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Bommeleeër: Ein ausgesprochen selektives Gedächtnis
Lokales 4 Min. 27.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Ein ausgesprochen selektives Gedächtnis

Auch die vierte Anhörung von Charles Bourg brachte nicht den erhofften Durchbruch.

Bommeleeër: Ein ausgesprochen selektives Gedächtnis

Auch die vierte Anhörung von Charles Bourg brachte nicht den erhofften Durchbruch.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 4 Min. 27.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Ein ausgesprochen selektives Gedächtnis

Sehr schwer tat sich Charles Bourg am Dienstag, um auf einfachste Fragen zu antworten. Der ehemalige Operationschef der Gendarmerie berief sich immer wieder darauf, dass seit den Geschehnissen inzwischen 28 Jahre vergangen seien.

(str) - Sehr schwer tat sich Charles Bourg am Dienstag, um auf einfachste Fragen zu antworten. Der ehemalige Operationschef der Gendarmerie berief sich immer wieder darauf, dass seit den Geschehnissen inzwischen 28 Jahre vergangen seien. Dann allerdings offenbarte er wiederholt fundiertes Wissen zu Belanglosigkeiten. Klare Antworten auf Fragen gab es jedoch kaum.

Was weiß Charles Bourg und was versucht er zu verheimlichen? Auch die vierte Anhörung des ersten Generaldirektors des fusionierten Polizeikorps brachte nicht den erhofften Durchbruch. Über lange Stunden drehte sich die Verhandlung im Kreis. Immer wieder bohrten Kriminalkammer, Staatsanwaltschaft und Verteidigung nach, doch Bourg blieb dabei: Er habe von den Ermittlungen nichts mitbekommen. Gerüchte habe es gegeben, doch daran erinnern wollte er sich nicht. Es sei eben eine schwierige Zeit gewesen, in der „enorm viel los“ war.

„Hier am Gericht bekommen wir die schlechte Angewohnheit, dass wenn wir keine Antworten bekommen, wir uns selber welche suchen“, ermahnte ihn Sylvie Conter. „Wir haben da auch schon eine Idee im Hinterkopf. Ob Ihnen die gefällt, ist eine andere Frage.“

Keine Fragen gestellt

Warum und ob nach einem Insider gesucht worden sei, könne er nicht sagen, erklärte Bourg. Es sei immer nur von Insiderwissen die Rede gewesen, nicht von Insidern selbst. Nein, er wisse nichts von disziplinarischen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Bommeleeër-Dossier. Er erinnere sich nicht, wo, wie und wann im Jahr 2003 das Gespräch mit Jos Steil stattgefunden habe, bei dem dieser ihm offenbarte, er wisse wer der Bommeleeër sei. Nein, er habe sich keine Fragen gestellt, weil sein persönlicher Sekretär als Bommeleeër-Verdächtiger galt. Warum auch? Wenn etwas gegen Steil vorgelegen habe, dann hätten die Ermittler das ja wohl zu Tage gebracht. Er habe sich einfach auf die Arbeit der Ermittler verlassen.

Darauf angesprochen, ob es noch andere Angelegenheiten gab, bei denen enge Mitarbeiter mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht wurden, erzählte Bourg von einem Polizisten, der Examensfragen geklaut hatte, um diese an seinen Sohn weiter zu geben. Ganz detailliert wusste Bourg zudem darüber Bescheid, welche Gerüchte kursierten, als Ben Geiben die Gendarmerie verließ. Auch an das Rechtshilfeersuchen gegen Geiben konnte sich Bourg gut erinnern. Nur, wer ihn darüber informierte, das wusste er nicht mehr. "Geiben war stets ein Thema, nur nicht, als es darauf ankam, am Wochenende des Anschlags auf den Justizpalast", stellte die vorsitzende Richterin fest.

Interview im „Wort“

Details konnte Bourg ebenfalls zum Lebenswandel von Jos Steil nennen, der trotz hohem Medikamentenkonsums dem Alkohol frönte. Gute Erinnerungen hatte Bourg auch an ein Interview, das Colonel Wagner dem „Luxemburger Wort“ im Jahr 1985 gab. Wann und warum nach dem Anschlag auf den besagten Colonel urplötzlich alle Überwachungsmaßnahmen eingestellt wurden, daran vermochte er sich dann wiederum nicht zu erinnern.

Fast groteske Züge nahm die Anhörung Bourgs an, als die Verteidigerin von Jos Wilmes, Me Lydie Lorang, den Zeugen darauf ansprach, dass er am Montag von Gerüchten zu „de Prënzen“ erzählt hatte. Bourg hatte sich nach minutenlangem Nachhaken zurückgenommen und betont, es sei ihm ein Lapsus unterlaufen, er habe „de Prënz“ sagen wollen. Auf die Frage, wen er denn damit meine, schwieg er beharrlich. „Ich kann ihnen die Namen, die in Frage kommen, nennen: Henri, Jean und Guillaume“, fuhr die Richterin fort. Als Bourg weiter schwieg, meinte die Richterin zynisch: „Sie wissen aber, dass wir in Luxemburg sind und wir einen Großherzog haben?“ - „Ich kann Ihnen den Namen nicht nennen, weil...“, antwortete er, ohne den Satz zu beenden. Dann fuhr er fort: „Ich kann nur sagen, dass mir Leute gesagt haben, es sei einer gesehen worden und der sei angehört worden“. Die Frage nach dem Namen blieb unbeantwortet.

Bourg als Täter?

Totenstille herrschte zum Ende der Verhandlung, als der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald Bourg fragte, was denn seine Rolle im Rahmen der Attentate und Attentäter war. Bourg nahm zunächst weit aus, sprach von operationellen Präventionsmaßnahmen, vom Papstbesuch und vom Vorsitz der Europäischen Gemeinschaft. Ins Bommeleeër-Dossier habe er sich nicht eingemischt.

Dass Oswald mit seiner Frage etwas ganz anderes im Sinn hatte, schien außer Bourg jedem im Gerichtssaal klar zu sein. Der Groschen fiel, als der beigeordnete Staatsanwalt seine Frage dann umformulierte:„Hat den Här Bourg op iergendeng Art a Weis mat den Attentater ze dinn oder deckt en iergendeen?“ - „Ech weisen daat entschieden zeréck“, beeilte Bourg sich mit ungewohnt fester Stimme zu antworten.

Am Mittwoch ist der Nachfolger von Charles Bourg als Polizeidirektor, Pierre Reuland, als Zeuge geladen. Bourg soll zu einem späteren Zeitpunkt mit anderen Zeugen konfrontiert werden, damit bei den Widersprüchen in den Aussagen Klarheit geschaffen werden kann.


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