Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Bommeleeër: Eine detaillierte Vorschau
Lokales 7 Min. 06.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Eine detaillierte Vorschau

In Kürze wird sich die Kriminalkammer mit dem Anschlag auf das elektronische Landesystem am Findel befassen.

Bommeleeër: Eine detaillierte Vorschau

In Kürze wird sich die Kriminalkammer mit dem Anschlag auf das elektronische Landesystem am Findel befassen.
Foto: Lé Sibenaler
Lokales 7 Min. 06.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Eine detaillierte Vorschau

Der Bommeleeër-Prozess verspricht auch weiterhin spannend zu bleiben: In den kommenden Monaten wird sich die Kriminalkammer etwa mit „Stay Behind“, Prinz Jean und dem Waffensammler Henri Flammang beschäftigen.

(str) - Der Bommeleeër-Prozess verspricht auch weiterhin spannend zu bleiben: In den kommenden Monaten wird sich die Kriminalkammer etwa mit „Stay Behind“, Prinz Jean und dem Waffensammler Henri Flammang beschäftigen.

107 Mal tagte 2013 die Kriminalkammer bereits im Bommeleeër-Prozess und ein Ende der Verhandlungen ist immer noch nicht abzusehen. In den vergangenen Monaten wurde sich dabei intensiv mit dem „Volet Observation Geiben“ befasst. Zur Erinnerung: Am Wochenende des 19. Oktober 1985 explodierte eine Bombe im Justizpalast. In den zehn Tagen zuvor wurde Ben Geiben zum Topverdächtigen erkoren. An jenem Wochenende wurde Geiben dann in Luxemburg beschattet. Doch bereits montags gehörte er plötzlich und ohne jeglichen ersichtlichen Grund nicht mehr zum Kreis der Verdächtigen. Diesem Umstand versuchte die Kriminalkammer in tagelangen Befragungen aller Beteiligten auf den Grund zu gehen – doch Antworten gab es kaum. Dennoch gilt die Geiben-Beschattung auch weiterhin als Scheidepunkt im Dossier.

Augenzeugenberichte

In den kommenden Monaten werden sich die Richter der Kriminalkammer unter anderem mit den Augenzeugen der Anschläge befassen. Mehrfach wurden bei Anschlägen verdächtige Personen gesehen, von denen die Ermittler ausgehen, dass es sich um die Täter handelte. So beobachtete der Gefängniswärter Daniel Lauckes etwa zwei Männer, die zehn Minuten vor dem Anschlag am Findel unweit des amerikanischen Soldatenfriedhofs die Fahrbahn der N2 überquerten. Der Holzhändler Armand Giwer hatte verdächtige Personen beim Anschlag in Heisdorf gesehen und dem Ehepaar Thilquin waren vier Personen beim Anschlag auf die Kasematten aufgefallen.

Ex-Staatsanwälte und Ermittler

Als Zeugen werden aber auch ehemalige Vertreter der Justizbehörden und ehemalige Ermittler angehört. Einige von ihnen waren erst kürzlich im Zusammenhang mit der Geiben-Beschattung zu Wort gekommen. Von ihnen erwartet sich das Gericht ein klareres Bild der Ermittlungen. Zudem werden wohl auch weiterhin die Hintergründe der zahlreichen Pannen im Dossier untersucht. Bereits in den vergangenen Monaten waren ehemalige Verantwortliche arg in Bedrängnis geraten, als sie unter Eid ihr Verhalten im Bezug auf das Bommeleeër-Dossier erklären sollten. Auch in den kommenden Monaten wird dieses Trauerspiel aus gutem Grund fortgesetzt werden.

Volet Findel

Eingehend wird sich die Kriminalkammer „Wort“-Informationen zufolge auch mit dem Anschlag am Findel befassen. Hier war nicht nur eine Doppelsprengung erfolgt, sondern auch eine Sprengfalle in einer Taschenlampe explodiert. Ein Flughafenmitarbeiter, der die präparierte Lampe unvorsichtigerweise angefasst hatte, erlitt schwere Verletzungen an einer Hand. Laut Verteidigung handelt es sich bei diesem Anschlag um ein militärisches Ziel erster Güte. Das dürfte dann der Übergang zum Filet-Stück des Bommeleeër-Prozesses werden: der „Volet Stay Behind“.

