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Bommeleeër: „Eine Staatsaffäre!“
Lokales 6 Min. 19.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Eine Staatsaffäre!“

Bommeleeër: „Eine Staatsaffäre!“

Archivfoto: Lé Sibenaler
Lokales 6 Min. 19.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Eine Staatsaffäre!“

Er hatte angekündigt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und er hielt Wort. Die Aussagen von Ex-Untersuchungsrichter Prosper Klein am Montagnachmittag vor der Kriminalkammer waren äußerst brisant. Die Attentatsserie sei eine Staatsaffäre und die Nutznießer seien in der Führungsebene der Gendarmerie zu suchen.

(str) - Er hatte angekündigt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und er hielt Wort. Die Aussagen von Ex-Untersuchungsrichter Prosper Klein am Montagnachmittag vor der Kriminalkammer waren äußerst brisant. Die Attentatsserie sei eine Staatsaffäre und die Nutznießer seien in der Führungsebene der Gendarmerie zu suchen.

Vom 1. November 1985 bis zum 1. November 1991 war Prosper Klein als Untersuchungsrichter mit dem Dossier Bommeleeër betraut. Zwei Tage nach dem blutigen Überfall der Waldbilliger Bande auf die BIL am Boulevard Royal hatte er die Arbeit aufgenommen. Die Anschlagsserie der Bommeleeër ein Fall unter vielen. Ein Ex-Kollege habe einmal ausgerechnet, dass sich zu der Zeit ein Richter pro Jahr mit 400 Fällen befassen musste.

An den Chef-Ermittler Jean Disewiscourt erinnert sich Prosper Klein als einen ehrbaren, netten Mann, aber „nët onbedengt de schärfste Knäipchen am Kichentirang“. Er sei ein guter Brandermittler gewesen, aber hier eine Fehlbesetzung. Er habe sich halt damit getröstet, dass Disewiscourt gute Männer in seiner Einheit hatte und er eben nur der Mittelsmann sei.

„Mam Segen vun der allehéchster Stell“

Als Klein die Arbeit im Bommeleeër-Dossier aufnahm, wurde ihm schnell klar, dass es zwar Tatortberichte gab, aber kaum Zeugenaussagen. Das habe er als befremdlich empfunden, genau wie die Abwesenheit einer erkennbaren Tätermotivation. Man sei damals vielen Spuren nachgegangen, aber an eine Piste habe er damals nicht gedacht: „Am Nachhinein war dat ënnert anerem mäi Feeler. Ech zielen zu dene Leit, déi de Robert Biever als naïv bezeechent huet. Ech konnt mer net virstellen, datt et zu Lëtzebuerg organiséiert Leit an enger Institutioun géife ginn, déi mat Segen vun der allerhéchster Stell systematesch a mat där Perseverance sou Attentater mache kéinten“.

An eine „Spur Geiben“ habe er nie geglaubt. „Do ass neischt do“, meinte Klein. „Dat ass aus der Loft gegraff, eng béisarteg Rumeur, well en intelligent a fäheg war. Ech hunn ëmmer gemengt, de Geiben wier vum Harpes a vum Bourg aus der Gendarmerie rausgeekelt ginn“. Zudem dränge sich die Frage auf, warum eine Gendarmerie-Einheit wegen privater Rachegelüste während zweieinhalb Jahren Attentate verüben sollte. Die hätten schließlich Familie, Kinder und Karriere. Dass sie die nur wegen Geibens privater Rache auf Spiel setzen würden, das könne er sich nicht vorstellen.

Auf der Lauer

Vor allem nach dem Anschlag auf Colonel Wagner habe er zudem Angst um die eigene Sicherheit gehabt. „Nuechtelang loung ech hannert der Fënster“, erinnerte er sich. „Ech sinn dovunner ausgaang, dat et net allzelaang dauere géif, bis mer ee Fatzbeidel eppes virun d'Dier leet.“

Dafür, dass die Serie nach dem Attentat auf das Wohnhaus von Colonel Wagner ein jähes Ende fand, hat Prosper Klein eine ganz eigene Theorie. Kurz nach dem Anschlag habe er an einer Sitzung des parlamentarischen Sicherheitsausschusses teilgenommen, bei der sowohl die Bommeleeër wie auch die Waldbilliger Bande Thema waren. Dabei habe er den Abgeordneten erklärt, dass wenn man dann richtigen Täter habe, dann könne man das auch beweisen. „Et wier vläit gutt erauszefannen, wiem ech dat gesot hunn“, fuhr Klein fort. „Ech hu mer Gedanke gemach, datt dat vläit ee vun den Elementer woren, déi dozou gefouert hunn, dat gesot gouf, dann hale mer besser op.“

