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Bommeleeër: "De Wilmese Jos an ech!"
Lokales 9 Min. 28.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "De Wilmese Jos an ech!"

Nach 70 Verhandlungstagen befasste sich das Gericht am Montag erstmals eingehend mit den zwei Angeklagten Jos Wilmes und Marc Scheer.

Bommeleeër: "De Wilmese Jos an ech!"

Nach 70 Verhandlungstagen befasste sich das Gericht am Montag erstmals eingehend mit den zwei Angeklagten Jos Wilmes und Marc Scheer.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 9 Min. 28.01.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: "De Wilmese Jos an ech!"

70 Verhandlungstage mussten verstreichen, bevor der eigentliche Prozess gegen die beiden Angeklagten losgehen konnte. Seit Dienstagmittag ist das nun der Fall: Am 71. Verhandlungstag nahmen die Ermittler, allen voran Joël Scheuer, die Verhöre von Marc Scheer und Jos Wilmes erstmals unter die Lupe.

(ham) - 70 Verhandlungstage mussten verstreichen, bevor der eigentliche Prozess gegen die beiden Angeklagten losgehen konnte. Seit Dienstagmittag ist das nun der Fall: Am 71. Verhandlungstag nahmen die Ermittler, allen voran Joël Scheuer, die Verhöre von Marc Scheer und Jos Wilmes erstmals unter die Lupe. 

Was wurde in den letzten acht Monaten nicht alles zur Sprache gebracht: Einflussnahmen der Politik, Druck seitens der Polizeispitze, militärische Pisten, ermittelnde Spione, terroristisch veranlagte Väter, sogar die Lebensumstände ehemaliger Hauptverdächtiger. Und natürlich die zahlreichen Pleiten, Pech und Pannen, die das Dossier in den achtziger Jahren (und noch weit danach) begleiteten.

Und genau wegen dieser Pleiten, Pech und Pannen stehen der Anklage im Jahr 2013 nur eine Hand voll Elemente zur Verfügung. Es fehlen konkrete Beweise, solide Augenzeugen und ein einwandfreies Geständnis. In der Hand hat die Staatsanwaltschaft lediglich einige Gutachten, ein mögliches Motiv und vor allem die Aussagen der beiden Angeklagten während ihrer Anhörungen im November 2006.

Aus der Reihe getanzt

Es sind diese Aussagen, die dazu führten, dass Marc Scheer und Jos Wilmes sich heute vor Gericht wegen der Bombenattentate verantworten müssen. Den Erklärungen des Ermittlers Joël Scheuer zufolge waren es vor allem Scheers Erläuterungen, die beide Ex-Gendarmen ins Visier der Kriminalbeamten rückten.

"Ënnert den Schwaarz-Wäissen woren mir di Faarwegst", meinte der Betroffene Anfang 2012 im Interview mit dem "Luxemburger Wort". Treffender kann man es kaum ausdrücken, hatten die Ermittlungen die Fahnder lediglich auf die Spur "BMG" gebracht. Einen konkreten Namen konnte man, wie Chefermittler Carlo Klein  am Montag erklärte, bis dahin nicht nennen.

Also wurden sämtliche BMG-Mitglieder im Jahr 2006 wieder zum Verhör gebeten. Und dabei seien vor allem zwei Personen aus der Reihe getanzt: Marc Scheer mit seinen Aussagen und Jos Wilmes mit seinem Benehmen.

Marc Scheer unter der Lupe

Am Dienstag wurden zunächst die Aussagen von Marc Scheer näher unter die Lupe genommen. Am 10. November 2006 fand dieser sich ein erstes Mal bei den Ermittlern ein. "Das Gespräch verlief zunächst ganz normal und ohne Probleme", so Joël Scheuer, der zusammen mit Ermittler Guy Marx die Anhörung leitete. "Uns war nur aufgefallen, wie gut er sich an die Tatorte und Sprengvorrichtungen erinnern konnte".

Dies sei besonders aufgefallen, als das Attentat in den Kasematten zur Sprache kam. Scheer habe sich die Vorgehensweise der Täter relativ präzise ausmalen können, so Scheuer. "Er konnte sich die von den Tätern gewünschten Folgen bildlich ganz gut vorstellen", erinnerte sich der Ermittler.

Als dann der als Zeitzünder benutzte Eierwecker ins Spiel gebracht wurde, habe der damalige Zeuge erklärt, die Funktionsweise zwar zu kennen, diesen aber noch nie gesehen zu haben. "Während dieser Aussage hat er mit den Händen gezeigt, wie man einen Eierwecker aufzieht", so Scheuer. Und dann habe er plötzlich, zur größten Verwunderung der Ermittler,  gesagt: "Dat war keng grouss Sach. Mir hun en einfach opgezunn, dohinner geluecht an sin gangen".

