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Bommeleeër: Die Märchenstunde des Herrn G.
Lokales 5 Min. 09.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Die Märchenstunde des Herrn G.

Der Bericht der RTL-Journalisten Marc Thoma (m.) und Nico Graf (r.) über eine angebliche Pfadfinder-Miliz beschäftigte am Montag die Kriminalkammer.

Bommeleeër: Die Märchenstunde des Herrn G.

Der Bericht der RTL-Journalisten Marc Thoma (m.) und Nico Graf (r.) über eine angebliche Pfadfinder-Miliz beschäftigte am Montag die Kriminalkammer.
Foto: Anouk Antony
Lokales 5 Min. 09.12.2013 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Die Märchenstunde des Herrn G.

Eigentlich wurde am Montag mit Spannung die Anhörung von Ex-Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes erwartet. Thema der 100. Sitzung im Bommeleeër-Prozess war dann aber ausschließlich ein RTL-Nachrichtenbeitrag von vergangener Woche.

(str) - Eigentlich wurde am Montag mit Spannung die Anhörung von Ex-Gendarmerie-Kommandant Aloyse Harpes erwartet. Thema der 100. Sitzung im Bommeleeër-Prozess war dann aber ausschließlich ein RTL-Nachrichtenbeitrag von vergangener Woche.

In diesem Bericht hatte ein anonymisierter Informant von einer militanten Pfadfindertruppe erzählt, zu der er in den 80er Jahren gehört habe - junge Männer mit rechtsextremen Ideen und paramilitärischer Ausbildung. Bei regelrechten Planspielen habe man in den Wäldern Schießübungen gemacht, bei Survival-Camps habe man Sprengfallen mit Taschenlampen gebastelt und als Krönung habe man ein Waldhäuschen gesprengt. Vor allem eine Aussage schlug aber ein wie die sprichwörtliche Bombe: Kopf der Bande sei der beigeordnete Kommandant der „Brigade Mobile“ der Gendarmerie Jos Steil gewesen. Der Redefluss des Mannes im Interview schien ungebremst.

Am Tag nach der Austrahlung hatte sich der Mann bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und wurde auch gleich am Nachmittag fünf Stunden lang von den Bommeleeër-Ermittlern angehört. Was er dabei zu Protokoll gab, war allerdings weit von dem entfernt, was er im RTL-Bericht ausgesagt hatte.

Steil oder nicht Steil?

Am Montag wurde der inzwischen nicht mehr anonyme Informant Robert Gredt dann vor der Kriminalkammer als Zeuge angehört, wo er in groben Zügen das wiedergab, was er am Freitag den Ermittlern erzählt hatte.

Der Mann, der die Gruppe geleitet habe, sei nicht Jos Steil gewesen. Er habe von den RTL-Journalisten Bilder von Steil gezeigt bekommen und auf einem Foto von Steil im Gendarmerie-Drillich und mit Stahlhelm habe er den „Här Jos“ aus der Pfadfinder-Miliz geglaubt wiederzuerkennen. Am Freitag bei den Ermittlern wurden ihm dann weitere Bilder von Steil gezeigt. Dabei sei ihm insbesondere ein Foto von Jos Steil in Badehose ins Auge gestochen: Der Jos, den er meinte, habe nämlich im Gegensatz zu Steil ein Schlangentattoo am linken Oberarm gehabt. Zudem sei er sportlicher aber auch ungepflegter gewesen als Steil. Er habe sich eben geirrt und würde sich deshalb auch gerne bei Steils Familie entschuldigen.

"Furchtbar erschreckt"

Aber auch seine Aussagen zur paramilitärischen und nachrichtendienstlichen Komponente der Pfadfindertruppe schienen auf einmal recht fadenscheinig. Es sei beispielsweise nur darum gegangen, die Eltern eines Scoutchefs in Diekirch ausfindig zu machen. Sprach er im RTL-Interview noch freizügig von vielseitigen Schießübungen, so war am Montag nur noch ein einzelner Schuss aus einer Schrottflinte übrig, der ihn zudem noch furchtbar erschreckt habe. Die Truppe habe reichlich Alkohol und Cannabis konsumiert und enge Bande zu einem Motorradclub gepflegt.