Stichwort „Stay Behind“

Sowohl Me Gaston Vogel wie auch Me Lydie Lorang haben sich nämlich im bisherigen Prozessverlauf redlich Mühe gegeben, aufzuzeigen, dass eine Parallelstruktur des Luxemburger „Stay Behind“-Netzwerks „PLAN“ hinter der Attentatsserie stecken könnte: eine Nato-Geheimarmee mit dem Ziel durch eine Destabilisierung des Staates einen Rechtsruck herbeizuführen. Unterstützung wird die Verteidigung wohl dabei auch vom Schweizer Gladio-Experten Daniele Ganser bekommen, der als Zeuge geladen ist. Intensiv wird sich in diesem Zusammenhang sicherlich auch mit dem Luxemburger Geheimdienst befasst. Bereits in den 10 Monaten zuvor war deutlich geworden, dass es bei dem Prozess nicht ausschließlich um Straftaten geht, sondern auch um ein wichtiges Stück Vergangenheitsbewältigung, das auch dazu beitragen soll, die Ausgangssituation und das geschichtliche Umfeld der Attentate besser zu verstehen.

Volet Flammang

In Polizeikreisen wurde lange Zeit über Henri Flammang als möglicher Bommeleeër spekuliert. Flammang hatte sich als Waffenmeister der Polizei über Jahre hinweg eine umfangreiche illegale Waffensammlung angelegt. Als seine verbotene Sammelleidenschaft ans Licht zu kommen drohte, beging er Selbstmord. Nach seinem Tod wurde neben einer Unzahl von Waffen auch eine größere Menge Sprengstoff sichergestellt.

Als Verdächtiger galt Flammang vor allem wegen seiner Ausbildung im Umgang mit „unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“ bei der britischen Armee. Allerdings absolvierte er diese Fortbildung erst im Juni 1987, also mehr als ein Jahr nach dem letzten Bombenanschlag in Luxemburg. Der Sprengstoff, der in seinem Wohnhaus und in jenem seiner Mutter sichergestellt wurde, stammte zudem aus Weltkriegsbeständen und ist somit nicht mit jenem der bei der Attentatsserie benutzt wurde identisch. Belastet wird Flammang dennoch von den Zeugen Johny Michels und André Steffen.

Piste Prince Jean

Die Nachricht war 2005 wie eine sprichwörtliche Bombe eingeschlagen. Bei RTL hatte sich ein Zeuge gemeldet, der im Umfeld des Anschlags am Findel eine „Person des öffentlichen Lebens“ beobachtet haben will. Später wurde bekannt, dass es sich bei dem Verdächtigen um Prinz Jean, den Bruder des heutigen Großherzogs Henri handeln soll. Bereits zur 1986 kursierten erste Gerüchte über eine Verwicklung des Prinzen in die Attentatsserie, nachdem dieser überraschend auf die Thronfolge sowie den Adelstitel „de Luxembourg“ verzichtete und fortan ein bürgerliches Leben als Jean Nassau in Paris führte. In einer beispiellosen Pressemitteilung versuchte die Staatsanwaltschaft am 22. Februar 2006 den Gerüchten ein Ende zu bereiten. Darin hieß es: „[...] le Prince Jean de Luxembourg n'est pas impliqué dans les attentats à l'explosif d'une façon ou d'une autre“.

Volet BMG

Nur wenig wurde sich bislang im Prozess mit den beiden Beschuldigten Jos Wilmes und Marc Scheer befasst. Das wird sich wohl dann ändern, wenn sich die Kriminalkammer dem Sondereinsatzkommando „Brigade Mobile de la Gendarmerie“ (BMG) zuwenden wird. Ermittler und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass die Attentäter aus dem Dunstkreis der damaligen Elite-Einheit, der auch Scheer und Wilmes angehörten, stammen. Genauestens werden dabei mit Sicherheit die Verhöre der einzelnen BMG-Mitglieder durch die Kriminalpolizei analysiert.

Einer genauen Überprüfung wird das Gericht auch die Alibis von Jos Wilmes und Marc Scheer unterziehen. 28 Jahre nach der Attentatsserie dürfte die Einordnung der Alibi-Frage jedoch keine einfache Aufgabe sein.

