srel zu seiner Stay-Behind-These in Zusammenhang mit der Attentatsserie kam. Jene These also, die der Srel 2005/2006 auch an Premier Jean-Claude Juncker und Justizminister Luc Frieden herangetragen hatte.

Betrachtet man die Anhörung Kemmers, so scheint es sich bei dieser sogenannten These denn auch um eine solche gehandelt zu haben. Kemmer selbst sprach mitunter von einer „Arbeitstheorie“. Dabei sei es nie darum gegangen zu ermitteln, vielmehr habe man die Geschichte des Stay Behind historisch aufarbeiten wollen.

Ausgangspunkt sei 2004 die Hausdurchsuchung im Srel im Rahmen der Bommeleeër-Ermittlung gewesen. Darüber hinaus sei man auf einen Akteneintrag des Gladio-Mitglieds Licio Gelli und dessen Aufenthalt in Luxemburg zum Zeitpunkt der Attentate gestoßen.

Laut Kemmer habe man dann ausgehend von Gellis Profil und den üblichen Stay-Behind-Strukturen eine Theorie entwickelt, dass ein Stay-Behind in Luxemburg ohne eine Sabotage-Abteilung keinen Sinn mache und eine Involvierung des Netzwerks in die Anschlagsserie die einzig annehmbare Theorie sei.

Kein klares „Ja“ oder „Nein“

Immer wieder verlor sich Kemmer gestern in dieser Theorie, obschon die Fragen der Richterin nicht exakter hätten sein können: „Haben Sie bei ihren Nachforschungen konkrete Hinweise für die Theorie gefunden?“ Kemmers Antworten waren ausweichend, ein klares „Ja“ oder „Nein“ war nicht aus ihm herauszubekommen.

Vielmehr zog er den Bogen vom „Special operations executive“ (SOE) zum ehemaligen Armeeminister Emile Krieps, der als Resistenzler von der Gestapo verhaftet und in Hinzert interniert wurde und später als aktiver Widerstandskämpfer gute Kontakte zum britischen Geheimdienst und dem SOE gepflegt habe.

„Und wer hat Ben Geiben 1978 mit der Gründung der BMG beauftragt?“, lautete Kemmers rhetorische Frage an die Richterin. Diese ließ sich nicht beirren und rügte den Zeugen mehrmals, dass er nicht auf Fragen antworte, bis Kemmer dann schlussendlich zugab: „Konkrete Beweise oder Namen mutmaßlicher Täter gab es nicht.“ Die Theorie war also nur Theorie.