Dann sei es aber zum Eklat und zur Trennung zwischen ihm und der Gruppe gekommen, zum einen weil er Schwierigkeiten mit den rechtsextremen Ansichten der Truppe gehabt habe, zum anderen wegen des Schlüsselerlebnisses mit dem Gewehr. Damals habe er sich keine Fragen gestellt und sich bei dem charismatischen „Här Jos“ sehr wohl gefühlt. Heute beschleiche ihn jedoch das Gefühl, dass die jungen Männer aus der Truppe vielleicht nur benutzt worden seien und dass sie vielleicht Teil von etwas Größerem gewesen sein könnten.

Über Sprengungen sei nur geredet worden. Die Sprengung des Waldhäuschens habe nichts mit der Truppe zu tun. Dabei habe es sich um ein Forsthäuschen auf der ehemaligen Müllkippe in Bartringen gehandelt, das damals von Jugendlichen aus der Gegend gesprengt worden sei. Die Namen kenne er zwar, aber wolle sie nicht nennen, da dies ja schließlich nichts mit dem Bommeleeër-Dossier zu tun habe. Die Bezeichnung „GIRL“ für „Groupe d'intervention et de recherche Luxembourg“ habe er nicht ins Gespräch gebracht, das seien die RTL-Reporter gewesen.

Nico Graf als Zeuge

Der RTL-Télé-Journalist Marc Thoma hatte zu Beginn der Verhandlung die Aussage verweigert. Sein Radio-Kollege Nico Graf ließ es sich aber nicht nehmen, unter Eid auf die Aussagen von Robert Gredt zu reagieren - schließlich hatte der Zeuge den Quellenschutz de facto selbst aufgehoben, als er sich an die Staatsanwaltschaft wandte und vor der Kriminalkammer aussagte.

Zum Kontakt zum Informanten sei es auf dessen Initiative und in einem anderen Zusammenhang gekommen.

Irgendwann habe er von den „Terrorscouten“, wie Nico Graf sie nennt, gesprochen. Er habe viel von einem Jos geredet, einem Motivator und „gudde Schwätzer“. Irgendwann habe Nico Graf ihn dann direkt gefragt, ob es sich dabei um Jos Steil handele. „Jo dat ass deen“, habe Gredt ihm geantwortet. Zu Beginn habe er einer Reportage nicht zugestimmt, erst als im Prozess der „Kuelbecher Haff“ und dortige Trainingseinheiten der Brigade Mobile thematisiert worden seien, habe er sich wieder gemeldet. „Da brengt dat dach“, habe er den RTL-Journalisten quasi zur Berichterstattung aufgefordert.

Im Interview habe er dann stets von Steil gesprochen und von braunen Stangen, fantastischen Leuten, fantastischen Scouts sowie einem fantastischen Typen.

"GIRL" ohne "O"

Nein, man habe dem Zeugen keine Bilder von Jos Steil gezeigt. Der habe die selbst im Internet recherchiert. Man habe ihn nicht unter Druck gesetzt und ihm nichts vorgekaut. Auch den Gruppennamen „GIRL“ habe Gredt selbst genannt, erzählt Nico Graf. Er habe noch gelacht, weil Gredt stets von „Observation“ geredet habe und in „GIRL“ nunmal kein „O“ sei. Der Informant habe noch mehr erzählt, als man im Bericht berücksichtigt habe. Er habe von Erpressung auf internationaler Ebene geredet, von Verzweigungen nach Belgien und davon, dass der Srel von der Gendarmerie unterwandert worden sei. „Dat ass eng Saach, déi ass méi grouss ewéi de Bommeleeër“, habe Gredt stets gesagt, betonte Nico Graf im Zeugenstand. Die Aussagen des Zeugen hätten zudem Parallelen zu einem anonymen Brief aufgewiesen, den Graf 2012 erhalten hatte.

Die Kriminalkammer bat die RTL-Journalisten zum Ende der Verhandlung darum, das ungeschnittene Interview einsehen zu dürfen. RTL.lu zufolge denkt das Unternehmen nun über diesen Schritt nach. Dem Gericht würde dies die Möglichkeit geben, den Zeugen mit den Widersprüchen zu konfrontieren.

Am Dienstag wird der Prozess mit der Anhörung von Aloyse Harpes fortgesetzt.


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