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Bommeleeër: „Dir waart de Chef“
Lokales 5 Min. 04.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Dir waart de Chef“

"Sich nicht zu erinnern, ist die einfachste Methode, sich nicht zu verplappern", sagte die vorsitzende Richterin am Dienstag zu Patrice Solagna (r.), der im Anschluss an Marc Zovilé (l.) angehört wurde.

Bommeleeër: „Dir waart de Chef“

"Sich nicht zu erinnern, ist die einfachste Methode, sich nicht zu verplappern", sagte die vorsitzende Richterin am Dienstag zu Patrice Solagna (r.), der im Anschluss an Marc Zovilé (l.) angehört wurde.
Foto: Anouk Antony
Lokales 5 Min. 04.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: „Dir waart de Chef“

„En Désinterêt total“, unterstellte die Verteidigung am Dienstag dem Offizier Marc Zovilé. Doch der wollte diese Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Allerdings, räumte er ein, sei für ihn die Sicherheit des Gipfeltreffens von höherer Priorität gewesen als die Fahndung nach den Tätern.

(str) - „En Désinterêt total“ unterstellte die Verteidigung am Dienstag dem Offizier Marc Zovilé. Doch der wollte diese Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Allerdings, räumte er ein, sei für ihn die Sicherheit des Gipfeltreffens von höherer Priorität gewesen als die Fahndung nach den Tätern.

Es gebe noch Klärungsbedarf in Bezug auf das Attentat beim Gipfeltreffen in Kirchberg, betonte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter zu Beginn des 125. Verhandlungstags. An jenem Abend war der heutige Chef der „Inspection générale de la police“, Marc Zovilé, zuständig für das Sicherheitsaufgebot im und um das Kirchberger Konferenzzentrum.

„Ech mengen, ech wier um P.C. gewiescht“, erklärte er. Die Abkürzung steht im Polizeijargon für „Poste de commandement“. Als es knallte, sei er rausgelaufen. Er habe die ganzen Pressefotografen und Kameraleute vor sich gehabt. Zwei bis drei Minuten habe er mindestens gebraucht, bis er am Tatort gewesen sei. Somit sei es denn auch kaum möglich, dass er den weißen Audi gesehen habe, der Zeugen zufolge gleich nach dem Anschlag die Flucht ergriff.

„Keine Fragen gestellt“

Es sei denn auch wohl kaum vorstellbar, dass er den Befehl gegeben habe, den Wagen zu verfolgen – es sei denn über Funk. Aber daran könne er sich nicht erinnern. Im Gedächtnis sei ihm aber geblieben, dass ein Wagen gestoppt wurde, die Überprüfung aber „negativ“ verlaufen sei.

Fragen habe er dazu nicht gestellt, zumindest könne er sich nicht daran erinnern. Es sei aber wahrscheinlich, dass im Anschluss darüber gesprochen worden sei. Seine Priorität sei ohnehin nicht der Anschlag gewesen, sondern die Sicherheit der Politiker, die Aufrechterhaltung des Sicherheitsaufgebots sowie die Errichtung eines Sicherheitsperimeters. Den Rest zu koordinieren sei Aufgabe des P.C. gewesen.

„Do gëtt en Auto gestoppt an Dir frot net, wien dat war?“, wunderte sich die Richterin. „Här Zovilé, hei si vill Leit, déi Iech net gleewen, datt Dir do net nogefrot hutt“. – „Ech kann hei keng Saachen erzielen, un déi ech mech net méi erënneren“, hielt Zovilé dem entgegen. „Dat sinn 28 Joer hier“.

Doch bei der Richterin erntete er wenig Verständnis: „Dir waart de Chef!“, erwiderte Sylvie Conter. „Wee solle mer da froen?“

„Eine klare Aufgabenteilung“

Damit schien sie einen wunden Punkt bei Zovilé getroffen zu haben. Später erklärte er, dass der Sachverhalt vor Gericht so dargestellt würde, als wäre jeder für alles zuständig gewesen. Da habe es aber eine klare Aufgabenteilung gegeben.

Zovilé blieb dabei: „Et war jo gesot ginn, et wier negativ. Ech hunn dat einfach net a Fro gestallt“, unterstrich Zovilé inzwischen deutlich genervt. „Elo fällt mir no 28 Joer op de Kapp, datt ech net deenen aneren hir Aarbecht gemaach hunn“, meinte er. „Ech verstinn, datt déi Geschicht mam Auto haut, 2014, wichteg ass. Mä deemools war et dat net. Deemools war dat negativ.“ Das habe nichts mit Desinteresse zu tun. Jeder sei darauf erpicht gewesen, den Bommeleeër zu stellen. Der Gipfel sei für ihn aber zu dem Moment von höherer Priorität gewesen.

Verteidiger Me Vogel beantragte nach Zovilés Anhörung, dass dessen Aussage transkribiert und unterzeichnet werde. Nach der Anhörung von Solagna stellte die Staatsanwaltschaft ebenfalls einen derartigen Antrag. In der Verhandlung am Dienstag verhielt sich die Staatsanwaltschaft übrigens auffällig ruhig. Heute werden die Offiziere Charles Hamen und Charles Bourg zum „Sommet“-Attentat angehört.

Solagna: "Nur das eine Bild"

Beim Gipfeltreffen Anfang Dezember 1985 in Kirchberg war der heutige Chef der Kriminalpolizei, Patrice Solagna, zur Nachtschicht eingeteilt. Wie er am Dienstag betonte, war er die Ablösung von Charles Hamen. Am Abend des Anschlags sei er knapp 30 Minuten vor Dienstbeginn vor Ort eingetroffen. Er habe seine Sachen am „Poste de commandement“ abgelegt und sei dann zurück in den Flur gegangen.

Dort habe er den gedämpften Knall der Explosion vernommen. Er erinnere sich an den Knall, an die Druckwelle und daran, dass Charles Bourg und Jos Steil wenige Meter vor ihm gestanden hätten.Damit widersprach Solagna Aussagen, denen zufolge Steil der Fahrer des in Senningerberg gestoppten weißen Audi 100 war. Solagna präzisierte, dass er nur das eine Bild in Erinnerung habe, keinen ganzen Film. Ansonsten könne er sich an nichts mehr erinnern. Es sei einfach zu lange her, betonte er.

Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald wollte von Solagna mehr über einen Eintrag aus dem Tätigkeitsbericht des Abends nach der Explosion wissen. Aus dem Dokument geht nämlich hervor, dass Solagna um 19.10 Uhr eine Patrouille angefordert hatte, die eine verdächtige Person am „Poste de commandement“ abholen und zur Sûreté bringen sollte. Doch auch daran konnte sich Solagna nicht erinnern. „Mä wann dat do steet, da war dat esou“, meinte er. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um den Fahrer des weißen Audi gehandelt haben könnte, doch das ist rein spekulativ.

Zu Beginn seiner Anhörung wusch die vorsitzende Richterin Solagna zunächst den Kopf. Wieso er denn, gleich nachdem er vergangene Woche von den Ermittlern auf das „Sommet“-Attentat angesprochen wurde, mit Charles Hamen telefoniert habe. „Wat soll dat?“ fragte die Richterin. „Mir hätte léiwer, d’Leit schwätze sech net virdrun of, mä soen eis hei d’Wourecht“, betonte sie. Solagna rechtfertigte sich, er und Hamen seien seit jeher gute Freunde und würden seit mehr als 25 Jahren täglich zusammenarbeiten. Beide würden regelmäßig über alltägliche Dinge sprechen. Von Absprache könne keine Rede sein.


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