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Bommeleeër: Ein Zeuge mit einem guten Gedächtnis
Lokales 5 Min. 16.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Ein Zeuge mit einem guten Gedächtnis

Wo war Marc Scheer beim Anschlag auf das Gipfeltreffen in Kirchberg?

Bommeleeër: Ein Zeuge mit einem guten Gedächtnis

Wo war Marc Scheer beim Anschlag auf das Gipfeltreffen in Kirchberg?
Foto: Marc Wilwert
Lokales 5 Min. 16.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Ein Zeuge mit einem guten Gedächtnis

Mit Armand Stieber stand am Montag ein Zeitzeuge mit einem ausgezeichneten Gedächtnis vor Gericht, der zudem kein Blatt vor den Mund nahm. Seine Überlegungen zur Spur Geiben sind nicht unplausibel.

(str) - Mit Armand Stieber stand am Montagnachmittag ein Zeitzeuge mit einem ausgezeichneten Gedächtnis vor Gericht, der zudem kein Blatt vor dem Mund nahm.

Seinen ersten Kontakt zur Bommeleeër-Affäre habe er bei der gescheiterten Geldübergabe am hauptstädtischen Theaterplatz gehabt, erklärte der Zeuge gestern vor der Kriminalkammer. Er habe sich damals auf eine längere Überwachung eingestellt und sei sehr verwundert gewesen, dass der Einsatz bereits nach wenigen Stunden beendet wurde. Stieber saß mit einem Kollegen in einem Überwachungslieferwagen der Gendarmerie im Parkhaus am Theaterplatz. Wie Stieber hervorhob, wurde dieser Wagen nicht von den Attentätern in jenem Brief aufgeführt, in dem alle beteiligten Einsatzkräfte aufgelistet wurden. Stiebers Schlussfolgerung: Die Bommeleeër hatten zwar Insider-Kentnisse, waren aber nicht zwangsläufig Insider-Täter.

Die Informationen, die die Täter hatten, könnten sie auch aus dem Polizeifunk haben, den abzuhören damals ein nationaler Volkssport gewesen sei. Alles was im Brief der Erpresser stand, sei auch über den Äther gegangen. Vom Lieferwagen hingegen hätten nur der GOR, die BMG und die Mitarbeiter der Gendarmerie-Garage gewusst.

„Bauzegkeeten!“

Der größte Fehler, der in den Ermittlungen geschehen sei, liege bei der Trennung von Ermittlergruppe und „Groupe d'observation et de recherche“ (GOR). Der Informationsfluss sei immer nur in eine Richtung gegangen – zu den Ermittlern. Feedback habe es keinen gegeben. „Dat war ënnert aller Klarinett“, ärgerte sich Stieber. Zudem hätten die Ermittler ihre Zeit „beim Patt“ beim „Gertie“ in Bartringen verbracht, während der GOR teils mit unsinnigen Aufgaben, mit „Bauzegkeeten“, befasst wurde.

Zur Tatsache, dass die Geiben-Spur montags nach dem Anschlag plötzlich keine Spur mehr war, hat Stieber eine ganz eigene Erklärung: „Da gibt es einen Topverdächtigen“, begann Stieber. „Der Mann wird observiert, doch die Observierung schlägt zweimal fehl. Einmal in Brüssel und noch einmal in Luxemburg. Dann legt er uns eine Bombe vor die Nase und zieht am Morgen danach seelenruhig ab. Da hätten auf allen Ebenen Köpfe rollen müssen!“ Das sei aber nicht passiert, betonte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter. „Genau“, meinte Stieber. „Deshalb bin ich überzeugt davon, dass die Spur nur gestorben ist, weil sonst Köpfe hätten rollen müssen.

Die Lösung im FBI-Bericht

Der Grund, warum am Montag nach der Observierung nicht nachgehakt wurde, was denn mit Geiben sei, klingt bekannt: „Ich bin davon ausgegangen, dass die Ermittlungen weiterlaufen würden“, erklärte Stieber, der auch nicht ausschloss, dass gezielt von der Spur Geiben abgelenkt wurde. Überzeugt zeigte sich Stieber hingegen davon, dass der FBI-Bericht von 1986 gezielt unterschlagen wurde. Hätte man den damals schon gehabt, hätte man 20 Jahre früher gewusst, in welcher Richtung die Täter zu suchen seien.

