Bommeleeër: Die Sache mit dem „Cui prodest“

Norbert Maes: Tod von Patrice Conrardy beschleunigte Modernisierung

Gendarmerie-Gewerkschafter Maes: Attentate waren für die Modernisierung der Sicherheitsorgane nicht ausschlaggebend.
Gendarmerie-Gewerkschafter Maes: Attentate waren für die Modernisierung der Sicherheitsorgane nicht ausschlaggebend.
Foto: Romain Schanck

(str) -  „Cui prodest“ – Wem nützt es? Diese Frage war eines der Schlüsselelemente der Anklageschrift von Robert Biever vor der Ratskammer im Jahr 2010. Die Antwort wurde am 142. Verhandlungstag von einem ehemaligen Gendarmerie-Gewerkschafter in Frage gestellt.

„Was mich persönlich stutzig gemacht hat, ist der Umstand, dass, nachdem 100 zusätzliche Gendarmen eingestellt worden waren, die Serie der Sprengstoffanschläge aufhörte“. Mit diesen Worten zitierte Biever in der Anklageschrift den ehemaligen beigeordneten Staatsanwalt Jean-Marie Hary. Die Ermittlungen hätten zudem erwiesen, dass ausschließlich die Ordnungskräfte einen Nutzen aus den Attentaten gezogen hätten. Binnen fünf Jahren sei das Budget um 64 Prozent erhöht worden, das Personal um 28 Prozent verstärkt. Die Regierung habe quasi alle Forderungen der Ordnungsmacht nach den Anschlägen erfüllt. Zwei Monate nach dem Anschlag auf Colonel Wagner sei der Maßnahmenkatalog veröffentlicht worden, der Inhalt sei aber bereits lange zuvor bekannt gewesen.

Harte Jahre für Sicherheitskräfte

Dem widersprach am Donnerstag der ehemalige Gendarmerie-Gewerkschafter Norbert Maes. Die Attentate hätten zwar zur Modernisierung des Polizeiapparats beigetragen, sie seien aber nicht ausschlaggebend gewesen. Die 80er- Jahre seien für jeden, der bei der Gendarmerie oder der Polizei Dienst tat, sehr harte Jahre gewesen. Über Gewerkschaftsaktionen sei damals nachgedacht worden. Man habe jedoch befürchtet, diese könnten dem Militärgesetz nach als Sabotage ausgelegt werden.

Es sei nicht so gewesen, dass es von heute auf morgen zu den Veränderungen gekommen sei. „Dat huet säi Wee gemaach“, betonte Maes. 1984 habe es einen Regierungswechsel gegeben. Der neue Minister der Öffentlichen Macht, Marc Fischbach, habe sich erst einarbeiten müssen. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit habe der Minister betont, dass der Name Fischbach wieder einen guten Stellenwert in der Öffentlichen Macht bekomme. Er habe die Gewerkschaft stets gut empfangen und Fischbach habe gehandelt, wo er konnte, so Maes.

Die Polizei nicht in Aktion gesehen

Die Attentate hätten zwar wohl zum Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung beigetragen, ausschlaggebend seien aber eher die zahlreichen bewaffneten Überfälle gewesen. Bei einem Überfall habe der Bürger die Ordnungskräfte in Aktion gesehen. Es seien immer Kontrollposten eingerichtet, der Verkehr angehalten und die Fahrzeuge kontrolliert worden. „Beim Bommeleeër hunn d'Leit net sou direkt eppes matkritt, wann d'Police oder d'Gendarmerie eppes ënnerholl huet“, erklärte Maes.

Der gewaltsame Tod des Polizisten Patrice Conrardy habe den Stein ins Rollen gebracht. Noch auf dem Begräbnis des Beamten habe Fischbach den Gewerkschaften ein kurzfristiges Treffen angeboten. „Sot eis alles, wat der gären hätt“, habe Fischbach gesagt. Die Gewerkschaften seien regelrecht überrumpelt gewesen von der Schnelligkeit, mit der plötzlich gehandelt wurde. Alle Wünsche bis auf den Polizeihubschrauber seien in den Folgejahren umgesetzt worden.

Drei Gendarmen, zwei Westen

„Wéi d'BIL iwwerfall ginn ass, war ech Chef zu Wolz“, erzählte Norbert Maes. „Iwwer Funk hu mer matkritt, datt an der Stad geschoss ginn ass. Mir waren zu véier op der Gendarmerie. Ech hu missen op der Statioun bleiwen, an déi aner dräi si rof an d'Stad gefuer. Ech hat awer nëmmen zwou Schutzwesten. Ech hunn du missen entscheeden, wien eng kritt a wien net. En plus si mer deemools mat enger 'R5' op d'Iwwerfäll gefuer, dat war guer näischt!“

Für ihn sei klar, dass die Attentate zwar zur Modernisierung beigetragen hätten. Sie seien aber nicht ausschlaggebend gewesen. „Mir haten et net anescht verstan“, meinte die vorsitzende Richterin Sylvie Conter. „Et sinn aner Leit, déi et anescht verstan hunn“, bemerkte Verteidiger Me Vogel in Anspielung auf Robert Biever. „Jo, mä mir sinn et, déi hei entscheeden“, hielt dem die Richterin entgegen.

Förster mit blauem Jeep

Zu Beginn der Sitzung berichtete Ermittler Marc Weis, dass ein Förster, der 1985 einen blauen Suzuki-Jeep mit einer grünen Militärkiste auf der Ladefläche fuhr, es für möglich halte, dass das Ehepaar Schommer ihn im Wald am Flughafen gesehen habe. Er sei damals, wie alle Förster grün gekleidet gewesen, habe aber auch oft sein „Field-Jacket“ aus der Armee getragen und sei öfters in den Wäldern im Raum Sandweiler-Moutfort unterwegs gewesen.

Als Zeuge war am Donnerstag auch der ehemalige Generaldirektor von Saint-Paul Luxembourg, Paul Zimmer, geladen. In einem mit „Francis Schmit“ unterzeichneten Brief hieß es, Zimmer habe bei einem Dorffest erzählt, dass der Schaden, der bei dem Anschlag auf das „Luxemburger Wort“ entstand, mit einem Scheck beglichen wurde, der mit „Jean“ unterzeichnet gewesen sei. Zimmer bestritt sowohl den Umstand, wie auch jemals so etwas erzählt zu haben. Der Verfasser des Briefs konnte bislang nicht ausfindig gemacht werden.

Ein anonymer Brief brachte auch Adjudant-Major Gustave Moes in den Zeugenstand. Der Verfasser hatte geschrieben, die Armee-Freunde von Moes wüssten mehr zu den Attentaten. Moes konnte sich allerdings keinen Reim auf den Brief machen.

Am Montag wird der Prozess mit der Anhörung von Armand Giwer fortgesetzt. Am Dienstag folgt Johny Michels.