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Bommeleeër: "Et ass ee vun eis!"
Lokales 4 Min. 20.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "Et ass ee vun eis!"

Laut Theo Arensdorff (l.) wurde der Sprengsatz aus einem offenen Autofenster geworfen. Rudi Backes (r.) hörte eine Autotür zuschlagen.

Bommeleeër: "Et ass ee vun eis!"

Laut Theo Arensdorff (l.) wurde der Sprengsatz aus einem offenen Autofenster geworfen. Rudi Backes (r.) hörte eine Autotür zuschlagen.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 4 Min. 20.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "Et ass ee vun eis!"

Waren die Täter beim Anschlag am Rande des EG-Gipfeltreffens auf frischer Tat ertappt und dann wieder laufen gelassen worden, weil niemand sich vorstellen konnte, dass die Täter in den eigenen Reihen zu suchen seien? Diese Frage drängt sich nach der gestrigen Anhörung von insgesamt sechs Zeugen des Kirchberger Anschlags auf.

(str) - Waren die Täter beim Anschlag am Rande des EG-Gipfeltreffens auf frischer Tat ertappt und dann wieder laufen gelassen worden, weil niemand sich vorstellen konnte, dass die Täter in den eigenen Reihen zu suchen seien? Diese Frage drängt sich nach der gestrigen Anhörung von insgesamt sechs Zeugen des Kirchberger Anschlags auf.

„Mat der Nues virbäi“ sei er bei diesem Attentat gewesen, unterstrich Théo Arensdorff. Er gehörte dem Sicherheitsaufgebot an, das das Gelände rund um das Konferenzzentrum überwachte. An jenem Abend des 2. Dezember 1985 kurz vor 18 Uhr habe er keine Mission gehabt. Mit Kollegen habe er einfach nur auf weitere Befehle gewartet. Dann habe er ein Auto gesehen – ein weißer Audi 100, da sei er sich ganz sicher. Der Wagen sei langsam unterwegs gewesen und dicht an den Leitplanken vorbei gefahren. Plötzlich habe der Beifahrer eine Hand aus dem Fenster gestreckt und etwas hinausgeworfen. 20 Sekunden später habe es dann geknallt.

„Mir hunn eis alleguer domm bekuckt“, erzählte er gestern. „Fir mech war et eng Faxe, e Pétard.“ Sekunden später habe der Offizier Marc Zovilé gerufen: „Fuert dem Auto no!“ Nur Gendarmerie- und Polizeioffiziere hätten damals solche Autos gehabt. Zu der Zeit hätte man sowieso beim Anblick eines weißen Autos gleich gewusst, dass es sich um einen Dienstwagen handelte.

Die Brigade Mobile am Steuer

Später hätten andere Sicherheitskräfte ihm erzählt, dass sie etwas im Sinne von „Mir hunn se kritt“ im Funk gehört hätten. Es habe sich dann herausgestellt, dass „d’Brigade Mobile“ in jenem Auto gewesen sei. Deshalb habe man den Wagen dann weiterfahren lassen. Niemand habe einen Zusammenhang zwischen der Bombe und der BMG gesehen. Man sei wohl einfach davon ausgegangen, dass man dem falschen Auto gefolgt sei.

Marc Scheer erklärte auf Nachfrage, bei der BMG habe es sehr wohl einen weißen Audi 100 gegeben. Er erinnerte sich in der Sitzung sogar noch an das Nummernschild CS430. Eine Überprüfung durch die Ermittler im Saal ergab jedoch, dass laut vorliegender Arbeitspläne drei Gendarmen aus Diekirch beim "Sommet" mit diesem Wagen unterwegs waren.

Auch Rudi Backes war am Abend des Anschlags dem Sicherheitsaufgebot rund um das Gipfeltreffen zugeteilt. Er habe gehört, dass auf der Autobahn eine Autotür zugeschlagen worden sei. „Dat huet net an d’Geräischkuliss gepasst“, erklärte er vor der Kriminalkammer. Der Wagen habe sich dann mit normaler Geschwindigkeit entfernt.