Zurück in die Vergangenheit

Scheer meldete sich am Dienstag selbst zu Wort, um diesen "Vorwurf" zu entkräften: "Ich kann mir nicht vorstellen, das gesagt zu haben. Schon gar nicht ,wir'. Wir waren nämlich zu diesem Zeitpunkt bei der Sprengfalle in Asselscheuer. Und dafür gibt es Zeugen", so der Angeklagte, der in der Folge immer wieder das Wort ergriff, um sich und seine damaligen Aussagen zu rechtfertigen.

"Guy Marx und ich hatten uns nicht verhört. Herr Scheer war stark in seine Überlegungen vertieft. Es schien uns, als habe er sich selbst in diese Zeit zurück versetzt gefühlt", so Scheuer daraufhin. Er habe auch den Eindruck gehabt, als sei Scheer zu diesem Moment klar geworden, was er da gerade gesagt hatte.

Bei einer zweiten Anhörung drei Tage später sei Scheer u.a. mit einer Bemerkung zum Attentat auf das Schwimmbad auf dem Kirchberg aufgefallen. Jeder habe eben seine eigene Art, seiner Freude über die Pensionierung von Colonel Wagner Ausdruck zu verleihen, habe Scheer dazu gesagt. Tatsächlich wurde das Attentat am Tag der Amtsübergabe zwischen dem ehemaligen Gendarmerie-Chef und seinem Nachfolger, Aloyse Harpes, verübt.

Diese Aussage brachte die Verteidigung auf den Baum: Scheuer gebe nicht das ganze Gespräch wieder. Scheer habe nicht gewusst, an welchem Tag dieses Attentat war. Daraufhin hätten ihm die Ermittler mitgeteilt, dass es am Tag von Wagners Pensionierung war. Und dann sei es eben zu dieser Bemerkung des Angeklagten gekommen. Sie sei zwar unglücklich gewesen, so Me Lorang, doch längst kein Grund, den Mann anzuklagen.

Offener Schlagabtausch

In der Folge entwickelte sich ein offener Schlagabtausch zwischen Gericht, Verteidigung und Ermittler, dem Me Vogel und Me Lorang vorhielten, nur seine Meinung kund zu tun. "Meinungen sind keine Fakten", betonte Me Vogel mehrmals. "Wegen (Scheuers) Eindrücke sitzen wir hier! Ist dieses Verhör aufgenommen worden? Nein! Wie können wir also kontrollieren, ob das auch so war!", so Vogel, der immer wieder bedauerte, dass diese Anhörung nicht aufgezeichnet worden war.

"Nur weil Ihr Mandant das abgelehnt hat", entgegnete Joël Scheuer, der eigenen Angaben zufolge ganz glücklich über eine Video-Aufzeichnung gewesen wäre. Auch die Richterin pflichtete dem bei: "Sie können sich hier nicht aufregen, dass Sie keine Mittel haben, die Eindrücke der Ermittler per Video zu überprüfen, wenn es Ihr Mandant war, der eine Aufzeichnung abgelehnt hat."

Insiderwissen?

Zur Sprache kamen in der Folge mehrere Ungereimtheiten in den Aussagen von Marc Scheer. "Auffallend aber war vor allem, dass Marc Scheer quasi in allen Punkten die Ermittler belehren und sein profundes Wissen (zu Tatorten, Vorgehensweisen und Sprengvorrichtungen, Anm. d. Red.) mitteilen wollte", so der Ermittler. Von den anderen BMG-Mitgliedern hätten die Fahnder keine so präzisen Informationen erhalten.

Angeführt wurden Scheers Aussagen u.a. zu der Sprengvorrichtung in Asselscheuer und die Sprengfalle auf dem Flughafen, bei der nicht mal die Experten nach dem Attentat die komplette Funktionsweise zu erklären wussten.

Man könne es ja aber auch so deuten, dass Scheer das einzige Mitglied der BMG war, das den Ermittlern helfen wollte, gab Richterin Sylvie Conter zu bedenken. Scheer pflichtete dem bei: "Ich wollte helfen und etwas zu den Ermittlungen beitragen. Ich habe vielleicht eine zu gute Phantasie", meint der Angeklagte, der am Dienstag aber gleich mehrmals von der Richterin in die Mangel genommen wurde.

"De Wilmese Jos an ech"

Keine plausible Erklärung fand die Richterin nämlich für das Benehmen von Marc Scheer, nachdem ihm am 13. November 2006 mitgeteilt worden war, dass im Zusammenhang mit dem Attentat auf dem Findel auf Höhe des Soldatenfriedhofs in Hamm zwei Personen gesehen wurden, die die Straße überquerten.