Wie der bisherige Prozessverlauf eindrucksvoll gezeigt hat, muss im Bommeleeër-Prozess auch künftig stets mit Überraschungen gerechnet werden. Prozessbeobachter dürfen sich auf jeden Fall auf weitere Zeitreisen einstellen, denn eines darf im Bommeleeër-Dossier nicht vergessen werden: Die heutige Zeit ist mit den „wilden Achtzigern“ nicht vergleichbar. Und um das zu verstehen, was Mitte der achtziger Jahre im Großherzogtum geschehen ist, reicht es nicht die Dinge aus heutiger Sicht zu betrachten. Vielmehr muss man sich in diese Zeit hineinversetzen.

Fortsetzung an diesem Montag:

Der Prozess wird am Montag mit einer Konfrontation zwischen den Ermittlern Haan, Büchler und Schockweiler fortgeführt. Dabei geht es insbesondere um das Rechtshilfeersuchen zu einer Beschattung Geibens in Brüssel. Haan hatte beispielsweise ausgesagt, dass er genau wie seine Kollegen Linden und Büchler nicht so genau wusste, warum Schockweiler sie mit nach Brüssel genommen hatte, sie dann aber während der Besprechung der Offiziere vor verschlossenen Türen warten ließ. „Wenn sie das nicht wussten, dann haben sie ihre Arbeit nicht gemacht“, meinte Schockweiler vor der Kriminalkammer.

Am Dienstag sind Lucien Thilquin und Anne-Marie Van den Broeck als Zeugen geladen. Das belgische Paar war kurz vor dem Anschlag in den Kasematten mit einem Wohnmobil auf das Heilig-Geist-Plateau gefahren und hatte vier Tatverdächtige beobachtet. Ebenfalls vorgeladen ist Marcel Bormann, einer der beiden Gendarmen, die die Sprengfalle in Asselscheuerhof rechtzeitig entdeckt hatten und Albert Feiereisen, der Waffenmeister der Gendarmerie, der die Bombe schließlich entschärfte.

Am Mittwoch wird sich zunächst weiter mit der Sprengfalle befasst. Neben Albert Feiereisen ist auch der damalige zweite Mann in der Waffenmeisterei, Ernest Junk, vorgeladen, sowie der Spurensicherer Arnold Mack. Anschließend wird das Gericht Léon Mangen anhören und sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Attentat auf die Gasleitung in Hollerich befassen. Der Polizist Mangen hatte ausgesagt, er habe die BMG-Mitglieder Scheer, Schickes und Hentzen nach ihrem Spezialdienst zum Nationalfeiertag in der Gaststätte „Rouden Eck“ in Bonneweg getroffen. Er war sich zudem „fast sicher“, dass sowohl er wie auch die BMG-Männer erst dort von dem Anschlag in Hollerich erfuhren. 

Für Donnerstag sind fünf Zeugen vorgeladen, darunter Albert Peiffer, der damalige Chef des Interpol-Büros in Luxemburg. Peiffer war zuständig für Übertragungstechniken und somit auch für den technischen Bereich bei Telefonabhörmaßnahmen der Gendarmerie. Der Zeuge Théo Arensdorff wird im Zusammenhang mit dem Anschlag am Gipfeltreffen in Kirchberg angehört. Er hatte ausgesagt, einen der Täter gesehen zu haben, wie er den Sprengsatz aus einem fahrenden Auto geworfen habe. Gespannt dürfte man am Donnerstag auf die Aussage von Georges Kill sein. Der ehemalige Vizepräsident des Verfassungsgerichts hatte Colonel Harpes zufolge gesagt, dass der beigeordnete Staatsanwalt Jean-Marie Hary ihm „bäi engem Patt“ davon erzählt hätte, dass Ben Geiben wegen einer Pädophilie-Affäre aus der Gendarmerie „gegangen worden“ sei. Angehört werden sollen am Donnerstag ebenfalls André Glodt vom Mess- und Erkennungsdienst sowie Ex-Untersuchungsrichter Jean-Mathias Goerens.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Kaum ein Kriminalfall hat Luxemburg derart in Atem gehalten wie die Anschlagsserie, die das Großherzogtum von 1984 bis 1986 erschütterte.
20 Sprengstoffanschläge werden den beiden Beschuldigten angelastet.