Der Fingerabdruck

Hintergrund war ein Fingerabdruck, der laut Klein auf dem Fettpapier einer Dynamitstange der Sprengfalle von Asselscheuerhof gesichert wurde und der bloß bis heute noch niemandem zugeordnet werden konnte. „Ech si mer liicht veräppelt virkomm bei der Madame Woltz, wéi déi mer versechert huet, et wier keen op der Sprengcharge fonnt ginn, mä op der Täscheluucht“, erklärte Klein dem Gericht. Laut den Bommeleeër-Ermittlern wurde tatsächlich nur auf der Lampe ein Abdruck entdeckt. Prosper Klein ist sich dennoch ganz sicher, dass man ihm das damals anders geschildert habe. Mit der Taschenlampe hätten schließlich viele Leute hantieren können, mit dem Sprengsatz nur der Attentäter.

Dass die Ermittlungen nicht so verlaufen würden, wie es sonst üblich war, wurde Klein Anfang 1986 klar, als ein Ermittler ihn darauf hinwies, dass das Gendarmerie-Kommando regelrechte Mauern zwischen den Ermittlergruppen aufbaute. „A wat ech vum Kommando krut, war nëmme Schrott“, unterstrich der Zeuge Klein. Zum Vertrauenbruch mit Chef-Ermittler Disewiscour sei es 1988 gekommen, als dieser ihm einen gefälschten Tätigkeitsbericht untergejubelt hätte.

Neuanfang 1988

Klein habe daraufhin entschieden, die Ermittlungen noch einmal von Grund auf aufzurollen. Er habe dann zwei Kriminalbeamte seines Vertrauens mit den Ermittlungen befasst – Aloyse Schons und Paul Haan. Er habe in seinen insgesamt 12 Jahren als Untersuchungsrichter sehr viele gute Gendarmen und Polizisten kennengelernt, dabei hätten sich die Unteroffiziere durch gute Arbeit und viel Engagement hervorgetan. Bei den Offizieren sei dies anders: „Wat dës Enquête betrëfft, déi Offizéier, déi ech kannt hunn, déi wosste neischt, déi konnte näischt an hu näischt gemaach. A wann se eppes gemaach hunn, da war et Blödsinn. Dobäi woren se arrogant an iwwerhieflech an haten e 'royal dédain' géint d'Société civile.“

Harpes habe sich quergestellt. Klein sprach in diesem Zusammenhang von einer Putschisten-Mentalität, die der Führungsstab der Gendarmerie an den Tag gelegt hätte. Er habe sich dann an den Generalstaatsanwalt Wampach gewendet. Infolgedessen seien die Beamten Schons und Haan von den Ermittlungen abgezogen worden.

„Säit dem Moment wees ech, datt dat hei eng Staatsaffär ass, déi net dierf opgeklärt ginn“, erklärte Klein. „De Schons war ze riicht, fir d'Justiz un der Nues rëmzeféieren. An dunn ass en tëschend Hummer an Amboss geroden.“ Klein selbst sei einfach im Regen stehen gelassen worden: „Wann e Procureur sech net ka géint de Kommandant vun der Gendarmerie wieren, fir datt de Code Pénal agehale gëtt...“

Ziel: Machtgewinn?

Dass die Brigade Mobile aus Frust die Attentate begangen habe, daran glaubt Prosper Klein nicht. Srec und Sûreté hätten noch unter viel schwierigeren Umständen gearbeitet als die BMG und niemand hätte sich beklagt. Das Motiv sieht Klein auf eine anderen Ebene: Nach den Attentaten wurde das Einheitskommando von Polizei und Gendarmerie eingeführt. „Do gouf et een enorme Machtzouwues“, betonte Klein. „Den Direkter vun der Police huet haut méi Klabessen ënnert sech, wéi de Chef vun der Arméi. An haut ginn et 72 Offizéier.“ Wenn Unteroffiziere beteiligt seien, dann wohl nur weil jemand ihnen erzählt habe, dass es in höherem Interesse und zum Wohl des Landes zu geschehen habe.