Zuvor hatte Scheer den Ermittlern bereits mehrmals erklärt, nie mit der BMG dort Patrouille gefahren zu sein. "Es war aber nie unsere Frage, ob die Brigade mobile dort Patrouillen gefahren ist", meinte der Ermittler. Seine Antwort sei zu diesem Moment also sehr komisch gewesen, so Scheuer. "Zu diesem Zeitpunkt eine unlogische und unpassende Antwort. Wir haben auch nie angeregt, dass er im entferntesten etwas mit dem Zeugen oder den zwei Verdächtigen zu tun hatte". 

Am 16. November wurde das Verhör fortgesetzt und dabei wurde Scheer auch mit der Täterbeschreibung des Zeugen konfrontiert: ein dünner Großer und ein kräftiger Kleiner.  Scheer habe daraufhin gesagt "de Wilmese' Jos an ech". Dies habe er dann zwei Mal auf weitere Hinweise der Ermittler hin  wiederholt, bevor er laut Scheuer fast hysterisch wurde.

Scheer sei anschließend von den Ermittlern darauf hingewiesen worden, dass er selbst ausgesagt habe, nie dort auf Patrouille gewesen zu sein. Dieser aber behauptete plötzlich das Gegenteil und das mit Nachdruck. "Die niedergeschriebenen Aussagen geben nicht annähernd die Stimmung im Raum wieder", so der Ermittler.

"Kein Kommentar, keine Richtigstellung, nichts"

Als die Ermittler ihm die Aussagen nochmals vorlasen, habe er kein Wort mehr gesagt und sehr angespannt gewirkt. "Er war sich der aus seinen Aussagen resultierenden Konsequenzen vollkommen bewusst. Kein Kommentar, keine Richtigstellung, nichts. Er hat es durchgelesen und unterschrieben", so Scheuer.

Scheer hingegen versuchte sich während der Verhandlung erneut zu rechtfertigen. Ihm sei während der Anhörung im November 2006 plötzlich bewusst geworden, dass er sehr wohl mit seinem Partner zum Findel hätte bestellt werden können, vielleicht um ein Loch im Zaun zu untersuchen.

Als er dann mit der Täterbeschreibung konfrontiert wurde, habe er sofort eingesehen, dass er und Jos Wilmes dann wohl doch dort Patrouille gefahren seien. Er habe sich nichts dabei gedacht, schließlich seien er und sein Kollege unschuldig, so Scheer.

Ein schlechter Scherz?

Die Richterin blieb skeptisch. Sie störte sich vor allem an der Aussage Scheers, er habe verschiedene Bemerkungen nur im Spaß getätigt. "Wenn man einerseits behauptet, den Ermittlern helfen zu wollen, andererseits dann herumscherzt ...", so die Richterin.

Niemand habe 2006 von Marc Scheer verlangt, sich an 1985 erinnern zu können, meinte die Richterin. Er habe ganz einfach sagen können, dass er sich nicht mehr daran erinnere. Er habe sich jedoch zu Scherzen hinreißen lassen, die er jetzt mit Nervosität rechtfertige.

Während des Verhörs habe auf dem Tisch das Logbuch der BMG gelegen, meinte auch Ermittler Scheuer. Mehrmals habe Scheer darin geblättert. In dieser heißen Phase der Anhörung jedoch habe er dies nicht mehr getan. Und im Logbuch habe ganz klar gestanden, dass Scheer und Wilmes an diesem Tag nicht im Einsatz waren.

"Alles nicht so gemeint"

Die Richterin konnte allerdings nicht nachvollziehen, weshalb der Angeklagte sich "so komisch" benommen habe. Spätestens als ihm seine Aussagen nochmals vorgelegt wurden, habe er die Ermittler darauf hinweisen können, dass "das alles nicht so gemeint war". Stattdessen habe er die Aussagen kommentarlos unterschrieben.

"Ich habe es nicht für möglich gehalten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand uns verdächtigen könnte", so Scheer. "Da waren Leute, die uns kannten. Die hätten doch wissen müssen, dass wir nicht imstande sind, so etwas zu tun"

Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald wollte hingegen nicht so recht glauben, dass sich Scheer nicht mehr an diesen Abend am Findel erinnern konnte. Was das Attentat in den Kasematten angeht, habe er sofort zu erzählen gewusst, dass er an diesem Abend bei der Sprengfalle in Asselscheuer im Einsatz war. Vor diesem Hintergrund sei es schon etwas komisch, dass er sich aber im Zusammenhang mit dem Attentat auf Findel nicht mehr daran erinnern konnte, dass er zu diesem Zeitpunkt dort auf Patrouille war.

Die Verhandlung wird nun mit den Ausführungen der Ermittler zu den Anhörungen des zweiten Angeklagten, Jos Wilmes, am Mittwoch fortgesetzt.


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