„A während ech mer nach doriwwer Gedanke gemaach hunn, huet et scho geknuppt“, so Backes. „Ech hu nach geduecht, wann s du lo deen Hiwwel ropgelaf wiers, da wiers du riicht dragelaf!“ Es könne durchaus sein, dass der Wagen, so wie andere Zeugen aussagten, die Fahrt nur verlangsamt habe. Er sei eben davon ausgegangen, dass er stehengeblieben sei.

„Awer richteg lassgefuer“

Der Polizist im Ruhestand Emile Graas hatte bei dem Attentat zwar den Knall gehört, aber kein Täterfahrzeug gesehen. Allerdings habe er kurz nach der Explosion einen Motor aufheulen gehört. „Deen ass du fortgefuer, awer richteg lassgefuer“, betonte er. Er habe sofort an eine Verfolgungsjagd gedacht. Er sei davon ausgegangen, dass die „Brigade Volante“ die Verfolgung eines Wagens aufgenommen habe.

„Se hunn se kritt“, habe er später aus Gesprächen erfahren. Im Verlauf des Abends habe es aber dann geheißen, dass dem wohl doch nicht so war. Einmal habe er ein Gerücht gehört, dass die „Brigade Volante“, die „Brigade Mobile“ gestoppt habe. „Ech war verwonnert, datt dat esou eng Nouvelle war“, meinte er. „Do ware souvill Leit“. Dazu gehörten offenbar auch die Taxifahrer Kallen und Hoffmann, die bestätigten, an jenem Abend gehört zu haben, dass ein Wagen am Ende der Autobahn gestoppt worden sei.

„Oscar Bärel“

Konkrete Erinnerungen an den Anschlag hatte gestern auch François Bastian. Der Polizist sagte, er habe über Funk gehört, dass ein Wagen nach der Explosion geflüchtet sei. Später habe er auch gehört, dass der Wagen „um Wupp vun der Autobunn“ gestoppt worden sei. Gleich darauf sei dann die Meldung gekommen: „Et ass ee vun eis!“

Demnach sei angenommen worden, dass der falsche Wagen gestoppt wurde. Der Rufname der Verfolger sei möglicherweise „Oscar Bärel“ gewesen – demnach eine Gendarmeriepatrouille aus Bereldingen.

Bislang war nur bekannt, dass der Gendarm Pierre Frantzen und die Mitarbeiter des Europarlaments Maraschin, Pau und Becker einen weißen Wagen nach der Explosion in Richtung Senningerberg fahren gesehen hatten – einen Audi oder einen Peugeot 504.

Die neuen Aussagen zu dem weißen Auto könnten dem Beschuldigten Marc Scheer zugute kommen. Der Ex-Ermittler Armand Stieber hatte nämlich vor Gericht ausgesagt, ihm sei aufgefallen, dass er Marc Scheer nach der Explosion aus der Richtung des Tatorts kommen gesehen habe. Dies befeuerte damals die Hypothese, Scheer könnte den Sprengsatz innerhalb des Sicherheitsaufgebots gezündet haben.

Gerücht zu Geiben und Reuland

Der Zeuge Arensdorff wusste in der gestrigen Verhandlung aber noch etwas anderes zu berichten: Auf Gerüchte in den Reihen der Ordnungshüter angesprochen, erzählte er, Ende der 90er-Jahre, als die Affäre neu aufgerollt wurde, habe es einmal geheißen, dass ein Offizier mit den BMG-Leuten „eppes sollten ënnerhuelen, fir datt bessert Material sollt ugeschaf ginn“. Dabei sei die Rede von Geiben und dessen Nachfolger Reuland gewesen.

  • Die vorsitzende Richterin Sylvie Conter ermutigt alle Zeugen, die etwas zum Dossier beizutragen haben, Kontakt zur Staatsanwaltschaft aufzunehmen – auch wenn angenommen wird, die Information sei bereits bekannt.


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