Seine ganz eigene Theorie hat Stieber auch zu dem Anschlag beim Gipfeltreffen der Europäischen Gemeinschaft in Kirchberg. „Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass der Sprengsatz nicht aus einem fahrenden Auto geworfen, sondern gelegt wurde“, unterstrich er. Eine Person alleine hätte das im Auto nicht handhaben können. Und auch zu zweit sei es eine delikate Angelegenheit, schon alleine wegen des Fahrtwindes und der langen Lunte. Zudem würde eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit bestehen, dass der Sprengkörper auf der Lunte aufschlagen und es daraufhin nicht zu einer Explosion kommen würde. Die Aussagen eines Zeugen, der ein Auto flüchten sah, hält Stieber für unwahrscheinlich. Ein Augenzeuge brauche nach dem Knall eine gewisse Zeit, um die Herkunft zu orten. Bei der Länge der Lunte würde zudem eine gewisse Zeit vergehen, bis es überhaupt zur Explosion käme. Der Wagen wäre dann längst außer Sichtweite. Dass ein Sprengsatz sofort beim Aufschlag explodiere, das gebe es nur in James-Bond-Filmen.

Wo war Scheer?

Nach der Explosion am Konferenzzentrum habe zunächst Chaos geherrscht, erinnerte sich der Zeuge. Dann, als sich die Lage beruhigte, habe jemand gefragt: „Wou ass dann Schéier?“ In dem Augenblick habe er Scheer aus einer anderen Richtung kommen gesehen. Ihm sei das erst eingefallen, nachdem sich ein Zeuge gemeldet hatte, der aussagte, Scheer sei mit ihm an der Presse-Bar gewesen.

Scheer hatte in der Sitzung eine Erklärung hierfür parat: „Als es knallte, war ich sehr wohl an der Presse-Bar. Dafür gibt es mehr als nur einen Zeugen. Ich bin dann nach draußen gelaufen und sah eine weiße Rauchwolke“, fuhr Scheer fort. „Was ich danach getan habe, weiß ich nicht mehr. Es kann aber sein, dass ich bei unserem Konvoi war, um nachzusehen, ob dort alles in Ordnung ist. Das würde dann auch erklären, warum ich aus der Richtung gekommen sein könnte, wie von Stieber angedeutet.“

Auch zu Jos Steil wusste Stieber gestern Interessantes zu berichten. Als man Steil im Jahr 2003 zum letzten Mal angehört habe, habe man ihn gefragt, wer denn der Bommeleeër sei. Steil habe dann angefangen, wie ein Wasserfall zu reden. Stiebers Eindruck war, dass Steil sich selbst beschrieben hatte. „Ich hatte das Gefühl, er wollte sich etwas von der Seele reden“, erklärte Stieber, der bis 2005 der Bommeleeër-Ermittlergruppe angehörte. Doch dann sei den Ermittlern die Geschichte zuvorgekommen. Steils Gesundheitszustand verschlechterte sich drastisch und er starb kurze Zeit später.

Immer wieder BMG

In der Geiben-Hypothese habe man sich stets die Frage nach den Mittätern gestellt. „Egal wie ich es gedreht habe, ich bin immer wieder bei der BMG herausgekommen“, so Stieber. „Do sëtzen zwee Leit op der Uklobänk, egal wat déi gemaach oder net gemaach hunn, de Chef d'Orchestre feelt“, unterstrich Stieber abschließend.

Da Jean-Claude Berscheid gestern nicht mehr zu Wort kam, soll er heute angehört werden. Zudem soll es heute auch zu einer Konfrontation der Aussagen von Charles Bourg, Armand Schockweiler und Aloyse Harpes kommen. Die vorsitzende Richterin hatte zu Beginn der gestrigen Verhandlung außerdem angekündigt, dass ebenfalls Patrick Heck und Prosper Klein für Dienstag vorgeladen worden seien.


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